Die Bohrmaschine durch Vaters Zeh


Vor Jahren verstarb mein Vater. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht. Nur an den Augenblick, als ich es erfuhr.

»Oh«, sagte ich, als ich die Nachricht von unseren Verwandten in der Türkei hörte, denn es klang wie ein achtlos dahingeworfenes »Grüße aus der Türkei!« Die Worte und deren Bedeutung verstand ich, nur konnte ich sie nicht mit dem Bild von meinem Vater in meinem Kopf in Einklang bringen. Ihn mir tot vorzustellen war mir nicht möglich.

»Ich komme hier morgen raus« sollen seine letzten Worte gewesen sein, die er seinem Neffen aus seinem Bett im Intensivzimmer nachrief und dabei die Krankenschwester anschaute. War das eine Drohung oder Humor? So genau konnte man das bei ihm nie sagen. Er hatte die Sorge, dass sie ihn länger als nötig im Krankenhaus behalten würden, dabei war er gerade erst eingeliefert worden. Am nächsten Morgen wachte er nicht mehr auf. Das hätte er bestimmt amüsiert mit einem »Siehste, ich hatte recht! Ich bin hier raus« kommentiert.

Nach seiner Lungenentzündung ging es ihm immer schlechter, und er baute merklich ab. Daher war ich erleichtert, dass er nicht lange leiden musste. Genauso wenig wie ich seinen Tod mir vorstellen konnte, genauso wenig konnte ich ihn mir leidend, gebrechlich oder schwach vorstellen.

Er war ein zäher und vom Leben hart geformter Mensch, wuchs in Tikence Köyu auf, einem Dorf wenige Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt. Und damals ging es sehr rau zu. Als Kind besuchten wir meine Großeltern, die so lebten, wie sie immer schon gelebt hatten müssen: ohne Fernseher, ohne Bad, mit Feuerstelle zum Kochen, mit einem Plumpsklo außerhalb ohne Licht und vielen, furchteinflößenden Spinnen. Dort sah ich zum ersten Mal irritiert ein Huhn kopflos mit herumflatternden Flügeln herumlaufen. Daran musste ich auch denken, als mir mein Vater von seiner Beschneidung erzählte.

»Zack!«, lachte er und machte eine sausende Abwärtsbewegung mit seiner Hand, die erschreckend wie ein Beil herabfiel. Dann folgte eine Ausholbewegung, die imaginär auf einen Hintern klatschte und das Kind mit Geschrei als Mann in die Welt hinaus stieß.

Das klang alles sehr grausam, aber Schmerz schien mir damals keine Rolle zu spielen oder wurde als Teil des Lebens akzeptiert, dem dann wie Vielem, das einem nicht das Leben kostete, nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Solche oder ähnliche Geschichten hörte ich von ihm oder über ihn viele. Aber egal, was passierte, ich sah ihn nie klagen, weinen oder irgendeine Form der Schwäche zeigen. Er lachte immer nur darüber als wollte er sagen »So ist das Leben«.

Als ich eines Tages seine Handflächen abtastete, fühlten sich die Erhebungen in seiner Hand wie Pflastersteine an, zwischen denen tiefe Rinnsale verliefen. Die Arbeit von Kindesbeinen an formte gnadenlos diese Hände. Da bekam ich eine Ahnung davon, was Härte sein konnte. Und eines Tages, als er eine Bohrmaschine auspackte und sie ausprobieren wollte, wurde ich Zeuge, wie hart er wirklich im Nehmen war.

Ich hörte ein lautes Aufschlagen der Bohrmaschine auf dem Betonboden. Dann folgte ein kurzes, knappes »Oh«. Als ich mich zu ihm hindrehte, dachte ich, sein »Oh« galt seiner Verwunderung über sein ungeschicktes Fallenlassen der Bohrmaschine. Aber als ich seinen Fuß sah, wirkte der merkwürdig platt. Etwas stimmte damit nicht.

Er zog in Ruhe seine Socke aus, und zum Vorschein kam ein kleines, perfekt geformtes Loch, durch das ich den Teppich zu sehen glaubte und das sich sofort mit Blut füllte. Ich wurde blass und war entsetzt.

»Sieht nicht gut aus«, sagte er als würde er den Fuß von jemand anderem betrachten. »Ich fahre ins Krankenhaus.«

Ich riss meine Augen auf, zu mehr war ich im Moment nicht im Stande. Hob langsam meinen Kopf und blickte ihn an, während ich noch immer nicht verstand, was gerade passierte. Hatte ich das richtig verstanden – mit diesem Fuß wollte er sich selbst ins Krankenhaus fahren?!

»Ich fahre dich«, hörte ich mich dann sagen.

»Nein, nein, ich kann selbst fahren.« Er wickelte etwas Taschentuch um seinen Zeh und rief ein knappes »Ouh« aus. Zog dann behutsam die Socke darüber.

»Wie, du kannst fahren?« Ich schüttelte den Kopf, das sich wie ein unkontrolliertes Wackeln anfühlte, weil mein Kopf zu schwer für mich zu sein schien. »Das muss doch weh getan haben! Und wie willst du Gas geben oder bremsen!«

»Ja«, sagte er gelassen, »mir wurde kurz schwarz vor Augen.« Es klang wie etwas Banales und Beiläufiges, und während ich immer noch bewegungslos dastand und nicht wusste, was ich machen sollte, ging er in Pantoffeln die Haustür hinaus und fuhr zum Krankenhaus in die Notaufnahme.

Sein Zeh verheilte schnell, aber das Loch verschwand nie richtig.

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