SPON: »Terrorverdacht im Flugzeug«


Vor Tagen las ich einen Artikel auf SPON »Terrorverdacht im Flugzeug: Professor muss wegen Mathegleichungen aussteigen«, den ich immer noch beunruhigend und verstörend finde:

»Guido Menzio lehrt Ökonomie an der University of Pennsylvania. […] Komplizierte Differenzialgleichungen gehören da zu seinem Tagwerk.

Die wurden dem Professor mit den wilden schwarzen Locken auf einem American-Airlines-Flug von Philadelphia nach Syracuse am Donnerstagabend fast zum Verhängnis. […]

Seine Sitznachbarin hielt die Schriftzeichen, in denen Ökonomen ihre Funktionen ausdrücken, offenbar für eine fremde Sprache und Menzio für einen Terroristen.«

Welchen Bildungsgrad muss ein Mensch haben, um mathematische Formeln mit einem Text zu verwechseln? Warum stellte sie den Mann nicht direkt zur Rede? Konnte jetzt jeder einfach einen anderen Menschen mit südländischem Touch als möglichen Terroristen diffamieren? Und beschränkte sich das nur auf Flugpassagiere? Wie viel brauchte es noch, bis das Verhalten Einzug in den Alltag fand? Und was muss ich tun, um nicht verdächtigt zu werden?

Die letzte Frage beschäftigte mich im letzten Jahr. Berufsbedingt hatte ich ein Projekt mit einem Kunden in Amerika, und wurde gefragt, ob ich dorthin fliegen würde.

In solchen Momenten weckten die Emotionen bestimmte Erinnerungen wieder zum Leben. Sofort fielen mir die Erzählungen von Freunden mit südländischem Aussehen ein, die nach Amerika geflogen waren. Sie wurden von Sicherheitsbeamten ohne ersichtlichen Grund herausgepickt, manchmal in einen Raum geführt und immer wieder befragt, was sie denn hier wollen würden. Das Verhör beeindruckte sie, denn sie kannten derlei Situationen nicht. Die einzigen Male, bei denen sie mit der Polizei zu tun hatten, fand im Auto statt: zu schnelles Fahren, zu wenig Abstand halten oder eine rote Ampel überfahren. (Ich allerdings war schon mal bei einem Verhör, weil ich ein Ausländer war.)

»Klar, wenn ich reinkomme«, antwortete ich meinem Chef mehrdeutig.

Währenddessen arbeiteten die Gedanken in meinem Kopf weiter. Das Nicht-Hineinkommen kannte ich bereits aus unzähligen Wochenenden vor der Disco-Tür. Und trotzdem hatte ich es nahezu jedes Mal geschafft, in den Laden zu kommen. Mal lag es an meinem Auftreten, mal an den Freunden und mal spielte der Zufall seine Rolle.

Irgendetwas mit Schweinen! Ein Gedanke meldete sich. Wer irgendetwas mit Schweinen machte, der konnte kein streng gläubiger Moslem sein und folglich auch kein Terrorverdächtiger. Aber was…?

Ha, da war‘s: Ich vertreibe die bösen Verdächtigungen meiner ängstlichen Mitmenschen mit einer Schweinewurstkette um den Hals. Dann wäre es so, als würde ich Vampire mit Knoblauch von mir fernhalten und die anderen wären die Bösen. Dann fiel mir ein, dass die Mitnahme von Lebensmitteln in der Form nicht gestattet wurde.

Also dachte ich weiter.

Bücher! Ich nahm immer ein Buch mit und las dann meistens eine Zeitschrift aus dem Flugzeug. Plötzlich hatte ich eine neue Idee: Ein Kochbuch mit den hundert besten Kochrezepten für Schweine mit einem niedlichen Spanferkel auf dem Cover. Und irgendwo zwischen den vielen Bildern und Rezepten würde ich die Zeile verstecken: Wie grille ich meinen Sitznachbarn. Oder: Esst mehr Hirne.

Vielleicht mache ich daraus ein eBook. Ein eBook für nicht terroristische Muslime. Das klingt lustig, solange es nicht das eigene Leben betrifft.

Am Ende ging die Situation für Guido Menzio gut aus, und er konnte weiterfliegen.

Am Ende flog ich nach Mexiko zu einem anderen Kunden, weil der Kunde früher zusagte. Aber vielleicht wäre das die Gelegenheit, nach Amerika zu fliegen, bevor Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird…

Quellen & Links

SPON: Terrorverdacht im Flugzeug: Professor muss wegen Mathegleichungen aussteigen
URL: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/american-airlines-passagier-geraet-wegen-mathe-gleichungen-unter-terrorverdacht-a-1091305.html, Stand 15.05.16

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