»Du kommst hier nicht rein«

Bielefeld heute. Die Mülleimer sind geleert und werden bald wieder voll sein. Das geht schnell.

Besuch einer Disco – aus dem Leben eines Türken


Wenn der Türsteher gut drauf war, dann sagte er auch mal »Heute nur für Stammgäste« und gab einem die vage Hoffnung, doch irgendwann mal in diese Disco hinein zu kommen.

Wenn ich dann fragte, wie ich Stammgast werden könnte, ohne jemals hineinzukommen, zuckte er desinteressiert die Schultern. War ihm doch egal.

Andere waren gnädiger und gaben mir Tipps wie »zieh dir andere Schuhe an«, während ein anderer mit weißen Turnschuhen an mir vorbei schlürfte.

Ein weiterer Tipp: »Zieh dir eine andere Hose an«, während ein anderer mit zerschlissener Hose und Löchern unter den Knien an mir vorbei ging.

Und noch ein Tipp: »Zieh dir ein Hemd an«, während ein anderer mit aus der Hose gezogenem T-Shirt an mir vorbei lief.

Leader of my Minions Bailey Puggins by DaPuglet
Wir müssen leider draußen bleiben.

Wäre es möglich, hätte ich auch mein Gesicht austauschen sollen. Aber das sagten sie nicht.

Sind das Ratschläge oder Auflagen?

Dann gab es tatsächlich noch Türsteher, die konstruktive Vorschläge machten und die Aussicht, ein Stammgast zu werden, real erscheinen ließen.

»Komm an einem anderen Tag wieder, dann ist weniger los.«

Das war wie zuerst zweiter Klasse fliegen und irgendwann auf ein Upgrade in die First Class hoffen.

Wenn du jung bist und verzweifelt genug, dann machst du das auch mit und gibst nie auf. Was wäre sonst die Alternative? Denn alle Diskotheken, für die ich mich interessierte, weil alle meine Freunde und die heißesten Frauen hineingingen, ließen mich nicht rein.

Dann stand ich fein hergerichtet neben dem Türsteher, wie so ein Muster-Exemplar eines Ausländer, das man gerne mal vorführte.

»Bleib hier stehen«, hatte der Türsteher gesagt. An der Tür herrschte der Türsteher wie ein Diktator. Er hob den Daumen oder senkte ihn und war niemandem Rechenschaft schuldig. Das kann man mögen oder auch nicht. Er darf das, denn er besitzt das Hausrecht. Was er nicht darf, ist an der Tür zu diskriminieren.

Aus Erfahrung wusste ich, ein falsches Wort oder eine falsche Bewegung, und ich wäre nicht mehr hineingekommen. So einfach konnte man Menschen erziehen – aber Vorsicht, im falschen Moment oder bei den Falschen bricht sich die Wut an der schwächsten Stelle und trifft Unschuldige.

Also stand ich still da, als gehörte ich zu den Türstehern (in der Tat waren viele der Türsteher selbst Ausländer), während all die Männer, die weniger gut gekleidet und gepflegt waren als ich, achtlos an mir vorbeiliefen.

Dann folgte ich ihnen mit meinem Blick durch die Tür in die funkelnde Menge ausgelassen feiernder Menschen. Ich fühlte mich so privilegiert, denn nicht jeder Türke durfte neben dem Türsteher warten.

Grundlos ausgeschlossen

Egal, was ich auch tat, ich war nie Stammgast. Stand immer vor der Tür auf der dunklen Seite und gierte in das Licht. Wartete auf den Moment des Einlasses.

Über mehrere Jahre ging ich jeden Samstag und häufiger auch mal am Freitag in die gleiche Disco in Herford. Die Türsteher ließen mich immer an der Tür abblitzen, egal, ob sie mich kanten oder selbst gerade neu angestellt. Wir waren schon ein gut eingespieltes Team.

Ich kam dann nur hinein, weil ich irgendjemanden kannte, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte.

Ich hörte also nicht auf und ließ mir niemals die Freude auf den Abend nehmen, meistens jedenfalls. Es war wie eine regelmäßige Herausforderung, der ich mich wöchentlich stellte und immer zu gewinnen versuchte. Ich redete auch nicht mehr mit ihnen und fragte nach Gründen. Den Ärschen (das war noch gnädig) glaubte ich kein Wort (später lernte ich ein paar nette Türsteher kennen, die mir von der Vorgabe einer Ausländerquote seitens der Geschäftsführung erzählten).

Aber eins schafften die Türsteher: Ich fühlte mich niemals dazugehörig, immer nur als jemand, der mal geduldet wurde, denn was immer ich auch tat, ich war niemals Stammgast.

Ich fühlte mich betrogen und verarscht. Ich hatte niemandem etwas getan und wurde einfach so ausgeschlossen. Irgendwann hatte ich es satt und wollte niemals Stammgast irgendwo sein. Das Gefühl der Ohnmacht und Verlorenseins werde ich nie vergessen.

Türkei vor den Türen Europas

Durch den Filter dieser Erfahrung las ich den SPON Artikel mit der Überschrift “Die Tür zu einem EU-Beitritt ist endgültig zu“.

Filter, die durch Emotionen getrübt, bestimmte Bereiche stark hervorheben, während andere Teile völlig im Dunkeln verschwinden. Diese Filter verzerren die Welt, in dem sie Teile daraus fressen. Übrig bleibt nur das, was wir herauslesen wollen.

Wann war sie denn jemals offen, fragte ich mich ein wenig empört. Die Frage war nicht rhetorisch, denn es gab wirklich eine Zeit, in der ich glaubte, es wird doch noch klappen, denn die wirtschaftlichen Interessen Europas würden überwiegen.

Doch in gemeinen Momenten sah ich nur eine Wand, auf der eine Tür aufgemalt war.

Und dann fragte ich mich, wer von den Türken oder Deutschtürken oder Deutsche mit türkischen Wurzeln das überhaupt noch wollte. Niemand! Es klang für mich wie ein trotziges, kämpferisches »Nein«, in das sich die Spuren des jahrelangen Ablehnens eingefressen hatten und in dem aufkeimende Hoffnungen erstickt werden sollten.

Make your own party

Night Party by freepik
Mach deine eigene Party!

Wenn du lange genug nicht hineinkommst, dann willst du auch nicht mehr rein.

Einige Ausländer in Bielefeld begannen aus der Not eine Tugend zu machen und organisierten ihre eigenen Parties mit Turkisch Night wie »Bir Başka Gece« (wie es der Zufall wollte, begann das Ganze mit einem Flyer den ich erstellt hatte) oder Polka Nights oder Ruski oder…

In den letzten Jahren las ich häufiger von sinkenden Gästezahlen und verändertem Freizeitverhalten. So lernt eine Disco, sich über jeden Menschen zu freuen.

Es ist halt immer eine Frage der Zeit, bis sich etwas ändert und sogar ins Gegenteilige umschlägt. Die Hoffnung bleibt immer, dass am Ende das Gute gewinnt.

Ebenso wichtig: Verliere niemals deinen Humor!

Ich bin trotzdem drin

Ich ließ mich von den Türstehern nicht entmutigen. Welche Wahl hatte ich auch.

Glücklicherweise eröffneten weitere Diskotheken in Bielefeld oder wurden für mich interessant, in die ich problemlos hinein kam. Das war damals das PC69, die Hechelei oder das far out – dort kam ich genau einmal nicht hinein. Das war aber eine Begegnung der ganz besonderen Art].

Und dann gab es da noch – was für ein Zufall – das Cafe Europa. Dort hatte ich mit Freunden sehr viel Spass – also Europa kann dir mit den richtigen Menschen viel Freude bereiten 😉

Epilog

Wer genau lesen kann, wird bemerkt haben, dass ich mich nicht zum Referendum geäußert habe. Mir geht es lediglich um die jahrenlangen Beitrittverhandlungen der EU mit der Türkei. Diese dauern schon länger an, als ich auf der Welt bin. Hier versuche ich, meine persönliche Sicht und Empfindungen wiederzugeben. Um es deutlich mit Volker Pispers Worten zu sagen:

»Ich hoffe, Sie kennen den Unterschied zwischen einer Rechtfertigung und einer Erklärung.«

photo credit: disco ball & night party Designed by Freepik
photo credit: dog by DaPuglet Leader of my Minions Bailey Puggins via photopin (license)

Links & Quellen

Wiki: PC69
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/PC69, Stand 18.04.17

fxhakan-blog: Wie mir ein Wookie den Eintritt in die Disco verweigerte

Cafe Europa – Homepage
URL: http://cafeeuropa.de/, Stand 18.04.17

SPON: Türkei-Referendum – “Die Tür zu einem EU-Beitritt ist endgültig zu”
URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tuerkei-referendum-die-tuer-zu-einem-eu-beitritt-ist-endgueltig-zu-a-1143595.html, Stand 18.04.17

Welt online: Warum die Großraum-Disko dem Untergang geweiht ist
URL: https://www.welt.de/wirtschaft/article143529525/Warum-die-Grossraum-Disko-dem-Untergang-geweiht-ist.html, Stand 18.04.17


4 Gedanken zu “»Du kommst hier nicht rein«

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  • Hakan von C

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