Brexit – Die Suche nach den Schuldigen

Es ist wohl ein typischer Reflex, statt die Probleme in der EU anzugehen, sich lieber beim Brexit mit der Schuldfrage zu beschäftigen und Schuldige zu suchen.

Aktuell klingt es so, als hätten die Alten die Jungen um ihre Zukunft beraubt – also das leidige Thema »Alt gegen Jung«, let the battle begin! Für das Argument werden die Zahlen von YouGov verwendet, die aus einer Umfrage stammen (genau, es ist eine Umfrage und keine Fakten):

Figure Brexit with data from yougov

Die Umfrage zeigt sehr schön die Bruchkante einer Gesellschaft: 75% der unter 25-Jährigen waren für den Verbleib in der EU, während 61% der über 64-Jährigen für einen Austritt stimmten. Jetzt fragen sich bestimmt einige in den 30ern, ob sie schon zu den Alten zählen und am anderen Ende der Skala, ob man mit 49 Jahren zu den Jungen gehört.

Bekanntlich sollte man bei einer Statistik immer nach einer Zweiten suchen. Ich habe weitere Zahlen beim The Wall Street Journal gefunden:

Figure Brexit with data of WJS

Hier reduzieren sich die 75% auf 60%, weil diese Umfrage eine zusätzliche Option »weiß nicht / wähle nicht« aufführt (wieso nicht die andere?). Die Zahlen dieser weiteren Option deuten auf etwas Interessantes hin: Je jünger ein Wähler war, desto unsicher war er sich in Hinblick auf seine Entscheidung.

Jetzt könnte man das Spiel mit den Statistiken weiterspielen und sich fragen, wie viele der 18 – 24-Jährigen sind wählen gegangen (hier fand ich Zahlen aus dem Jahr 2015 für diese Gruppe von 43%, für die 65+ soll sie bei 78% liegen). Oder, wie groß ist der Anteil der Wähler der jeweiligen Gruppen an der Gesamtbevölkerung? Wie hoch war die Wählerbeteiligung? Etc.

Neben den statistisch relevanten Fragen könnte man auch Inhaltliche stellen. Die sind aber weitaus kniffliger. Sind die Briten, die in Europa bleiben wollen, für Europa und damit auch gleich für die EU oder sind das nicht verschiedene Dinge? Ebenso gut könnte man diese Frage für die Gruppe der Brexit Befürworter stellen. Oder, woher nehmen die Menschen die Zuversicht, Europa als ihre Zukunft zu sehen bzw. was meinen sie damit und kann Europa das aus aktueller Sicht leisten? Oder wann beginnt denn die Zukunft? Bestimmt spätestens, wenn die Alten verstorben sind.

Auf all diese Fragen, die ich sehr spannend finde, habe ich keine Antworten – und wer sie hat, kann mir gerne schreiben –, aber das ist auch nicht wichtig. Nehmen wir an, die Mehrheit hätte gegen den Brexit gestimmt, dann würden wir eine ähnliche Diskussion führen, nur mit anderen Vorzeichen. Auch hier wieder, wie groß muss eine Mehrheit sein, dass Europa beruhigt aufatmen kann? Also noch eine Frage.

Mich stört aber etwas anderes. Ich mag diese Schuldzuweisungen nicht, in der Gruppen von Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Und genau das meine ich, hier werden zwei Gruppen gegeneinander ausgespielt, um sich nicht mit den wahren Problemen in der EU auseinander zu setzen.

Denn was ist mit der »überbordenden« EU-Bürokratie, dem mächtigen Einfluss global agierender Unternehmen durch ihre Lobbyisten oder den geheimen Absprachen und Verhandlungen gegen Widerstände in der Bevölkerung z.B. bei TTIP. Oder was ist mit dem Rechtsruck in ganz Europa mit Abspaltungstendenzen zur EU? Kommt das alles durch die Alten, die Rentner?

Bei solchen einfachen Schuldzuweisungen habe ich immer ein schlechtes Gefühl. Mal sind es die Rentner, mal die Harz4 Empfänger, mal die Ausländer und dann die Flüchtlinge – einfach die Kette »abwärts« oder nach seinen eigenen Lieblingsschuldigen fortsetzen.

Ich käme nie auf die Idee, älteren Menschen vorzuwerfen, sie würden nur an sich denken, weil sie ihren Lebensabend verdientermaßen schön gestalten möchten. Ihnen mehr oder weniger in subtiler Form zu sagen, »Ihr müsst an mich denken«, ist genauso egoistisch. Meine Eltern haben wie viele Eltern immer an die Zukunft ihrer Kinder gedacht und dafür selbst ohne zu meckern auf alles bedingungslos verzichtet. Egoistisch ist es, genau diese Menschen von unserer Zukunft auszuschließen. Wer aber so denkt, der denkt in beschränkten Verteilungskategorien!

In Europa gibt es genug Reichtum, um allen Menschen ein gutes und friedliches Leben zu ermöglichen. Man muss nur die richtige Politik machen. Übrigens, in einer Demokratie entscheidet grundsätzlich die Mehrheit. In besonders wichtigen Fragen reicht meistens eine einfache Mehrheit nicht aus, aber auch das ist wiederum ein anderes Thema…

Nachtrag 27.06.16

Das Magazin »Katapult« beziffert die Wählerbeteiligung bei den 18 – 24-Jährigen auf 36%. Ich vermutete einen Wert bei 45%. Jetzt kann sich jeder sich überlegen, in wie weit man davon sprechen kann, dass junge Briten gegen den Brexit waren, wenn knapp mehr als ein Drittel von ihnen wählen war.

URL: https://www.facebook.com/KatapultM/photos/a.1598478810368866.1073741828.1511448562405225/1736457216571024/?type=3&theater, Stand 27.06.16

Nachtrag 28.06.16

Norbert Häring hat aktuellere Zahlen. Er schreibt:

»Wir stellen fest, dass von den Jungen danach nur knapp jeder Vierte zur Wahl ging und für den Verbleib in der EU stimmte. In den anderen Altersgruppen waren es durchgängig 33 bis 37 Prozent.«

URL: http://norberthaering.de/de/27-german/news/645-brexit-jugend#weiterlesen, Stand 28.06.16

Ein Gedanke zu “Brexit – Die Suche nach den Schuldigen

  1. Ein lesenswertes Interview in der Welt mit Ökonomen Thomas Piketty. Er gibt Deutschland die Hauptschuld für den Brexit. Hier geht es zum Interview:

    http://www.welt.de/politik/ausland/article156750787/Deutschland-traegt-die-Hauptschuld-am-Brexit.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.