Ausländer nehmen uns weg

Der Mann drängte sich einfach vor mich an die Vitrine mit den verschiedenen Leckereien. Ihm schien es egal zu sein, dass andere Menschen um ihn herum standen und auch warteten. Ich ließ mich davon nicht ärgern. Ich hatte gelernt, dass ich die meisten Kämpfe gewann, wenn ich ihnen aus dem Weg ging. Außerdem war genug für alle da und dazu ging ich viel zu gerne in die Back-Factory, deren Preise mich noch immer faszinierten und wo ich immer wieder etwas erlebte, über das ich schreiben konnte. Wie auch diesen Samstag.

Ich griff mir den schönsten Bienenstich heraus, auch wenn alle gleich gut aussahen, und legte es zur kleinen Pizza Margherita. Schnappte noch an der Kasse eine Capri-Sonne Kirsch und freute mich auf einen Fensterplatz mit Ausblick. Heute war ein schöner Tag! Die Sonne schien in Bielefeld als wüsste es, das morgen die Zeit auf Sommer steht. Und während des Essens konnte ich dann so wunderbar den Menschen beim emsigen Treiben in der Stadt zuschauen und den eigenen Gedanken nachhängen.

Doch leider kamen andere auf die gleiche Idee und alle Plätze am Fenster waren besetzt. Etwas enttäuscht fand ich einen leeren Tisch mit Resten vom Vorgänger und setzte mich mit dem Blick in die Menge hin.

Während ich noch in Gedanken versunken in den Bienenstich biss, huschte jemand an einer Person vorbei und setzte sich an den freien Tisch links neben mir.

»Ihr Ausländer glaubt wohl, ihr könnt hier machen was ihr wollt und uns unseren Platz wegnehmen!« hörte ich einen Mann sagen. Ich blickte auf und erkannte den Mann von der Begegnung vor der Vitrine wieder. Er wurde eben von einem anderen überholt. Tja, sagte ich mir, diesmal hast du verloren. Doch die Szene war nicht so lustig. Der Mann links neben mir blickte verärgert zu ihm hinüber.

»Hey, hier ist noch Platz«, sagte ich, da ich eh gleich fertig sein würde.

Er setzte sich wortlos hin, ohne irgendjemanden anzublicken. Doch ich schaute ihn überrascht an. Etwas Gegenwehr oder ein genervtes Wort hätte ich schon erwartet. Seine wenigen, leicht ins Graue gehenden Haaren spannten sich wie ein Schirm über seinem Kopf auf und legten den Blick auf sein Gesicht frei. Er wirkte angespannt. Als er in sein belegtes Brötchen biss, konnte ich seine sauberen Finger sehen, und unter den weißen Rändern seiner Fingernägel befand sich kein Schmutz. Kurzum, er sah unauffällig aus. Nur sein Kauen war hastig und wild, als wollte er etwas zermalmen. Plötzlich warf er mir einen strengen Blick zu. Ich wollte ihm meine Überraschung nicht zeigen und wendete so lässig wie möglich meinen Blick ab.

Vielleicht war er sauer auf die Welt, dachte ich mir. Vielleicht auch nur auf sich selbst, und vielleicht konnte er das nicht anders zeigen als mit Ablehnung gegenüber anderen Menschen, die er als die Schuldigen ausgemacht hatte. Damit lebt es sich vielleicht besser, denn sonst müsste er in Ablehnung mit sich selbst leben.

Ich versuchte immer zu verstehen, ob ein Mensch sich nur im Moment zu einer Äußerung hinreißen ließ oder ob er immer so war. Und, wie sich ein Mensch zu etwas veränderte, das sich in Feindseligkeit gegenüber anderen äußerte. Ich glaubte immer noch, der Mensch sei am Anfang gut und änderte sich ungewollt zum Schlechteren. Es gab aber auch Menschen, die es sich zu einfach machten.

Und während mein Blick durch die Menge streifte, fiel mir ein, was er gesagt hatte: Seinen Platz wegnehmen. Ich schaute jetzt genauer hin: viele ältere Menschen in mindestens Zweiergruppen, wenige Familien mit Kindern und vereinzelt Jugendliche. Alle schienen eines gemeinsam zu haben – sie waren vorwiegend ausländischer Herkunft. Das war mir gar nicht aufgefallen und vielleicht ein merkwürdiger Zufall an jenem Tag.

Ich schluckte das letzte Stück vom Bienenstich, trank meine Capri-Sonne leer und wischte mir meinen Mund mit der Serviette. Während ich aufstand und das Tablett griff, drehte ich mich zu dem Mann um und sagte: »Ohne diese Ausländer würde es diesen Laden bestimmt nicht geben.«


4 Gedanken zu “Ausländer nehmen uns weg

  1. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, deine Geschichte zu lesen. Auch der Satz am Ende, den du zu dem Mann am Ende gesagt hast ist klasse. Auf so etwas muss man leider in der heutigen Zeit immer mehr hinweisen…

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