Der Abschied und die Serien

Heute hatte ich einen heftigen Flirt mit einem widerspenstigen Busch. Mehrere kurze Kratzer auf der Nase. Jeweils ein Langer entlang meiner Geheimratsecken. Links und rechts auf meinen Wangen wieder kurze Striche. Und als kleines Highlight eine lange, durchgezogene rote Linie prominent über meiner linken Augenbraue. Es klingt fast so, als würde mein Gesicht in Form eines geheimen Morsecodes ein Hilferuf aussenden oder als hätte ich eine Katze gewaltsam aus meinem Gesicht gerissen.

Ich bin nicht mehr der Jüngste und muss aufpassen, wenn ich mit meinen Neffen und meiner Nichte spiele. Aber, mein aktuelles Gesichtsdesign passt von der Stimmung her besser zu meinem heutigen Text als ein Makelloses. Sie handelt vom Abschied von vertrauten Serien oder Sendungen und der Traurigkeit.

Merkwürdig, was mich traurig stimmte.

»Zimmer frei«

Am Anfang dieser Woche las ich in der Zeit einen wehmütigen Artikel über die letzte Sendung »Zimmer frei«. Eine Sendung, in die ich mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit sonntagabends hineinzappte und einen Moment verweilte. Ich sah mir nie die Sendung zu Ende an und doch war sie mir über die Jahre hinweg ans Herz gewachsen. Das lag vor allem an den beiden Moderatoren Christine Westermann und Götz Alsmann. Eine eigensinnige Kombination aus Heiter und Ernst gepaart mit Herzlichkeit.

Ich fühlte mich immer wohl bei ihnen und schaute daher gerne vorbei, als seien sie liebevolle Nachbarn, die ich von Zeit zu Zeit gerne besuchte.

Ihre Sendung lief und begleitete mich so viele Jahre (es sollen 20 gewesen sein), dass mir nie in den Sinn kam, sie könnte irgendwann aufhören. Jetzt waren beide ausgezogen, ohne dass ich es gemerkt hatte.

Ich mag keine unveränderlichen Veränderungen. Vor allem mag ich keine Abschiede für immer.

Oder lag es an etwas anderem?

»Two and a Half Men«

Als die letzte Staffeln von »Two and a Half Men« am 26.05.2015 lief, hauchte sie im Hintergrund ihr Leben aus. Seitdem Charlie Sheen nicht mehr mitspielte, schaute ich mir die Folgen nicht mehr wirklich an. Ich ließ bzw. lasse den Fernseher gerne im Hintergrund weiterlaufen, aber auch nur aus Gewohnheit oder wie einen alten Freund, den man bei sich sitzen lässt, weil er nicht wirklich stört.

Daher hätte ich traurig sein können, war ich aber nicht.

Endgültigkeit und Wiederholungen

Vielleicht lag es an der schlechten Fortsetzung ohne Charlie Sheen oder an dem Unterschied zwischen der Sendung »Zimmer frei« und »Two and a Half Men«. Der Unterschied lag für mich in der Endgültigkeit.

Die Serie »Two and a Half Men« läuft trotz ihres Endes einfach weiter. Auf Pro7 und auf Pro7 MAXX. Im Grunde war sie nie weg und immer da.

Vielleicht liegt viel Tröstliches in Wiederholungen? Das lernte ich erst mit dem Alter zu schätzen. Früher fand ich Wiederholungen langweilig bis nervig. Doch jetzt begleitet mich die Serie ständig durch mein Leben und ändert sich nicht, als würde sie unendlich lange weiter laufen und niemals enden. So habe ich das Gefühl, dass alles Gute unveränderlich beim Alten bleibt und mein ständiger Begleiter sein wird, bei dem ich Trost finde und der mir selbst den Schein gibt, ein Teil von etwas Unsterblichem zu sein und damit selbst ein Stück unsterblich.

Klingt pathetisch, aber vielleicht trauere ich ein wenig um mich selbst, um meine Vergänglichkeit, um die Zeit, die unwiederbringlich verstrichen ist…

Kratzer an der Oberfläche

Was ich zu Anfangs zu erwähnen vergessen hatte, sind die Kratzer an meinen Händen. Der größte Schmerz geht von meinem linken kleinen Finger aus, in den sich ein Stück vom Busch hineingebohrt hatte.

Und noch etwas fällt mir ein. Vielleicht ist die Wahrheit viel banaler. Nach Jahrzehnten muss ich meine alte Wohnung wegen Eigenbedarfs meines Mieters verlassen und ausziehen.

Nun ist ein Platz für etwas Neues frei. Goodbye…

photo credit: #GoodbyePhilae via photopin (license)

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