Unqualifizierte Frauen oder die Welt des Tilo Jung

Wann immer ich diskutiere, versuche ich den Gedanken Gadamers, meinem Gegenüber einzuräumen, dass er Recht haben könnte, zu berücksichtigen. Und in abgewandelter Form: Ich räume mir ein, dass ich falsch liege. Denn Vieles verstehe ich nicht. So wie heute das Interview mit Tilo Jung. Jedes seiner Worte und auch der Sinn seiner Sätze verstehe ich, nur schwingt in den Räumen zwischen den Worten etwas so unharmonisch mit, das als Echo in meinen Gedanken widerhallt und Widersprüche erzeugt, die sich in Form von Fragen in meinem Bewusstsein niederschlagen.

Nur vorab, ich finde, dass, was Tilo Jung auf der Bundespressekonferenz leistet, sehr wichtig für eine Demokratie. Was ich hier beurteile, beruht auf dem re:publica | TEN Video ab Sekunde 3303, das ich über die geschätzte Seite wirres.net von Felix Schwenzel fand.

Das Interview beginnt mit einer viel diskutieren Frage zu den wenigen Frauen, die bei den Krautreportern mitmachen würde. Der Moderator zitiert Tilo Jung mit seiner Erklärung für den Frauenmangel: »Projektbezogener Mangel an weiblicher Genialität.«

Tilo Jung geht auf sein Zitat von damals nicht ein. Er antwortet stattdessen, er hätte auf den Frauenmangel selbst hingewiesen und stellt sich selbst in die Opferecke. Das erkennt der Moderator und formuliert die Frage um. Doch Jung antwortet wieder nicht und entledigt sich seiner Verantwortung mit den Worten, er hätte Krautreporter nicht geführt. Abschließend sagte er, dass nur so wenige Frauen eingestellt seien, weil sich keine Qualifizierten gemeldet hätten.

Direkt hier schießen mir zwei Gedanken durch den Kopf. Der Erste: Es gibt also immer noch zu wenige Frauen bei Krautreporter und das soll sich auch nicht ändern – es ist also nichts passiert. Der Zweite: Wenn Menschen keine geeigneten Frauen finden, dann liegt das nicht an der Qualifikation der Frauen, sondern sie selbst sind unfähig, oder?

In eine ähnliche Richtung ging Patricia Cammarata als sie sagte, viele Worte und nichts passiert. Sie machte übrigens als Frau eine viel bessere Figur als Tilo Jung und widerlegte den überqualifizierten Mann. Dann wurde mir etwas anderes bewusst, das irgendwo in meinem Hinterkopf geisterte und nicht so recht herausfand: Das Hinweisen auf Etwas, gefolgt vom Nichts.

Und wieder fiel mir wieder ein, wie ich mich fühlte, als ich eine Reihe von den Bundespressekonferenz Videos hintereinander angeschaut hatte: schockiert, amüsiert und frustriert. Vor allem das Letztere gab mir zu Denken. Am Ende fragte ich mich: »Und nun? Was jetzt?«. Die Antwort darauf war ein umtriebenes »Nichts«. Die Videos erschienen mir dann wie Bubenstreiche, eine Art Prank, halt nur für Erwachsene mit politischen Ambitionen.

Daher konnte ich die Frage aus dem Publikum, was das große Ziel sei, sehr gut nachvollziehen, denn so, führte die Fragende zu Recht weiter aus, könnten am Ende die Beiträge von Tilo Jung zu Frustrationen führen und rechte Parteien beflügeln. Ich wartete gespannt auf seine Antwort.

Leider enttäuschte er mich. Die Frage schien ihn zu überraschen, anders kann ich mir sein Gestammel nicht erklären. Ich kann mich nicht mal erinnern, was er antwortete. Es hörte sich richtig an. Doch dann formulierte er die berechtige und wichtige Frage als eine Art Vorwurf um! Das kenne ich nur von Leuten, die völlig planlos sind und/oder sich beleidigt fühlen. Vielleicht saß er schon zu lange in Konferenz…

Ich war verblüfft und irritiert. Ich hätte erwartet, dass er sich genau mit diesem Thema auseinander gesetzt hätte, das ihm aus meiner Sicht häufig gestellt worden sein müsste (bereitet man sich nicht grundsätzlich auf ein Interview vor?). Und während ich ihm zuhörte, verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass er jemand war, der Spaß daran hatte, gegen etwas zu sein und andere vorzuführen. Dass das Getane einem höheren Ziel diene, schien ein netter Nebeneffekt zu sein. Ich musste unweigerlich an die amerikanischen Jungs von Jackass denken. Vielleicht, weil er auf mich einfach nur arrogant und etwas selbstverliebt wirkte, und ich keinerlei Leidenschaft für das Thema, für das er sich engagierte, entdecken konnte. Vielleicht ging es ja nur um die Tilo-Jung-Show. Das könnte seine Reaktion auch erklären, die ich dann als eine Art Majestät-Beleidigung interpretiert würde.

Es ist natürlich unfair, einen Menschen anhand eines Ein-Paar-Minuten Videos zu beurteilen. Und, vielleicht bin ich neidisch, dass er besser als ich aussieht. Natürlich kann er auch nichts für meine falschen Vorstellungen und Erwartungen. Aber als Profi dürfte ihm klar sein, dass genau das geschieht, sobald er sich vor eine Kamera stellt. Und von jemanden, der Profi in provokanten Fragen-Stellen ist, fallen seine Antworten magerer als manches Modell aus.

Aber was soll’s, am Ende habe ich wieder mehr Fragen als Antworten. Das ist immer eine sehr gute Ausgangslage…

via wirres.net


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