Das hässliche Dorf

Einst gab es ein Dorf, das hässlich genannt wurde. Aber von wem, das wusste keiner. Ebenso wenig wusste man, ob das Dorf hässlich war. Eines war aber sicher: Dort lebten erstaunlich viele hässliche Menschen. Ob das eine Laune der Natur war oder eine Strafe Gottes oder die Einwohner selbst daran Schuld hatten, das konnte keiner sagen. Aber, es beschäftigte die Dorfbewohner nicht so sehr, wie es ein Außenstehender hätte annehmen können. Vielleicht wussten sie es nicht oder hielten sich doch für schön – bis eines Tages etwas geschah.

Denn da traf eine wunderschöne Frau im Dorf ein. Warum sie das tat, woher sie kam und was sie dort wollte, das wusste keiner so genau oder wollte es nicht wissen. Das hielt die Dorfbewohner aber nicht davon ab, sich mit der Schönheit dieser Frau zu beschäftigen, denn sie führte ihnen deutlich vor Augen, wie hässlich sie selbst waren. Also redeten sie hinter vorgehaltenen Händen in gedämpften Ton über sie. Warum war sie so schön? Woher hatte sie ihre Schönheit her? Aber die Frage ihres eigenen Aussehens beschäftigte sie nicht.

Als dann eine zweite Seele in das Dorf kam, konnten die Dorfbewohner nicht umhin, auch voller Neid seine Schönheit anzuprangern. Wieso waren die beiden so schön? Wo kamen sie her? Würden noch mehr von ihnen kommen? Das sorgte für mehr Empörung und immer mehr vorgehaltene Hände senkten und ballten sich zu einer Faust. Der gedämpfte Ton begann aufzukochen und sich in Wut zu entladen, denn jetzt konnten sie ihre Schönheit nicht als Ausnahme oder Zufall abtun und unweigerlich landeten sie in ihren eigenen Gesichtern.

Aber das Leben – und das kennt jeder von uns – mit der eigenen Hässlichkeit als solche erkannt, gestaltet sich ab jenem Zeitpunkt zunehmend schwieriger. Also taten sie etwas allzu menschliches und suchten nach Gründen oder vielmehr nach Schuldigen. Und in all dem Nebel des Abscheus begann sich ein kristallklarer und reiner Gedanken zu formen, der aus Sicht der Dorfbewohner völlig logisch war, auch wenn sie emotional gefällt wurde, denn zuvor gab es keine Probleme: Sie haben uns unsere Schönheit weggenommen!

Ja, das musste es sein und plötzlich fühlten sie sich wieder gut und vor allem stark. Diese Energie verlangte nach Handeln. Also packten sie beiden Fremden und sperrten sie ein. Dann versammelten sie sich und berieten, was sie mit den beiden machen sollten, aber das war nicht so einfach. Sie trafen sich und gingen auseinander ohne Ergebnisse und nur mit Taschen voller Vorwürfe und Hass. Tag für Tag. Woche für Woche, bis eines Tages dann doch etwas geschah.

»Liebe Dorfgemeinde«, sagte die Dorfälteste, »seitdem diese beiden in unser Dorf uneingeladen gekommen sind, stören sie und bringen Unruhe in unser schönes, kleines Dorf.« In der Menge nickten die Köpfe. »Und wenn wir nicht aufpassen, folgen ihnen weitere oder die beiden vermehren sich wie die Karnickel.« Ein Raunen schwappte wie eine Welle über die Köpfe hinweg. »So oder so, wenn wir nichts unternehmen, dann verdrängen sie uns eines Tages aus unserem eignen Dorf!«

Bei dem Gedanken an die kopulierenden Körper der beiden wurde einer Frau so übel, dass sie ausspucken musste und anschließend ein befreites »Verbrennt sie!« ausrief. Plötzlich wuchs die Welle zu einer Flut mit Hunderten von zustimmenden Jubelrufen heran und gab der Menge wieder eine Richtung und Kraft. Also eilten sie zu den Gefangenen.

Als der wütende Mob bei ihnen eintraf, erschraken sie – etwas Schlimmes war mit den beiden geschehen. Abrupt wurde es still. Keiner konnte sagen, was geschehen war und viele trauten ihren Augen oder vielmehr den Fremden nicht. Aber dann, bei genauerem Hinschauen, sahen sie es alle: Die beiden waren hässlich.

[Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, kann ich nicht sagen, zumindest kursiert sie in dieser Form im Internet.]


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