Bücher leben und sterben

Es ist schon so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. In irgendeinem Buch fand ich gleich zu Anfang vor dem eigentlichen Text in persönlicher Handschrift fein notiert den Namen des Buchbesitzers und ein Datum.

Ohne zu wissen, warum, war ich davon so fasziniert, dass ich es gleich für meine Bücher übernahm. Von da an begann ich, in jedes meiner Bücher meinen Namen und das Datum einzutragen, wann ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt.

Es war wie ein »Willkommen in meiner Welt«, eine Art freundlicher Begrüßung eines Freundes, eines neuen Begleiters in einer anderen, persönlichen Welt.

Und seit heute habe ich begonnen, ein weiteres Datum in die Bücher einzutragen: Das Datum, an dem ich das Buch zu Ende las.

Warum ich das tue und damit begonnen habe – auch das weiß ich nicht. Es schwirrte schon lange in meinem Kopf. Diesmal jedoch weiß ich, in welches Buch ich das zweite Darum eintrug.

Heute las ich das Buch »Sterben*« von Karl Ove Knausgård zu Ende, das ich kurz vor dem Ende vor Wochen einfach weggelegt und fast vergessen hatte. Nach der letzten Seite, bevor ich das Buch zuklappte, griff ich ohne viel nachzudenken nach einem Bleistift und schrieb das Enddatum unter das erste Datum und wunderte mich über mich selbst.

Vielleicht liegt es am Buch und an seinem Inhalt oder es liegt an mir. Seitdem ich statisch gesehen an Lebensjahren näher dem Ende des Lebens als an ihrem Anfang stehe, habe ich bemerkt, dass sich mein Blick auf mein Leben, auf die Menschen darin und mich geändert hat.

Aber auch nur gefühlt, also nichts Greifbares und in Worte fassbares.

Dann stelle ich mir manchmal absurde Fragen wie: Wie lange überlebt ein Buch oder genauer, sein Text? Und schweife dann vom Allgemeinen und Unpersönlichen zu meinen Inhalten.

Was passiert mit all meinen Texten, die jetzt noch im Internet in Form von Nullen und Einsen herumgeistern? Wann werden sie endgültig zur Null und aus dem Gedächtnis ausgelöscht, weil sie bereits zuvor ein Schattendasein jenseits der Beachtung führten.

Wenn sie dann weg sind, macht es dann überhaupt einen Unterschied, ob sie jemals existieren?

Ich habe noch kein Buch geschrieben und die Zeichen, dass ich jemals eins schreiben werde, stehen schlecht. Daher entschloss ich mich, einen Blog zu schreiben, quasi eine Ersatzhandlung.

Eine Zeitlang fragte ich mich, was mit meinen Texten passiert, wenn ich nicht mehr bin. Dann stellte ich mir vor, wie sie immer noch durch das Internet schwirrten und Menschen, die mich nicht mehr kennenlernen konnten, lasen sie und dachten dann über mich: »Was ist das für einer?!«

Aber nichts lebt ewig, nicht mal im Internet, und vielleicht ist das gut.

Dann fällt mir an, wie ich in jungen Jahren über 100 Briefe schrieb und in die Welt verteilte. Und stelle mir vor, wie sie liebevoll verpackt in blumenverzierten Kartons auf dem Dachboden lagern, und in einer fernen Zukunft jemand sie wiederentdeckt und beim Lesen für einen kurzen Moment die Zeit vom Alltag entrückt still steht und ein kleines Lächeln auf dem Gesicht eines fremden Menschen zaubern…

photo credit: Love’s Tragedy Assunder via photopin (license)


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2 Gedanken zu “Bücher leben und sterben

  1. Schöne Idee, die Daten ins Buch einzutragen. Ich glaube, das werde ich auch übernehmen. 🙂

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