Über mein Scheitern beim Schreiben

Es ist wieder spät am Abend. Den ganzen Tag bin ich meistens zu träge und abwehrend, um etwas zu schreiben, und erst am Ende des Tages, wenn es dunkelt wird und ich mit dem Zuziehen der Gardinen die Welt da draußen und jede Ablenkung ausschließe, werde ich plötzlich unruhig, als wollte ich noch etwas in diesen Tag hineinretten, bevor er in wenigen Stunden ungenutzt und sinnlos zur Vergangenheit wird.

Dann sitze ich wieder vor meinem aufgeklappten Notebook, aus dem mich ein grelles, weißes Licht von einem leeren Dokument anstrahlt, in das ich etwas hineinschreiben möchte – oder muss. Seit einigen Tagen brodelt etwas wieder in mir, drängt immer stärker an die Oberfläche: Ich muss etwas schreiben. Es ist ein absurdes Gefühl wie etwas fressen zu müssen, ohne hungrig zu sein oder unglaublich hungrig mit vollem Bauch zu sein. Im Innern treibt mich etwas an. Doch mir fällt nichts ein.

Trotz allem, versuche ich jeden Tag etwas zu schreiben. Es heißt, um seinen Schreibstil zu verbessern, muss man viel schreiben, und viel bedeutet ca. 100.000 Wörter. Auf ein Jahr heruntergebrochen bedeutet es, ca. 274 Wörter pro Tag zu schreiben. Stephen King bringt es auf nahezu auf 2.000 Wörter jeden Tag. Damit schafft er 730.000 Wörter im Jahr – eine Zahl, die ich vermutlich nicht mal annähernd in meinem ganzen bisherigen Leben geschafft habe.

Bei Andreas Eschbach hatte ich gelesen, man mache alle 100.000 Wörter einen qualitativ bedeutenden Sprung beim Schreiben. Daher habe ich mir diese Marke gesetzt. Sehr gute Autoren, erinnere ich mich dunkel, hätten bis zu 500.000 Wörter geschrieben bis sie einen guten Roman zustande brachten (ich vermute, auch das habe ich von Eschbach).

Das sind beeindruckende Zahlen und doch machen sie mir Hoffnung, weil es nur eine Frage der Zeit und meines Willens ist, etwas Besseres als heute zu schaffen. Dann sitze ich wieder vor meinem aufgeklappten Notebook mit dem leeren Dokument, das mich immer noch gelangweilt angähnt.

Wieder stelle ich mir die Frage, warum schreibe ich?

Ich weiß es nicht.

Seit über sechs Jahren führe ich schon meinen Blog. Betrachte ich die Besucherzahlen, dann sind sie mehr als ernüchternd. Aber das ist es nicht, wofür und warum ich schreibe.

Ich schaue über mein Notebook hinweg, nach rechts, nach links, auf meinen Tisch. Dort türmen sich duzende chaotischer Gedanken, schnell hin gekritzelt auf allem, auf dem ich etwas schreiben kann: auf Briefumschlägen, Quittungen, Rückseiten von irgendwelchen längst vergessen Schreiben, auf diversen großen oder kleinen Notizblöcken. Endlose Papierhaufen mit Gedankenmüll. Sie liegen dort achtlos dahingeworfen, Hauptsache irgendwo weggeschrieben und nichts vergessen – aus einem mir unbegreiflichen Grund halte ich sie für so wertvoll, dass ich sie nicht vergessen darf und anderen mitteilen muss (oder möchte ich sie doch vergessen? Raus aus meinem Kopf).

In der Schule war ich bis zur 10ten Klasse der schlechteste Schüler im Deutschunterricht in meinem Jahrgang auf dem Gymnasium gewesen. Immer, wenn ich meine Klassenarbeit aufschlug, erinnerte es mich an einen blutigen Tatort, und ich war der Täter. Meine Lehrerin verbrauchte Unmengen an Rot zum Markieren meiner Fehler als ich blaue Tinte zum Schreiben.

Vielleicht vergrub sich über all die Jahre etwas davon in mir, wuchs und kehrte als gnadenloser Kritiker zurück. Machte mir das Schreiben so schwer, dass es zuweilen mir eine Qual mit häufigem Scheitern wurde. Denn mit den Jahren wurde ich tatsächlich immer besser im Beurteilen meiner Texte. Und während der Kritiker also immer üppiger zunahm und immer noch zunimmt, scheint mein Können zu verhungern und kann immer weniger mit meinen eigenen Ansprüchen mithalten.

Dann erscheinen mir die vielen Zettel auf meinem Tisch wie Totgeburten auf einem Friedhof längst verstorbener Gedanken. Vor Wut und Verzweiflung möchte ich dann alle Zettel nehmen, sie zerreißen, um ihnen weh zu tun und alles wegschmeißen. Manchmal passiert das auch, und mein Gedankenmüll findet – anders als ich es mir vorgestellt hatte – seinen angemessen Weg in die Welt.

Trotzdem will ich schreiben. Ich weiß nicht mehr warum.

Das Minus meiner vier, sagte meine Deutschlehrerin bei der Notenvergabe, reiche vom Kopf bis zum Ende des Klassenzimmers, und damals war es der größte Raum an dieser Schule. Und während sie mit ihren Stift an die gegenüberliegende Wand zeigte, war ich mir sicher, hätte die Wand nicht dort geendet, dann würde das Minus darüber hinausragen.

Auch wenn ich froh war, dass meine Versetzung durch meine zweite schlechte Note nicht gefährdet wurde, fühlte ich mich zu Unrecht schlecht benotet. Mir schien, als befände sich meine Note auf einer Skala mit nur den beiden Noten 4 und 4-. Auch wenn meine Note irgendwie gerechtfertigt schien, so machte ich beim Lehrerwechsel in der Oberstufe einen Sprung auf Noten, die ich zuvor niemals erreicht hätte. Plötzlich bekam ich eine Zwei oder eine Drei und die ganze Klasse applaudierte mir, während meine neue Lehrerin mit einem verwirrten Lächeln zu verstehen versuchte, was da ablief.

Die Verbesserung meiner Note geschah nicht ohne Grund. Aus dem Ungerechtigkeitsgefühl heraus schaute ich mir meine Arbeiten an. Sah, dass ich durch zu viele Rechtschreib- und Grammatikfehler mindestens zwei Notenpunkte schlechter bewertet wurde. Also ging ich alle meine Fehler durch, bis ich sie verstand und nicht mehr wiederholte. Ebenso erlernte ich unter Selbstzwang das abschließende Durchlesen meiner Arbeit vor Abgabe. Und dann passierte etwas anderes, völlig unerwartetes.

Ich las Lessings »Nathan der Weise« und Goethes »Faust«. Das Letztere sogar so häufig, dass ich es ohne Wollen auswendig konnte.

Und plötzlich warf mich etwas, dass ich las, völlig aus der Bahn. Durch seine gewaltige Sprache, seine weisen Figuren und seine lehrreiche Geschichte sog es mich ein, überwältigte mich und ließ mich lebendiger werden. Veränderte mein Denken und damit auch mein Leben. Am Ende war ich ein anderer. Und dann verspüre ich diesen unbändigen Drang, darüber reden zu müssen oder selbst Vergleichbares zu schreiben.

Gierig nach diesem Kick suche und lese ich wie verrückt Bücher und hätte sie am liebsten direkt aufgefressen, denn das Lesen geht mir zu langsam.

Und dann bin ich randvoll und schreibe drauflos. In diesem Moment ist mir der Kritiker völlig egal, wobei – am liebsten würde ich ihn mit meinen Worten ertränken, was nicht fair wäre, denn er hilft mir, meine Texte besser zu machen. Ich muss mich nur in Acht nehmen, dass er mich nicht vom Schreiben oder veröffentlichen abhält.

Dann schreibe ich den Text einfach runter. Wenn ich fertig bin, kommt der Kritiker und liest mit. Bin ich euphorisch genug, dann veröffentliche ich den Text noch am selben Tag, sonst lege ich ihn ein paar Tage weg. Wenn ich ihn dann lese, dann fühlt er sich wohltuend fremd an, und ich kann meinen eigenen Text wie das eines Fremden bewundern und – viel wichtiger – wirklich verbessern. Erstaunlicherweise klappt in solchen Momenten meine Zusammenarbeit mit meinem inneren Kritiker am besten.

In den sechs Jahren habe ich auf meinen Blog mehr als 100.000 Wörter geschrieben. Wenn ich meine Notizen, unveröffentlichten Texte, Gedanken, Sätze etc. überschlage, dann komme ich vermutlich auf mehr als 300.000 Wörter für diesen Zeitraum. Das ist viel zu wenig, weil auch die unveröffentlichten Fragmente qualitativ grenzwertig sind. Da auch leider meine begeisternden und mitreißenden Momente viel zu selten sind, als das ich damit meine geplante Verbesserung meines Schreibstils erreichen könnte und bekanntlich der Weg zur Kunst über die Kunst führt, habe ich seit diesen Sonntag, den 22.05.16, wieder angefangen, begleitend zu meinem Schreiben einen Roman abzutippen. So bleibe ich nicht nur im täglichen Schreibfluss, sondern lerne aus dem Abgeschriebenen (anders als in der Schule).

Diesmal versuche ich mich an Donna Tartts »Der Distelfink*«, das mich mit ihrer Sprache umgehauen hat, dessen Sprache so wunderschön wie gemalte Poesie und Detailreichtum stellenweise überwältigend ist.

Wie lange ich es diesmal durchhalten werde, das weiß ich nicht. Geschickter wäre es gewesen, ein dünneres Buch mir vorzunehmen, da es auch einfacher transportierbar wäre. Aber es geht mir nicht um den einfachen, sondern besten Weg. Ich schätze, dass ich für das Abtippen des Buchs um die 3 – 5 Jahre mit seinen knapp über 1.000 Seiten brauchen werde.

Übrigens, Scheitern ist nichts Schlimmes und gehört dazu. Vielleicht ist es auch eines der wichtigsten Lektionen, wenn es um das Schreiben geht…


(* = Affiliate Link über Amazon)

3 Gedanken zu “Über mein Scheitern beim Schreiben

  1. Schön geschrieben 🙂 Für mich ist Schreiben oft konzentriertes Denken inklusive Fingerbewegung. Beim reinen Nachdenken komme ich zu schnell ins Grübeln, Schreiben diszipliniert da. Das Scheitern würde ich da gar nicht als solches bezeichnen, sie bereiten ja nur wieder den Weg für Neues.

    Mit dem Distelfink „kämpfe“ ich auch noch – andere Bücher verschlang ich viel schneller, aber den muss man ja auch genießen.

    1. Dankeschön 🙂
      Ich kann viel schreiben, und häufig wachsen die Texte beim Schreiben ungewollt an. Mich wundert es dann, dass Menschen Texte von mir mit solcher Länge lesen. Aber nur Schreiben reicht mir nicht, vor allem, wenn ich Texte lese, die mich wie ein Kind staunend zurück lassen und ich mich frage, wie macht sie/er das nur…
      Ja, der Distelfink ist etwas für Genießer und für bestimmte Stimmung. Manchmal erscheint es mir zu opulent und ein gewisse Kürze hätte dem Text bestimmt nicht geschadet…:D

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