Scheiß italienischer Schiri oder wie Vorurteile entstehen

Ein beunruhigender Gedanke, dass in einen emotional hoch geladenen Moment ein achtlos dahingerotztes Wort viel Unheil anrichten kann, vor allem in Gegenwart eines Kindes.

Als die Mannschaft im Halbfinale gegen Frankreich »Scheiß Schiri!« am Verlieren war, »Der ist doch nur sauer, weil wir gegen Italien gewonnen haben!« wer von uns war da nicht stinksauer und hat das nicht gedacht oder sogar ausgesprochen…? »Jetzt rächt er sich dafür!«

Auch wenn ich mich über das unnötig verlorene EM-Spiel vom Donnerstag sehr geärgert hatte, verschwendete ich keine weiteren Gedanken daran. Ich war auf unserem Firmenevent, und wir ließen uns die Feier nicht verderben. Ein paar Weizenbiere halfen da ungemein.

Erst am Sonntag musste ich unfreiwillig an das Spiel denken. Mein Patenkind feierte ihren Geburtstag auf dem Bauernhof bei Bauer Bernd in Borgholzhausen. Ich kann das allen Eltern empfehlen. Die Kinder spielten unter sich und hatten Spaß, während die Eltern in Sichtweite gemütlich bei einem Kaffee saßen – sprich, sie mussten sich nicht um ihre Kinder kümmern.

Als die Kinder – allesamt Mädchen –, beim Essen gemeinsam am Tisch saßen, sprach eine von ihnen über das am Abend bevorstehende Fußballenspiel Frankreich gegen Portugal. Bereits das fand ich ungewöhnlich. Und plötzlich wetterte sie gegen den italienischen Schiedsrichter aus dem Spiel Deutschland gegen Frankreich.

Meine Worte in inhaltlich ähnlicher Form aus dem Munde einer 9-Jährigen zu hören, irritierte mich ungemein. Zwar benutze sie keine Schimpfwörter (zum Glück!), aber sie klang erstaunlich erwachsen, als hätte sie die Worte von einem Erwachsen aufgenommen, abgespeichert und jetzt abgespult.

»Ja.« Ihre Freundin pflichtete ihr altklug bei.

Ich bin immer wieder erstaunt, was Kinder alles aufschnappen und wiedergeben. Doch was mich beunruhigte lag an etwas anderem, das mehr war als das Gesagte und zwischen ihren Worten mitschwang – oder hörte ich es nur fälschlicherweise heraus?

Im Gegensatz zu mir hatte sie nicht mitbekommen, dass der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli völlig korrekt geurteilt hatte (wer die Wiederholungen gesehen hatte, weiß das auch). Nur »Korrekturen« im Nachhinein verlieren häufig, weil das emotional stärkere Ereignis gewinnt, egal wie falsch sie ist.

Ich schaute in ihr unschuldiges Gesicht, das anklagend und ernst wirkte. Was denkt sie wohl, fragte ich mich, oder was lernt sie daraus? Dass Spiele verloren werden, nicht weil man zu blöd war, um ein Tor zu schießen, sondern weil ein anderer Schuld hatte? Dass (offen) Rache ausüben etwas Normales in der Welt sei? Und welche Wirkung hatte die Nationalität des Schiris auf sie? Lernte sie jetzt, dass Italiener rachsüchtig und gemein sind und etwas »gegen uns haben«?

Keine Ahnung. Was ich wusste: Die Eltern des Kindes waren gebildet und tolerant.

»Der Schiri«, sagte ich, »hat korrekt gepfiffen. Und wenn man im Fußball keine Tore schießt, gewinnt man auch keine Spiele. Da kann dann der Schiri nichts dafür.«

Sie drehte sich überrascht zu mir um und entgegnete mit einem »Aber mein Papa hat das gesagt.«

Damit endete das Fußballspiel. Für manche Situationen im Leben wünschte ich mir einen Schiedsrichter, der ein böses Foul pfeift und die gelbe Karte zeigt…

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