Hilfe und Hass

Eben passierte mir etwas Merkwürdiges, das mich für einen kurzen Moment beunruhigte. Heute Morgen fuhr ich freudig zu meinem Bruder, meine Nichte und Neffen besuchen, als mir von weitem etwas auf dem Fußweg neben der Herforder-Straße auffiel. Etwas lag dort und schwappte wie eine Welle seitlich in mein Blickfeld. Ein kurzes Aufbäumen und In-Sich-Zusammenfallen. Ein Haufen Lumpen, der vom Wind aufgewiegelt wurde, dachte ich ohne viel nachzudenken, denn die Autos vor mir fuhren achtlos daran vorbei. Doch dann sah ich die alte Frau, die seitlich auf dem Boden mit ausgestrecktem Arm in Richtung eines Beutels lag und einem Kopf, der hoch eilte und sofort zurücksackte.

Mit dem Adrenalin schossen unfassbare Gedanken in meinen Kopf. Ich hörte nur auf einen: »Halt an!« Sofort setzte ich den Blinker nach rechts, fuhr an den Straßenrand, schaltete die Warnblinkanlage an und eilte mit Dutzenden Katastrophenszenarien in meinem Kopf zu der Frau. Als sie mich sah, lächelte sie verlegen.

»Ich kann nur nicht aufstehen«, sagte sie. Sie schien klar zu sein und ohne irgendwelche Verletzungen. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

»Soll ich Ihnen hoch helfen?«
»Ja.«

Ich griff ihr unter ihren linken Arm und half ihr langsam hoch. Als sie stand wollte sie sofort losgehen, aber ich ließ nicht los, weil ich merkte, wie sie zitterte. Ich befürchtete, sie könnte wieder umfallen.

»Alles gut«, sagte sie und zu meinem Erstaunen blickte sie in die Ferne. Oh nein, dachte ich als ich plötzlich zu meiner Erleichterung eine Frau auf der anderen Straßenseite sah.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen!«, brüllte die Frau herüber und mir fiel auf, dass sie dabei sehr aggressiv schaute. Also rief ich der Frau etwas zu, um sie zu beruhigen, dass nichts Schlimmes vorgefallen sei. Doch sie ignorierte mich völlig.

Wieder rief sie der alten Dame zu, ob alles Ok sei und als sie wiederholt eine positive Antwort erhielt, wendete sie sich weg von uns, ging zu ihrem Auto und fuhr fort und wieder würdigte sie mich keines Blickes.

Das Zittern der alten Dame hatte nachgelassen. Ich fragte sie, ob ich sie mitnehmen könne. Doch sie verneinte, denn ihr Haus läge da vorne. Also machte ich mit ihr ein paar Schritte auf ihren Beutel zu, in dem sich kleine Eier befanden, von denen alle noch heile waren und gab ihn ihr. Dann ließ ich sie los, und sie ging mit ihrem Stock in Richtung ihres Hauses.

Ich ließ mich zurückfallen und ging ein paar Schritte hinter ihr her, zurück zu meinem Auto. Ich wollte nicht einfach wegfahren. Wollte sehen, ob sie nicht doch wackelig auf den Beinen war. Ich setzte mich in meinen Wagen und blickte ihr nach. In diesem Moment sprangen meine Gedanken zu der Frau von der anderen Straßenseite hinüber.

Ihr Gesichtsausdruck – was war das? Ich fand Wut und Verachtung darin. Wieso war sie so unfreundlich gegenüber mir gewesen? Das verstand ich nicht, denn ich hatte angehalten, um zu helfen. Und sie? Hatte sie angehalten, weil sie der alten Frau auch helfen wollte oder weil sie sauer auf mich war, weil sie dachte, ich hätte die Dame angefahren. Und da mir diese Situation bekannt war, fragte ich mich, ob sie überhaupt angehalten hätte, stünde ich nicht bereits dort.

In diesem Moment packte mich ein scheußlicher Gedanke. Was wäre gewesen, wenn die alte Dame wirklich von einem Auto angefahren worden wäre und sie sich nicht erinnern hätte können, dass ich es nicht gewesen war. Dann kommt diese Frau, aus irgendeinem Grund sauer auf mich, und behauptet, ich wäre der Übeltäter. Da stünde ich plötzlich als Täter da, obwohl ich nur helfen wollte.

Während die alte Dame ihren Schlüssel in die Haustür steckte, drehte ich meinen Zündschlüssel um und schaltete einen anderen Gedanken frei, den ich in den letzten Jahren eher selten hatte: Sie hasst Türken! Und plötzlich fühlte ich mich für einen Moment selbst hilflos.

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