Über das Massieren ohne Hintergedanken

Ich bin ein Verfechter der Massage ohne Hintergedanken in Beziehungen, denn häufig neigen wir Männer dazu, nahezu jeden Austausch von Zärtlichkeiten als Vorspiel zum Sex aufzufassen oder auszunutzen. Aber ich greife vor.

Der Nacken, die Kopfschmerzen und die Migräne

Luise erzählte mir von ihren Kopfschmerzen, die in letzter Zeit immer häufiger zu einer scheußlichen Migräne anwuchsen. Sie legte ihre rechte Hand mit einem leidenden Gesichtsausdruck an ihren Nacken und strich sanft ihren Hals hinunter.

»Mein Nacken«, sagte sie gedankenversunken.

Sie war jung und wirkte immer so sorglos. Ich wunderte mich über ihr Leiden in jungen Jahren. Hätte sie nicht eher von Glück und Familie reden müssen? Aber vielleicht hatte ich eine falsche Vorstellung vom Schmerz und wem sie widerfuhr.

»Du hast doch einen Mann, lass dich von ihm massieren«, warf ich flapsig und amüsiert ein.

Ihr Blick wanderte zu mir und ein Lachen stieß kurz auf wie ein Schluckauf. Dann huschte etwas schnell über ihr Gesicht hinweg, dass ich es kaum erfassen konnte. Wollte sie mir andeuten, dass ich keine Ahnung über Männer hätte oder war es ein kurzes Aufflackern von Leid, Trauer oder Resignation?

»Immer«, sagte sie und ihre Augen begannen schelmisch zu funkeln, »wenn wir uns ein wenig näher kommen, dann will er sofort mehr.«

Die Massage, der Sex und der Verlust der Intimität

Das klang bitter und in ihrem Wort »Immer« schwang etwas mit, das durch meinen Kopf hallte und bestimmte Gedanken wachrüttelte. Denn, was sie sagte, klang für mich wie eine Anklage und der Verlust von etwas Wichtigerem: Intimität.

Hatten sie noch Sex? Mein erster Gedanke. Typisch männlich! Ich fragte sie nicht, das wäre dann zu persönlich und unpassend gewesen. Aber ich sah, wie sie die Gedanken in meinem Gesicht verfolgte und mich genau bei diesem Unausgesprochenen ertappte.

Wir redeten nicht mehr weiter. Was hätte ich auch sonst tun können. Reden? Ja, reden war immer gut, aber das hätte sie mit ihrem Mann machen müssen.

Als Mann konnte ich ihren Ehemann verstehen, nur nicht, dass er keine Gelegenheit auszulassen schien. Damit tötete er den Nährboden für jegliche Zärtlichkeit zwischen ihnen, was ihn vermutlich um den Sex brachte. Vielleicht machte ihn genau diese Situation zu einem dauergeilen Menschen, der sofort seine vermeintliche Chance nutzte.

Aber, ich musste keine Frau sein, um zu verstehen, dass in gewissen Situationen eine eindeutige Annäherung falsch war. Viele meiner Freundinnen hatten immer wieder Kopf-, Nacken- und Schulter- und Rückenschmerzen und immer wieder Migräne. Was ihnen half, waren lange Massagen, und ich war froh darüber, ihnen ein wenig helfen zu können.

Ich massierte ohne Hintergedanken. Ok, meistens. Meine Gedanken kann ich nicht immer kontrollieren, aber mein Handeln.

»Jeder Mann verwandelt eine Massage in Sex so schnell er es kann«

Ich wusste nicht, wie weit das Problem der Frauenmassage verbreitet war, bis ich eine Szene in der Serie »Rules of Engagement« Folge S04E12 sah (Serien zählen doch als Beweis?!).

Darin massierte Adam seine Frau Jennifer. Sie lag flach mit dem Bauch auf dem Ehebett, während er auf ihrem Po saß. Und kaum streichelten seine Hände ihre Schultern, senkte sich sein Kopf und das Knabbern an ihrem Hals begann. Die Massage als Vorspiel. Ganze zehn Sekunden dauerte die Massage mit der Erkenntnis von Jennifer am Ende: Jeder Mann verwandelt eine Massage in Sex so schnell er es kann. (»I mean, every man turns a massage into sex as fast as they can.«)

»Massieren und schweigen«

Eigentlich alles sehr amüsant, sofern es die eigene Beziehung nicht betraf. Nur war mir nicht bewusst, wie hilfreich eine Nackenmassage für Frauen in Stresssituationen war.

Ich dachte immer, Reden sei wichtig, bis ich Werner Bartels Buch »Glücksmedizin*« (Amazon Werbelink) las.

Darin stand, dass die Stresshormone der Frauen am effektivsten abgebaut würden, wenn ihr Nacken massiert und zugleich geschwiegen wurde. Nur reden in belastenden Situationen helfe den Frauen hingegen nicht.

Interessanterweise verhielte es sich bei den Männern umgekehrt. Sie wollten reden und Verständnis von ihren Frauen.

Nachspiel oder was am Ende bleibt

Berührungen dürften immer eine beruhigende Wirkung auf Menschen haben. Ich glaube, die Effektivste davon ist die innige Umarmung, die wie eine Heilung von innen wirkt.

Wie es der Zufall wollte, kam Luisas Mann auf mich zu. Luisas Geburtstag stand bevor. Er fragte mich wegen eines Geschenks für sie. Mir fielen ihre Worte wieder ein. Ich empfahl ihm, mehrere Karten zu kaufen und daraus Gutscheine für eine Massage ohne Hintergedanken zu machen – mit ihm als Masseur.

Er lachte und freute sich, denn er müsse dafür nichts bezahlen. Aber da irrte er sich gewaltig, denn am Ende könnte es ihn teuer zu stehen kommen. Oder war sein Lachen ein Zeichen, dass er meinen Wink verstanden hatte. Ich hoffte es.

Übrigens, eine Paarmassage geht auch.

photo credit: Branson Missouri Cedar Creek Spa via photopin (license)


5 Gedanken zu “Über das Massieren ohne Hintergedanken

  1. Schön zu lesen und gibt zu denken. Erwähnenswert vor allem „Meine Gedanken kann ich nicht immer kontrollieren, aber mein Handeln.“ Auch, weil das mal wieder vor Augen führt, wie Handeln mit den Händen zusammenhängt und weitaus Physischer ist, als es in unserer doch gerne so intellektuellen Gesellschaft oft wahrgenommen wird. Schade, dass Massagen immer gleich so verpönt sind. In den USA sollen dafür Physiotherapeuten/innen zu den attraktivsten Jobs auf Tinder zählen. Irgendwie möchte man eben doch gerne öfter in den Genuss von Nackenmassagen kommen 😉

    1. Hallo Miriam,
      vielen Dank für Deinen schönen Kommentar! Goethe hat selbst ja die Tat vor dem Wort gestellt, als er in Faust das Johannesevangelium übersetzte;-) Ich glaube, bei den heutigen Volkskrankheiten, die durch viel sitzen im Büro u.ä. bedingt sind, wären Massagen sehr hilfreich und sollten gleich am Arbeitsplatz angeboten werden:-D Dann wären nicht nur Alleinstehende versorgt, sondern wir alle etwas entspannter…

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