Menschliche Abgründe


Unsere größte Angst gilt nicht uns selbst, sondern den Menschen, die wir zu beschützen versuchen.

Dunkle Wolken verfinstern den Himmel, und tausende Regentropfen prasseln auf die Erde nieder. Aus unbekannter Ferne dringt ein bedrohliches Dröhnen durch den dichten Regenschleier. Seit Tagen regnet es in diesem Sommer immer wieder. Während ich aus dem Fenster schaue muss ich an die Mutter denken, in dessen Gesicht sich tiefe Trauer eingegraben hatte, als sie mir von der kleinen S. erzählte, die nach dem Schulschluss alleine im Regen stand und auf ihre Mutter wartete.

Ihre jüngere Schwester bekam plötzlich Fieber und zu allem Übel wütete der Regen gnadenlos durch den Verkehr.

Als sie so zu erzählen begann, zitterte ihre Stimme und drohte, wegzukippen. Ich ahnte, dass es nichts Gutes sein würde. Mein Herz begann, schneller zu schlagen, als würde es sich auf ein schlimmes, bevorstehendes Ereignis vorbereiten. Aber auf das, was bevorstand, darauf kann sich niemand vorbereiten.

In diese Lücke schoss durch den Regenschleier ein Auto, bremste scharf vor der Kleinen ab, und während sie kaum Zeit zum Denken hatte, riss er die Beifahrertür auf und schrie durch den Regen: »Komm, steig ein, du wirst ja ganz nass!«

Die kleine S. stand da, dachte vielleicht einen Moment darüber nach, der Aufforderung eines Erwachsenen nachzukommen, stand da unter ihrem gelben Regenschirm, auf sich alleine gestellt, mit den fröhlichen Sonnenstrahlen darauf und blickte in das Auto, direkt in die Augen eines fremden Mannes.

Vor Schock riss ich meine Augen schmerzhaft weit auf. Mein Herz schlug plötzlich so heftig gegen meine Brust, als würde sie mein Kehlkopf heraussprengen wollen. In Sekundenschnelle wurde mein Kopf mit den abscheulichsten und beängstigendsten Bildern überflutet. Es war eine Sache, schlimme Dinge im Fernsehen am Abend auf VOX oder einem anderen Kanal zu sehen, aber hier, direkt in meinem Leben, bei Menschen, die ich persönlich kannte – .

»Nein« hätte sie gesagt und sich fast trotzig umgedreht.

Gott sei Dank, sie ist nicht zu ihm ins Auto… Den erleichternden Gedanken schaffte ich nicht, zu Ende zu denken, denn er wurde sofort von einem weiteren verdrängt. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht, schutzlos – wenn er jetzt von hinten nach ihr greift und – .

»Der Mann ist dann zum Glück weggefahren.«

Etwas fiel wie ein nasser Lappen von meinem Körper herab. Ich fühlte mich seltsam erleichtert und leicht fröstelnd, als wäre mein gesamtes Blut aus meinen Extremitäten plötzlich herausgesaugt worden. Dann zuckte ein neuer Gedanke in meinen Kopf auf, und mein Körper spannte sich stark an, dass sich meine Fingernägel in meine Handflächen bohrten. Hätte dieses Schwein ihr irgendetwas…, dann hätte ich diesem Schwein…

»Zum Glück ist nichts passiert.«

Ich schaute sie überrascht an. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und versuchte erleichtert zu klingen, zitterte aber leicht, denn die Vorstellung, was hätte der Kleinen passieren können und was wäre, wenn es ihre Tochter gewesen wäre, hatten sich tief in ihr Bewusstsein eingegraben und in ihrer Angst einen fruchtbaren Boden zum Gedeihen gefunden.

Und plötzlich überwältigte mich ein anderer Gedanke. Es war etwas passiert, in ihr und in mir. Etwas hatte sich in mir geändert. Ich hatte in einem kurzen Moment verwirrt in meinen eigenen Abgrund geblickt, als ich voller Hass und Hilflosigkeit diesem miesen Schwein das Schlimmste antun wollte, was ich mir je vorstellen konnte. Ich fragte mich, ob ich wirklich dazu imstande gewesen wäre. Und während die Frage schwer auf mir lastete, fühlte ich mich unnatürlich leicht und drohte jeden Moment, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Was wäre, wenn…

»Als sie ihren Eltern abends davon erzählte, klang es wie eine alltägliche Episode, über die man beiläufig beim Essen redet. Erst im zweiten Satz wurde ihnen bewusst, was ihre Tochter erlebt hatte.« Sie versuchte gequält zu lächeln, brachte aber nur ein Schnauben durch die Nase zustande. »Du kannst dir vorstellen, was dann am Tisch los war.«

Nein, ich konnte es mir nicht vorstellen. Ich konnte mir nicht vorstellen, was in einer Mutter vorgehen muss, wenn sie mit voller Wucht begreift, was ihrer Tochter an jenem verregneten Tag passiert wäre, weil sie für wenige Minuten zu spät kam.

Aber ich finde, ihr und ihrem Mann kann niemand etwas vorwerfen – oder sollte es nicht. Sie haben alles gemacht, was Eltern tun können. Das Leben lässt sich nicht in einen Zeitplan quetschen, und niemand kann alleine seine Kinder überall und jederzeit beschützen, dafür brauchen wir einander. Es hätte ebenso gut unverschuldet zu einem Stau, einem Unfall oder irgendetwas anderem kommen können. Aber wen tröstet das…

Sie informierten mit detaillierten Angaben zum Mann und Auto sofort die Polizei, die Schule und die anderen Eltern, die allesamt Maßnahmen einleiteten.

Wir beide schwiegen. Ihr Gesicht wirkte noch trauriger und an den Rändern ihrer Augen schienen sich kleine Tropfen zu sammeln. Ich wusste nicht, was ich denken oder sagen sollte. Mein Magen fühlte sich flau an. Inmitten dieser Leere stürmte ihre Tochter Fenja auf ihre Mutter zu, mit wippenden Zöpfen, als wäre die Welt noch in Ordnung.

Ich schaue wieder in den matten Himmel. Der Regen fällt nur noch schwerfällig mit halber Kraft und klingt müde. War es der gleiche Regen wie an jenem Tag, die als Tropfen auf ihren Regenschirm niederprasselten, frage ich mich. Wie hörte sich der Regen auf ihren Schirm an, lag in dem Trommeln der Tropfen eine unheilvolle Ahnung oder Warnung? Auf bestimmte Fragen möchte man nie eine Antwort haben.

Ich schließe das Fenster, denn draußen wird es kalt.

photo credit: Paper boat. When all is possible… via photopin (license)

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