Malen mit Onkel Hakan oder die Kunst, Kinder richtig zu loben

Ich male gerne.

Als Kind malte ich sehr viel. Alle fanden meine Bilder toll und in der Schule bekam ich im Kunstunterricht eine eins für meine Bilder.

Doch irgendwann hörte ich damit auf.
Halbherzige Versuche bis heute änderten daran nichts.

Jetzt male ich wieder regelmäßig. Dank meiner Patenkinder, Neffen und Nichte.

Aufhören, ohne zu wissen warum

Mir gefielen meine Bilder nicht mehr. Es begann irgendwann in der Vergangenheit, dass nur noch eine Erinnerung, schlecht zu sein, bis ins heute schaffte. Ich könnte sagen, ich bin zu kritisch, aber wenn ich ehrlich gegenüber mir selbst bin, dann finde ich, dass ich viel zu schlecht male. Früher war ich wirklich gut. Ich hatte mit dem Zeichnen von Figuren begonnen und gleichzeitig studierte ich Anatomie und Proportionen des menschlichen Körpers.

Irgendwann war ich so gut darin, dass ich nebenbei meinen »Running Man« zeichnete. Das ist eins meiner Lieblingsbilder, alleine weil es schon Din A2 groß ist.

Running Man (1995) by Hakan Civelek
Running Man (1995) by Hakan Civelek – Inspiriert durch ein Bild von Burne Bogarth

Im Jahre 1995 saß ich abends vor dem Fernseher und schaute mir eine belanglose Serie an. Ganz nebenbei holte ich den großen Zeichenblock heraus und setzte meinen blauen Stift an. Blau mag ich bis heute. Ich zeichnete das Bild von »Burne Bogarth«. Bevor ich darüber nachdenken konnte, ob mir das Bild gelang, war es schon fertig. Als ich das Ergebnis sah, war ich verblüfft und angetan.

Wenn ich hingegen heute etwas zu zeichnen wage, schmeiße ich sie halbfertig weg und bin genervt und gestresst. So schlecht finde ich sie. Warum ich nicht frei malen kann und mir diesen Leistungsdruck innerlich aufbaue, weiß ich nicht.

Malen nach Zahlen ohne Zahlen

Malbuch für Erwachsene mit Mandalas
Malbuch für Erwachsene mit Mandalas

Daher kaufte ich mir ein Malbuch für Erwachsene, irgendetwas mit Mandalas. Das Malbuch kam mir vor wie ein Fahrrad mit Stützrädern, dabei war ich für ein Rennrad bestimmt. Mein junges Ich hätte mich ausgelacht und es als Dreirad bezeichnet.

Aber, ich wollte mich langsam ans Malen herantasten.

Das Malen der anderen

Ich schlug die erste Seite auf. Oh, das Bild war sehr groß mit vielen kleinen Flächen, die sich symmetrisch wiederholten. Es sah aus, wie Malen nach Zahlen, nur dass die Zahlen fehlten – also wie ein Kindermalbuch für fortgeschrittene Kinder, das durch seine komplexen, geometrischen Figuren die Illusion von Herausforderung suggerierte und den Kopf vom »sich über sich selbst lustig machen« abhielt.

Was mich zu Beginn entspannte, denn ich hatte längst die Trivialität des Bildes erkannt und konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen, verwandelte sich mit jeder ausgemalten Fläche schnell in stressige Arbeit.

Ausgemalt von mir
Ausgemalt von mir – ich habe fertig.

Ich legte den Stift immer häufiger weg und betrachtete mein »Kunstwerk«. Passten die Farben? Sah es gut aus? Nein, doch nicht. Und wieso muss ich überhaupt noch so viel ausmalen?

Schnell googelte ich wie andere diese Mandalas ausgemalt hatten. Oh, sehr schön. Wieso konnten sie das und ich nicht? Welt, du kannst mich mal! Es war schon immer besser, anderen die Schuld als sich selbst zu geben, denn ich will ja so bleiben wie ich will, nur in besser.

(Leistungsloses Können)

(Im Grunde bedeutete das, dass alle anderen schlechter werden sollten. Aber diesen Gefallen würden sie mir nicht tun, diese Egoisten! Diese Form des »Leistungsloses Könnens« wird von einigen eher verbal praktiziert, indem sie die anderen abwerten. Das jedoch liegt mir nicht. Aber, ich schweife ab…)

Malen mit Kindern

Erstaunlicherweise kann ich ganz gut beim Malen mit Kindern abschalten.

Woran es liegt, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich mir sage, dass es nicht um mich, sondern um das Kind geht. Dann spielt das Ergebnis keine Rolle. Oder vielleicht, weil Kinder und Eltern so leicht zu beeindrucken sind. Und manchmal überrasche ich mich selbst und möchte meine Freude mit anderen teilen.

Jedenfalls freue ich mich auf das Malen mit meinen Patenkindern, Neffen und Nichte.

Schalter im Kopf

Ich glaube, irgendwo in meinem Kopf habe ich einen Schalter, der mich blockiert.

Vielleicht ist es eine innere Stimme, die mit sich unzufrieden ist und nur wartet, endlich mal wieder etwas sagen zu können. Denn je häufiger sie sich meldet, desto seltener tue ich etwas. Und dann bleibt der Schalter immer auf »An«.

Dieser innere Schalter hält mich häufiger von Dingen ab, die ich gerne machen würde wie z.B. mehr Artikel für meinen Blog zu schreiben.

Lernen mit Kindern

Erstaunlicherweise sind die Kinder, mit denen ich male, nicht durch mich eingeschüchtert, denn was immer sie malen, sie bekommen es nicht so gut wie ich hin – und das sehen sie. Dann sieht ihr Bild neben meinem schlechter aus.

Das hält sie niemals ab, mit mir gemeinsam zu malen. Im Gegenteil, sie freuen sich darauf und bewundern meine Bilder und malen ihre unbeeindruckt weiter. Daran denke ich häufiger, wenn ich etwas mache und das Gefühl habe, zu scheitern.

Ich erinnere mich, wie sich das Lob und die Meinung über meine »Meisterschaft« in den Mündern der Erwachsenen verselbstständigte und sich immer weiter von meinem Können entfernte und mich nicht mehr erreichte. In diesen Zwischenraum stopfte ich immer mehr aufkeimende Unsicherheit und Zweifel.

Und als ich selbst erwachsen wurde, hatte sich diese Stimme in meinen Kopf hineingeschlichen und sich in etwas verwandelt, das mir Fesseln auferlegte, aus dem ich mich selbst schwer befreien konnte (oder kann). (Vielleicht wollte ich vermeiden, dass die anderen entdeckten, dass ich doch nicht so gut war.)

Das Gift des falschen Lobs

Jahrelang dämmerte dieses Wissen halbbewusst in meinem Hinterkopf. Bis ich etwas Erhellendes darüber in dem Buch »Die Frau, die nicht lieben wollte« (Amazon Werbelink) las. Darin zitiert der Autor Stephen Grosz die Studie von den beiden Psychologen Carol Dweck und Claudia Mueller aus dem Jahre 1998.

Die Psychologen haben darin etwas sehr simples mit dramatischem Ausgang gemacht: Sie stellten Kindern Aufgaben und lobten sie anschließend mit zwei unterschiedlichen Sätzen.

Ein Teil der Kinder wurde mit dem Satz »Das hast du gut gemacht, du bist wirklich intelligent« für ihre Intelligenz gelobt. Die anderen Kinder hingegen wurden für ihre Mühe gelobt: »Das hast du gut gemacht, hast dir wirklich große Mühe gegeben.«

Die Kinder, die für ihr Tun gelobt wurden, strengten sich mehr an, sie probierten Neues aus, bewiesen mehr Durchhaltevermögen und – ganz wichtig – sie führten Fehler oder Misserfolge auf mangelnde Anstrengung zurück. Sie hielten sich nicht für weniger intelligent, sondern wussten, wenn sie sich mehr Mühe geben würden, wären sie wieder erfolgreich.

Die anderen Kinder allerdings reagierten auf eine ganz andere Weise. Sie probierten weniger aus und konzentrierten sich auf bekannte und von ihnen lösbare Aufgaben. Und stießen sie auf Probleme, hörten sie eher auf. Damit begannen die Zweifel über die eigene Intelligenz und ihr Selbstwertgefühl sankt, begleitet von abnehmender Motivation.

Als ich das las, erinnerte ich mich, wie ich mich immer wieder fragte, warum ich so ein guter »Maler« sei und wie ich das angestellt hatte.

Dieser Gedanke lies im Hintergrund Sorgen wachsen, dass ich nicht gut malen konnte und es nur ein Zufall war. Ich begann beim Zeichnen und Malen mich nur noch auf Motive zu konzentrieren, bei denen ich mir sicher sein konnte, dass ich sie wirklich gut beherrschte. Und wann immer mir etwas nicht gelang, was zunehmend passierte, wuchsen meine Zweifel. Irgendwann hörte ich auf.

Und was bringt das meinen Patenkindern, Neffen und Nichten?

Ich schaue mir ihre Bilder an. Lobe nur das, was ich für gelungen halte und zeige ihnen, was sie und wie sie etwas verbessern können. Ich hoffe, durch das gemeinsame Malen werden sie ein wenig kreativer und finden (noch) mehr Gefallen am Malen, weil sie selbst schöne Bilder schaffen.

Vielleicht bringe ich ihnen etwas über Farben, Licht & Schatten, Plastizität und Bildkomposition bei und – Achtung Wunschdenken! –  stärke damit ihr Selbstbewusstsein.

Als eines meiner Patenkinder meinte, sie könne niemals eine Prinzessin malen – ok, Disney‘s Vorlage war auch schon anspruchsvoll –, nahm jeder von uns ein Blatt. Wir malten Kreise, Ovale, Klötze und noch andere Formen. Wir zerlegten das komplexe Bild in einfache Formen und setzen es auf unseren Blättern zusammen. Form um Form nahmen die Prinzessinnen auf unseren Blättern Gestalt an. Bis sie sich zu ihrer Überraschung zu einer Prinzessin verwandelte. Dann malten wir die Prinzessin an und verwendeten mindestens zwei dunkle und helle Töne. Bis heute malt mein Patenkind auf diese Art.

In diesem Jahr geht sie aufs Gymnasium und hat in ihrem ersten Halbjahreszeugnis die Note »sehr gut« in Kunst. Dem Wohlwollen ihrer Mutter verdanke ich es, dass sie die Leistung ihrer Tochter mir zuschreibt. Da mir der Gedanke gefällt, protestierte ich nur ein wenig dagegen.

Quellen & Links

Burne Hogarth – Wikipedia
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Burne_Hogarth, Stand 09.04.2017

Stephen Grosz – Die Frau, die nicht lieben wollteJetzt auf Amazon bestellen:
Stephen Grosz – »Die Frau, die nicht lieben wollte«


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