Ü30 oder die differenzierte Sicht auf das Alter

Umwege, heißt es, erhöhen die Ortskenntnis. Etwas Ähnliches gilt vermutlich auch für Streiks.

Der Streik dauerte schon eine Weile. Die junge Frau – sie war höchstens 25 Jahre alt – erzählte mir von ihrem Erlebnis mit alternativen Fortbewegungsmitteln: Einem Trip mit einem Fahrer über die Mitfahrzentrale. An sich war das nichts Erwähnenswertes oder Aufregendes, und trotzdem verwirrten mich ihre Ausführungen, dass ich immer noch darüber nachdenke, ob es an meinem Alter liegt oder dass ich das andere Geschlecht noch immer nicht verstehe. Denn was sie tat überraschte und verwirrte mich zugleich.

Kontakt mit suspektem Mann

»Die Mitfahrzentrale hat eine Seite mit den Fahrern«, sagte sie. »Da kannst du dir das Foto und den Steckbrief anschauen.« Sie klang amüsiert. Für mich hörte sich das eher nach einer Kontaktbörse für Singles oder Ähnlichem an.

Auf einem Profil präsentierte sich ein Ü30 Mann. Er war ihr nicht ganz geheuer, denn er nähme seinen Sohn mit auf den Fahrten durch ganz Deutschland.

Ein Vater, der sich um seinen Sohn kümmerte, das war suspekt! Eigentlich sollte es doch Mitfahrerinnen beruhigen, denn als Familienvater wirkte der Unbekannte vertrauensvoller. Und in Gegenwart seines Sohnes dürfte er sich gegenüber Frauen sittlicher verhalten (ohne dem Mann etwas unterstellen zu wollen, was ich hiermit aber schon tat).

Während ich also darüber nachdachte, warum sie einen Vater merkwürdig fand, der seinen Sohn mitnahm, und ich gleichzeitig versuchte, auszurechnen, wie alt der Mann sein konnte, sagte sie etwas, dass ich glaubte, missverstanden zu haben.

Schwerhöriger Mann

»Äh, was?!« Gekonntes Nachfragen war das A und O eines guten Zuhörers.
»Ich sagte: Die Fahrt mit den beiden war sehr interessant!«

Ich war nicht schwerhörig oder schwer von Begriff, sondern in Gedanken versunken! Und ein wenig verwirrt.

»Du bist mitgefahren?!« Nachfragen war ein weiteres Merkmal eines guten Zuhörers.

»Ja, warum nicht.«

Warum nicht?! Diese Frage konnte ich mir verkneifen. Was mein Gesicht dazu sagte, weiß ich nicht. Nach diesem kurzen Zucken auf allen Ebenen, fragte ich mich auch: Ja, warum auch nicht. Nur weil sie ihn suspekt fand, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht mit ihm mitfahren würde. Logisch, oder?

Ok, dachte ich mir und sagte, um meine eigene Logik in die Sache hinzubringen: »Dann sah er gut aus?«

Jenseits von meiner Logik

Diese Denkweise war bestimmt typisch männlich. Und trotzdem verwirrte mich ihr kurzes und knappes »Nö«.

Ihrer Logik konnte ich nicht folgen, egal was ich anstellte. Vielleicht unterstelle ich ihr zu viel Logik. Vielleicht war die Wahrheit viel banaler: Sie war mutiger als ich. Ich wäre nicht mitgefahren und hätte befürchtet, irgendwo im Wald vergraben zu werden. Wahrscheinlich die Nebenwirkung zu vieler Sendungen mit Psychopathen im Fernsehen (warum haben eigentlich Sendungen kein Beipackzettel?).

Und während ich wieder mit meinen Gedanken beschäftigt war, sagte sie wieder etwas, das mich aus meiner Gedankenblase herausholte – eigentlich brachte sie meine Gedankenblasen wieder zum Platzen, sie waren viel zu fragil.

»Was war er?«

»Er war viel zu alt. 41.«

Wofür war er zu alt, um attraktiv und gutaussehend zu sein? Aber statt ihr diese Frage zu stellen, fragte ich etwas anderes: »Hatte er mit seinem Alter geschwindelt?«

Nein, hatte er nicht. Nur schien die Zählweise der Jugend von heute (mein Racheausdruck für U25) anders zu funktionieren, als ich es von meiner Jugend her kannte. So war das nämlich, wenn man selbst alt wurde. Da war das Alter, das in der Vergangenheit in der Vorschau so alt erschien, gar nicht mehr so alt in der Rückschau, weil es sich direkt vor einem befand.

Zählschwäche im Alter

Oder vielleicht war das auch nur eine Art Rechts-Links-Schwäche für Zahlen. »Alt« war alles über 30, unabhängig wie weit davon entfernt, denn es war nicht mehr steigerungsfähig oder einfach irrelevant. Vielleicht war es auch nur relevant für jemanden, der selbst Ü30 war und gerne Wert auf eine differenzierte Sicht auf das Alter legte.

Jetzt, muss ich eingestehen, finde ich Gefallen an der Bezeichnung »Ü30«. Vermutlich weil ich alt bin oder, weil ich im Alter unter einer Zählschwäche leide;-)

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3 Gedanken zu “Ü30 oder die differenzierte Sicht auf das Alter

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  • Hakan von C

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