Die Entführung der Madame H.

Madame Hoch von Oben-Herab war von edlem Gestüt und hatte eine unglaublich große Nase – und jeder weiß, was man über Frauen mit großen Nasen sagt. In der Gesellschaft nannte man sie respektvoll »Madame Grandessa«, was französisch klang, aber in Wirklichkeit italienisch war und »Übergroßer Zinken« bedeutete.

Und jedes Jahr, wenn sie im Sommer am Strand auf dem Rücken schwamm, löste sie einen panischen Hai-Alarm aus. Man hätte annehmen können, dass sie ausgestattet mit dieser grandiosen Nase hätte riechen können, dass etwas an den beiden Männern, die ihr überraschend über den Weg liefen, faul sein müsste.

Das Unglück ereignete sich an einem Montag, denn der Montag war als unerwünschester Tag bekannt und zog das Unglück geradezu an, eigentlich waren es zwei Unglücke, beide taggenau an einem Montag, was die Schlechtigkeit des Montags beeindruckend untermauerte. Der Bürgermeister stand kurz davor, den Montag als Tag zu bestrafen und ihn einfach abzuschaffen, aber dann war auch schon Dienstag.

Das erste Unglück ging mit der völlig unerwarteten Entführung der Madame H. einher. Das Zweite war das eigentliche Unglück und damit viel größer als das Erste und hing mit ihrer Freilassung zusammen. Ein hoch dramatischer Akt, der zum Bedauern aller sehr unglücklich verlief.

Die gesamte Familie, Verwandte, Polizei, Geheimdienste, Spezialisten, Profiler und sogar Menschen, die Madame O. nur flüchtig kannten, waren schockiert und erschrocken über diese hinterlistige Tat. Zu allem Übel stellten sich die Entführer als völlige Amateure heraus, was sehr zur Verärgerung aller Beteiligten beitrug.

Der erste Anruf verlief wie erwartet: Ist sie am Leben? Ein kurzes Hoffen. Ja. Übergabe. Wie viel, wann und wo?

Oh, das sei aber sehr kurzfristig. Man sei auf so eine Summe nicht vorbereitet gewesen, als ob jemals jemand auf eine überraschende Entführung vorbereitet wäre. Man benötige viel mehr Zeit für die Beschaffung des Geldes.

Das gefiel den Entführer ganz und gar nicht. Sie drohten erneut mit dem Leben der Grand Madame. Die Familie und die Verwandten hatten aber viel zu wenig Geld, als ihnen plötzlich ein grandioser Einfall kam, denn nichts Geringeres war der Madame H. angemessen.

Überwältigt von der Idee fanden sich prompt Polizei, Geheimdienste, Spezialisten, Profiler und diverse Menschen mit viel zu wenig Geld, die aber mit der Madame H. flüchtig Bekanntschaft machen durften, als edle Spender und alle zusammen übertrafen die geforderte Summe bei weitem.

Zunächst waren die Entführer überrascht, dann hielten sie es für eine Falle und schließlich für einen Scherz. Bald merkten sie, dass es der volle Ernst der Gegenpartei war. Bei dieser Wendung bekamen sie es mit der Angst zu tun.

Die Entführer äußerten sich daraufhin äußerst gereizt und nervös. »Für kein Geld der Welt«, sagten sie laut und deutlich in den Hörer, »werden wir Madame H. auch nur einen Tag, geschweige denn für eine Minute länger behalten! Sie finden sie an der Kreuzung zur Ecke Schlammbürger-Trifft-Fritten. Behalten Sie Ihr Geld. Tschüss!«

Seitdem hat der Bürgermeister ein Verhandlungsverbot mit Entführern verhängt und alle hoffen, dass sich beim nächsten Mal professionelle Täter ans Werk machen…


2 Gedanken zu “Die Entführung der Madame H.

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