Bedient oder woran man seine Unattraktivität erkennt

Ich gehe ungern einkaufen. In einem Laden voller Kleidung komme ich mir überflüssig vor und weiß bis heute nicht, was ich mit mir dort anfangen soll. Aber heute musste ich mir eine neue Jogginghose kaufen und anschließend nahm ich unfreiwillig etwas mit, das ich nicht auf meiner Einkaufsliste aufgeführt hatte: ein schlechtes Gefühl.

Meine Couch hatte meine alten Jogginghosen über die Jahre angeknabbert. So sexy ein Hintern sein konnte, der durch eine Jogginghose andeutungsweise durchschien, mein Umfeld wollte sich immer dieser besonderen Erotik entziehen.

Ich ging früh in die Bielefelder Innenstadt und wusste bereits, wo und welche Jogginghosen ich kaufen würde. Ich wollte den Akt so kurz wie nötig gestalten, daher mache ich vorab kurze Erkundungstouren, um dann an einem anderen Tag schnell zuzugreifen.

So fand ich schnell die Jogginghose und griff mehrfach zu. Ich kaufe immer gleich mehrere Versionen in verschiedenen Farben: schwarz, dunkelblau und hellgrau. Eine weitere, weiß-graue Joggingshort. Dazu noch ein paar weiße T-Shirts, die kann man immer gebrauchen. Plötzlich hatte ich einen Haufen Klamotten in den Händen.

Während ich mit meinem Stapel in dem Arm durch den Laden herumlief, entdeckte ich eine blau-weiß karierte Badehose. Ich griff danach und suchte nach dem Preisschild. Nur gelang mir das nicht. Mein Herumfuchteln regte die Aufmerksamkeit einer Verkäuferin. Sie blickte zu mir herüber, schaute sich da Herumgeeiere an und entschied sich aber, sich wegzudrehen und wegzugehen. In diesem abrupten Moment nahm ich sie bewusst wahr und meine Gedanken begannen, ihr zu folgen.

»Hey«, wollte ich ihr nachrufen, »warum hast du mir nicht geholfen?« Die Frage überraschte mich. Brauchte ich Hilfe oder wollte ich Hilfe? Sah ich so aus, als könnte ich mir selbst helfen? Oder sah ich unfreundlich und abweisend aus? Und so reihten sich die Fragen aneinander an bis ich bei einer merkwürdigen Antwort landete. Hätte ich ihr gefallen, dann hätte sie die Situation genutzt, um mir zu helfen. War das wahr oder nur ein typisch männlicher Gedanke? Darüber wollte ich später nachdenken.

Ich wendete mich wieder der Badehose zu. Arrangierte die Kleidung auf meinem Arm um und erwischte endlich das Etikett der Badehose. 14,95 Eur. Der Preis war ok, aber brauchte ich wirklich eine weitere Badehose? Nein. Ich hing sie wieder auf und ging in Richtung der Kasse.

So also findet man heraus, ob jemand einen attraktiv findet, meldete sich unerwartet die Stimme in meinem Kopf wieder. Ha, erwischt!, sagte ich zu mir und meinte sie. Ich war gut gelaunt, denn heute fand ich mich ganz gelungen. Vielleicht war ich ein wenig selbstgerecht, aber ich finde, wenn ich in einem Laden etwas einkaufe, dann sollten mir die Mitarbeiter ein gutes Gefühl vermitteln oder zumindest kein schlechtes Erlebnis bescheren.

Ich lief weiter, zwischen Röcken, Blusen, ausgefransten Oberteilen und aufgehangenen blauen Linien vorbei. Wir Männer mussten nach ganz hinten, fast schon in die Ecke, der meiste Raum gehörte den Frauen. Vorbei an Plakaten mit Models, die so lange und dünne Beine hatten, dass ich mich fragte, ob das echt sein kann. Vorbei an einer wilden, dunklen Plakatschönheit, mit einem weiß-strahlenden Lächeln und einem so flachen Bauch, dass ich mich fragte, ob sie über innere Organe verfüge.

Mir lief eine weitere Verkäuferin über den Weg. Ich schaute sie unverhüllt an. Klein, kräftige Beine. Jeanshose zu hoch gezogen. Angespanntes Gesicht mit herunterhängenden Mundwinkeln und zum Trotz erhobenem Kinn. Ein Gesicht, das sich jeglicher Gefühlsäußerung verweigerte (oder verbarg sie etwas). Ich fand keinen einzigen Ausdruck der Freude darin. Sie lief links an mir vorbei, als sei ich Luft. Merkwürdig oder normal?

Dann näherte ich mich der Kasse und sah eine weitere Mitarbeiterin. Sie trug kaschierendes Schwarz und wirkte klein und ein wenig mollig, während hinter ihr an der Wand magere Bikini-Schönheiten in ästhetischen Farben am Strand auf uns herab lächelten. Dann wieder ein Gedanke – diesmal ein wenig paradox bei all den entblößten Schönheiten. Schöner Schein. Unter Kleidung kannst du viel verstecken, aber ein Gesicht bleibt nackt.

Ich schaute sie direkt an. Ausdruckslos. Oder doch nur ein professioneller Gesichtsausdruck, der wieder nichts Persönliches preisgeben sollte? Die Augen leer und ausgelaugt. Sie bewegte sich schnell und fehlerfrei, sortierte mit ihren Händen die Waren mechanisch-gekonnt, ohne hinzuschauen. Dann sagte eine Kollegin etwas zu ihr. Etwas schien sie zu ärgern. Hatten sie Stress? Nervte sie ihre Arbeit? Oder nervten sie die Kunden? Es war 10 Uhr morgens und ich war einer der wenigen Kunden im Laden. Ich konnte mir auf all das keinen Reim machen. Was war hier los?

»Hallo.« Die Frau an der Kasse sprach mich freundlich an. Ich blickte wieder in ein für mich starres Gesicht. War es denn nicht üblich, den Kunden mit einem Lächeln zu begrüßen? Auch wenn dieser geheuchelt gewesen wäre, hätte er trotzdem eine Wirkung auf den Kunden und auf die Lächelnde selbst gehabt. Sofort machte sie sich an den Bügel meiner hellgrauen Jogginghose. Entfernte schnell und routiniert die elektronische Diebstahlsicherung, schob das Etikett über den Scanner. Piep. Und mit jedem weiteren Kleidungsstück beschlich mich mehr und mehr das Gefühl von Sterilität und etwas Unnahbarem – oder besser etwas Abweisendem, ein Gefühl, als lauere darunter etwas Dunkles im Verborgenen.

Piep.

Was war nur mit diesen Menschen los? Oder regierte ich zu sensibel?

Piep.

»Nehmen Sie die Sachen so mit oder wollen Sie eine Tüte für 15 Cent?«

Ich blickte zu ihr. Ihre Frage irritierte mich und für einen Moment dachte ich, sie mache doch noch einen Scherz. Ich schwenkte meinen Blick mit hochgezogener Augenbraue und einem verwirrten Lächeln auf den Stapel links neben ihr, um ihr anzudeuten, dass ich diese Menge ohne Beutel nie tragen könne. Aber sie reagierte nicht. Schaute mich mit eng an den Körper gedrückten Armen an und wartete regungslos auf meine Antwort, wie ein programmierter Roboter, der auf die nächste, festgelegte Interaktion angewiesen war. Ich verstand den Hintergrund ihrer Frage, trotzdem war ich jetzt angepisst und kam mir blöd vor.

»Natürlich nehme ich eine Tüte.« Ich betonte die Worte auffällig, um ihr mein Missfallen mitzuteilen. Sie zog die Tüte hervor; schob meine Sachen hinein. Die Rechnung war ausgedruckt und mit der Tüte und begleitenden Freundlichkeitsfloskeln überreichte sie mir beides.

Als ich die Rolltreppe zum Ausgang hinabfuhr, stieg das irrationale Gefühl in mir hoch, viel zu viel mitgenommen zu haben. Ein Gefühl, das den absurden Gedanken hervorrief, ich hätte etwas in der Tüte, das ich nicht mitnehmen durfte und das gleich zwischen den Detektoren einen Alarm auslösen würde. Aber dann passierte – nichts.

photo credit: ZEKI Maillot de bain via photopin (license)

7 Gedanken zu “Bedient oder woran man seine Unattraktivität erkennt

  1. Ich werd berichten ! Ansonsten ist so ein Tag immer äußerst lustig.
    Schönen Abend für dich 🙂

  2. Weißt du was interessant ist, ich bekomme keine Benachrichtigungen, ob du mir antwortest. Merkwürdig, oder? Irgendwas ist ja immer 😉

    Nun ja, also feiern für Jogginghosen kann auch nur einem Mann einfallen , haha . Freundlich angelächelt jedoch bestimmt. Apropos anlächeln. Heute morgen um sieben Uhr, ich verkaufte auf dem hiesigen Flohmarkt, kam ein Herr, und wollt meine fast zehn Jahre alten Turnschuh kaufen. Er sammle diese Marke. Großäugig schaute ich ihn an und lächelte fragend. Schüchtern bot er mir, halt dich fest, 20 Euro dafür 😀 Bedauerlicherweise kam er nicht wieder um sie wirklich zu kaufen 😀 Sachen gibt´s …

    1. Oh, diesmal kann es nicht an meinem Blog liegen, sondern an WordPress selbst 😀

      Ein Mann, der Frauenturnschuhe kaufen will – eine etwas merkwürdige Geschichte 😛 Aber trotzdem schade! Ich hoffe, du konntest trotzdem erfolgreich verkaufen. Und vielleicht kommt er das nächste Mal wieder, und du hast eine weitere Geschichte: Eine spannende Fortsetzung 🙂

  3. Du meine Güte. Wechsel das Geschäft. Umgehend. Eine ohne Lächeln unnahbarem Gesicht, ok. Aber nicht das ganze Haus.
    Btw, immer nur Jogginghosen? Vielleicht lag es auch daran 😉 😀

    1. Ach, ich kaufe ja nicht wegen der Bedienung ein. Die Jogginghosen sind cool 😛 Aber vielleicht hast du Recht und woanders wäre ich für den Kauf von Jogginghosen gefeiert worden 😉

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