Das Prickeln und mein Unterwasserflirt

Meine Erinnerung ist eine undankbare Schlampe. Nie merkt sie sich das, was ich will und erinnert sich in den unmöglichsten Momenten an Ereignisse in den unpassendsten Situationen.

Heute Morgen weckte der Regen mich unsanft mit seinen lauten und stetigen Tropfen gegen meine Fensterscheibe. Haben wir nicht Sommer? Ok, die Witze über den Sommer sind so ausgelutscht wie der Sommer selbst. Doch ärgert es mich schon, dass ich an meinen Ausschlaftagen früher und leichter aufwache, als an meinen Arbeitstagen. Vielleicht versucht mein Körper mir unbewusst etwas mitzuteilen, etwas wie: Arbeit ist ungesund und widernatürlich oder arbeite nur an Wochenenden und nie in der Woche. Also eine reine und sehr vernünftige Schutzfunktion meines Körpers, tief verankert und daher leicht zu überhören.

Ich reiße die Gardinen auf und blicke hinaus durch eine mit Hunderten von Tropfen verwässerte Fensterscheibe in eine von Wellen verwirbelte Welt. Dann fällt mir die ältere Dame mit seltsam schwungvollem Gang und Haaren ein, die vor mir lief auf meinem Weg zur Arbeit diesen Montag.

Dame mit seltsamen Haargang

Sie schien ihren Haaren davonzueilen. Immer, wenn ich dachte, ihre Haare würden es an ihren Hinterkopf schaffen, war sie ihnen schon wieder einen Schritt voraus. Und wären die Haare nicht an ihren Kopf befestigt, wäre sie ihnen vermutlich davongelaufen. Sie bewegte sich wie eine im Ozean schwebende Qualle, die ihre Tentakel hinter sich herzog.

Während ich darüber nachdachte, wie sie das hinbekam und ob das überhaupt möglich sein konnte, schwappte die Erinnerung an meinen Türkei Urlaub im letzten Jahr in meinen Kopf. Irgendwo musste ich undicht sein.

Schmerzhafter Kuss unter Wasser

»Lass uns bis zu den roten Bojen und zurück schwimmen!« Maddin stieß sich ins Wasser wie ein olympischer Schwimmer. Ich jedoch wollte einfach nur schwimmen. Mein Gewissen plagte mich. Ich hatte seit meinem Urlaub viel zu wenig Sport gemacht. Es schien so, als würde ich umso weniger etwas unternehmen, je mehr ich Freizeit hatte, denn Morgen war noch ein freier Tag, in den ich das Gute von heute hinüberretten konnte.

Die Bojen waren nicht weit draußen, aber weit genug, um den Boden unter den Füßen zu verlieren und anstrengender als gedacht. Ich hielt mich an den Seilen fest, als eine Welle die Boje meine rechte Seite unsanft küssen ließ.

Plötzlich spürte ich Tausende kleiner Rasierklingen, die sich heiß in mein Fleisch schnitten. Oh mein Gott! Ich ließ sofort die Seile los und wollte mir an die Seite greifen, hielt aber abrupt an. Zerfetztes Fleisch, das wie kleine Lappen an mir herunter hing. Nein, das wollte ich nicht an mir fühlen. Meine Angst war zu groß.

Stattdessen tastete ich zaghaft die Boje ab, während mein Blick unwillkürlich an der grün schimmernden Wasseroberfläche etwas Rotes suchte. Kam Blut hoch? Bleib ruhig!

Der Kunststoff der Boje war hart und zu wenig rau, als dass es mich seitlich hätte aufgeschlitzt können.

Immer noch kein Blut zu sehen. Das Brennen hatte meine komplette Seite erreicht. Trotzdem war mir kalt und mein Herz schlug gegen meine Brust, als würde es S.O.S. funken.

Ich schaute mich verwirrt auf dem Wasser um. Schaukelte hin und her. Auf und ab. Die Boje kam beängstigend nahe an mich heran. Ich griff zum Seil und hielt sie auf Abstand.

Was konnte es sein? Ich musste schauen, wie es an meiner Seite aussah. Ich hob seitlich meine Hüfte und versuchte, durch das Wasser zu blicken. Doch konnte ich nichts Ungewöhnliches sehen. War das gut?

Irgendetwas war mir zugestoßen und ich konnte es nicht erkennen.

Die Sonnenstrahlen tanzten wild auf dem Meer. Ich blickte um mich, sah Maddin, sah Kinder mit ihren Eltern lustig im Wasser plantschen und doch schien alles so fern und leise.

Ich musste nachsehen, war aber zu weit weg vom Strand. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die Stelle abzutasten, aber ich traute mich nicht.

Langsam, fast schon in Zeitlupe, konnte ich meine Hand ins Meer tauchen sehen, als könnte ich das Unglück hinauszögern. Das Wasser war kalt.

Ich legte meine Hand behutsam auf meine Hüfte. Nichts! Es fühlte sich glatt an. Meine Hand glitt hinüber zu meinen Rippen. Auch nichts. Keine offene Wunde, keine Risse – nichts!? Was war das?

Mein Kopf drehte sich roboterhaft nach links, während es angestrengt nach einer Antwort suchte.

»Was ist los?« Maddin schaute mit zugekniffenen Augen zu mir rüber.

Eine Qualle!

Die Erinnerung als Schlampe

Die Erinnerung überrollte mich wie eine unaufhaltsame Welle. Eines Nachts, als ich wieder nicht einschlafen konnte, hatte ich mich durchs Fernsehprogramm gelümmelt. Bis ich zufällig auf eine Sendung gestoßen war, die Unterwasseraufnahmen zeigte. Quallen, die schwerelos im Meer dahin glitten. Gespenstisch und wunderschön.

Die regelmäßigen und pulsierenden Bewegungen hatten etwas Beruhigendes und weckten in mir die Hoffnung, einschlafen zu können. Als plötzlich eine Stimme aus dem Off »Die giftigsten Tiere auf der Welt!« gerufen hatte. Worte wie »Anaphylaktischer Schock« und »Tod in zwei Minuten« waren gefallen. Statt zu schlummern wurde ich für einen Moment hellwach.

Ausgerechnet jetzt musste mir das wieder einfallen!

Du musst jetzt gaaaaaanz ruhig bleiben und an den Strand zurückschwimmen, sagte ich mir, denn ich hatte keinen Boden unter den Füßen.

Ich drehte um und bewegte meine Arme und Beine. Es fühlte sich an wie die Simulation von Schwimmbewegungen auf dem Trockenen.

»Hey, was ist los?« Maddin schwamm auf mich zu.

»Meine gesamte Seite brennt! Ich glaube, ich bin in die Tentakeln einer Qualle geraten.« Mir fiel wieder ein, dass das Brennen noch da war. Es schien sich heiß an meiner gesamten Körperseite auszubreiten. Ich versuchte, ruhig zu reden, merkte aber, wie mein Herz bis zu meinem Hals hinauf pochte und ich kurz vor einer Panik stand.

»Ich muss schnell an den Strand.«

Maddin überlegte, ob er es ernst nehmen oder es lustig finden sollte. Er entschied sich für das Letztere. Ich ignorierte ihn. Machte einen Zug nach dem anderen, während die Angst sich in meinem Kopf weiter nach vorne arbeitete.

Anaphylaktischer Schock. Zwei Worte, die sich in meinen Kopf brannten. Wenn ich hier einen Krampf bekomme, dachte ich, dann ertrinke ich. Scheiße! Das war‘s mit meinem Urlaub.

Knutschflecken am Körper

Der Strand wirkte plötzlich weit weg, dabei sah es vom Ufer so nah aus. Es schien, als dehnte sich der Raum in der Angst aus und die Zeit verlangsamte sich.

Ich war noch nicht am Strand angekommen, konnte aber stehen und drückte mich mit aller Kraft aus dem Wasser, während ich meinen rechten Arm in die Luft riss.

Für einen angstvollen Moment blickte ich zu den Menschen um mich herum hinüber, die nichts von meinem Unglück ahnend einfach glücklich im Wasser weiter spielten. Und dann blickte ich hinunter an mir, als würde ich in einen Abgrund schauen.

Rötliche Haut abwärts unter der rechten Brust bis zu meiner roten Badehose – war das alles?!

Ich senkte den Arm und schaute genauer hin. Nichts. Nur kleine Bläschen. Ich hatte mit allem gerechnet, hatte an Szenarien mit Rettungswagen oder schmerzhaftem Reinigen der Wunde(n) gedacht, sogar an den verdammten Urin verschwendete ich einen Gedanken.

Mit gesenktem Kopf ging ich zum Strand, während ich Maddin im Hintergrund lachen hörte. Ich hatte Glück gehabt, auch wenn ich mich nicht so fühlte. Am übernächsten Tag war kaum noch etwas von meinem Unterwasserflirt mit der Qualle zu sehen.

Mein Flirt mit einer Qualle
Mein Flirt mit einer Qualle

Ein Ende mit Hoffnung

Tropfen prasseln immer noch gegen meine Fensterscheibe als würden sie um Einlass drängen und perlen wütend ab.

Mein Wagen! Gestern wollte ich das Auto waschen, habe es wegen Faulheit vergessen – dazu war mein Gedächtnis noch gut genug.

Ich hatte diese Woche unglücklicherweise unter einem fruchtbaren bzw. furchtbaren Baum bei der Arbeit geparkt. Sie sollte Schatten spenden. Sie spendete aber mehr: Vögel mit Durchfall.

Am Ende meines Arbeitstages erwartete mich ein Gemisch aus zerquetschten Früchten und Vogelkacke auf meiner Motorhaube, die sich zu Kotze paarten.

Hoffentlich ist mein Auto jetzt sauber!

photo credit: KODAK PIXPRO SP360 Camera via photopin (license)

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