Der moderne Albtraum


Träume, die ungeschützten Blicke in die eigene Seele, so seltsam und beängstigend einige von ihnen in meinem Leben auch anmuteten, einen wie heute Nacht hatte ich noch nie geträumt.

Als Kind lief ich in Häusern schwindelerregende Treppen hoch und hinunter; lief Verfolgern davon, die nicht von dieser Welt waren. Wenn ich mir einen Film mit Vampiren anschaute, folgten sie mir in der Nacht hinein und fanden sich als eine bizarre Mischung aus Menschen und Fledermäusen in meinen Träumen wieder; sah ich einen Film mit Untoten, dann quollen kaputte Gestalten mit offenen Körpern aus der Dunkelheit hervor, aus denen abscheuliche Flüssigkeiten herausflossen und die an meinen Fersen klebten.

Und obwohl sie sich sehr langsam bewegten, kam ich nie von ihnen los, als wären wir über ein unsichtbares Band aneinander gefesselt, bei dem ich mit jedem Schritt mich umso tiefer in meinen eigenen Abgrund stürzte. Die Monster unter meinem Bett hatten mir noch nie Angst gemacht. Es waren die Monster in meinem Kopf!

Bei jenen Monstern war jegliche Flucht aussichtslos. Ich half mir selbst, in dem ich den Traum im Traum als solches erkannte und die spukhaften Wesen als Fantasiebilder in meinem Kopf entlarvte, die mir nichts anhaben konnten.

Mit dem Heranwachsen verloren sich diese Wesen im Schatten der Vergangenheit und wurden von Träumen ersetzt, die mir auf anderer Ebene Angst einflößten: Der Untote befand sich nicht mehr hinter mir, sondern ich selbst war einer von ihnen.

Ich durchlebte unruhige Träume vom Zerfall meines eigenen Körpers. Die Haare fielen mir aus und legten Zentimeter um Zentimeter meinen Schädel unter der einstigen Haarpracht frei. Als reichte das nicht aus, setzte sich das Übel an meinen Zähnen fort. Ich konnte mich nicht dagegen wehren oder etwas dagegen tun. Sie fielen einfach aus, ohne Vorankündigung, ohne Makel, ohne Schmerz und plötzlich blickte in ein groteskes Lächeln eines Greises in einem jungen Gesicht – ein beängstigender Blick in den Spiegel der Zukunft.

Träume dieser Art schienen so real, so lebhaft, dass ich mit dem Entsetzen eines unwiederbringlichen Verlusts aufwachte und sofort in mein Gesicht griff, um meine Zähne abzutasten.

Das Grauen in meinem heutigen Albtraum bewegte sich auf einer weiteren Ebene und begann sehr harmlos. Ich kniete vor meinem aufgeklappten Notebook, das auf einem nicht sichtbaren Gegenstand auf dem Boden lag. Dann entdeckte ich einen Riss oder Knick auf der Tastatur, das sich durch das gesamte Notebook durchzog. Ein entsetztes »Bitte nicht!« füllte schlagartig meinen Kopf und schwoll zu einem bitteren Gedanken an:

All mein gespeichertes Leben darin ist dahin!

Ich starrte auf das schwarze, tote Display, und mir wurde kalt. So absurd es klingen mag, es fühlte sich an, als hätte ich mit einem Schlag mein gesamtes, vergangenes Leben verloren. Texte. Bilder. Nachrichten. Menschen. Begegnungen. Momente. Erlebnisse. All jene Erinnerungen, die eigentlich in meinem Kopf sein müssten, die ich aber über die Jahre Stück für Stück auf eine externe Platte ausgelagert hatte. Und so kam mir die digitale Reproduktion, die nicht mal ein Abbild meines Lebens war, realer als die eigentliche Erinnerung in meinem Kopf vor. Ich hielt an etwas fest, was nicht mehr existierte und mir nur den Schein gab, dass es irgendwo abrufbereit auf mich wartete. Das hatte etwas von einem Untoten. Und dann knallte ein anderer Gedanke in mein Bewusstsein: Ich komme nicht mehr ins Internet!

Ich griff sofort zu meinem Handy. Wollte den IT-Support anrufen, um zu retten, was zu retten war. Und dann starrte ich ratlos auf das Display – es war gesperrt. Ich musste eine PIN eingeben. Aber die PIN fiel mir nicht ein. Ich konnte machen, was ich wollte, sie-fiel-mir-einfach-nicht-mehr-ein. Die Ironie: Genau für diesen Fall hatte ich sie auf meinem Notebook gespeichert. Jetzt stand ich da und konnte niemanden auf der Welt anrufen, nicht mal einen Freund, wenn ich ein anderes Telefon gehabt hätte, denn ich kannte keine Nummer auswendig.

In diesem Moment fühlte ich mich hilflos und von der Welt ausgeschlossen.

Als ich dann aufwachte, war es bereits hell und fiel mir sofort etwas ein: Gestern, vor dem Schlafengehen, fertigte ich noch eine vollständige Sicherheitskopie meines Notebooks an. Nun ruhen sie dort, bis sie wiederbelebt werden…

 

[Mein Zombie wurde von LeFloid inspiriert, während ich den Klängen des C64er Klassikers »To be on top« von Chris Hülsbeck lauschte. Ich wünsche Euch eine Happy Walpurgisnacht und viel Spass beim Tanz in den Mai!]

2 Gedanken zu “Der moderne Albtraum

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