Sorgen um das Haben und das Nichts

Manchmal, wenn ich abends im Bett liege und mich nichts mehr ablenken kann, höre ich, wie die sorgenvollen Gedanken in meinem Kopf aus der Dunkelheit hervor treten. Früher, als ich noch ein Kind war, galt meine größte Sorge den Monstern im Schrank oder unter meinem Bett. Mit dem Heranwachsen zogen sie aus und hinterließen Platz in meinem Kopf. Kennt Ihr das?

Eines Abends lag ich wieder müde in meinem Bett, atme ruhig die von der Heizung getrocknete Luft ein, als plötzlich ein Schalter in meinem Kopf umkippte und jede Müdigkeit aus meinem Körper verscheuchte. Ich lag hellwach unter meiner Bettdecke und knabberte wieder unfreiwillig an meinen Gedanken, die sich um meine Gegenwart und Zukunft im Kreis drehten, mit immer den gleichen Themen: der Arbeit, der Familie, dem Geld – ich sollte lieber aufzählen, was mir keine Sorgen bereitete, das wäre eine kurze und vor dem Schlaf bessere Liste gewesen.

Welches der Sorgen zuerst mir ins Bewusstsein kam und den meisten Krach veranstaltete, schien keiner besonderen Gesetzmäßigkeiten zu folgen. Vielleicht hing es von den Gesprächen oder Themen des Tages ab.

Ich las etwas über zu knappe Wohnimmobilien, über steigende Mietpreise, über steigende Preise im Immobilienmarkt im Generellen, über Bankenkrisen, Bankenunion, Sozialisierung der Risiken, über Geldabwertung…

Vielleicht lag es in der Natur des Menschen, dass er unbewusst in erregtem Gemütszustand nur jene Nachrichten durch seinen Wahrnehmungsfilter hindurchließ, die ihn am meisten emotional berührten, im Guten wie auch im Schlechten. Am Tag merkte ich nichts davon, aber in der Nacht.

Dann drängten sich die über den Tag (oder mehrere Tage) hindurch gesammelten Informationshäppchen und zu Sorgen verpackt nahezu gleichzeitig in mein Bewusstsein. Mein Bewusstsein glich dann einem Flaschenhals, der wie ein Trichter wirkte: Viel zu viel in kurzer Zeit hineingepresst und durchgepresst durch einen viel zu engen Hals, der wie ein Trichter wirkte und alles in meinen Kopf hochpeitschte, um mich zu überfordern und mir den Atem zu rauben.

Ich sah mein schwer Erspartes, meine Zukunftsabsicherung, meinen Lebensabend sich in Nichts auflösen. Dieser Gedanke fiel wie ein schwerer Stein auf meine Brust und lies mich schwer atmen. Beunruhigt suchte ich im Dunkeln nach einem Ausweg und wünschte mir manchmal absurderweise, ich hätte das Geld längst ausgegeben oder nie besessen!

Absurd – das Wort hallte in mir nach und sein Echo übertönte alle anderen Gedanken. Wie absurd doch mein Wunsch klang. Und dann machte es wieder Klick in meinem Kopf.

Wie blöd ich doch bin, sagte ich mir. Ich hatte es geschafft, Geld zu sparen, um mir Gedanken über eine Immobilie machen zu können. Aber statt mich über die komfortable Situation zu freuen, machte ich mir Sorgen darum. Ich hatte aus etwas Positivem etwa Negatives gemacht! Und dann dachte ich an die Menschen, die um ihre Existenz oder ums Überleben kämpften. Meine »Sorgen« erschienen mir mit einem Mal wie ein kleiner Luxus.

Der Gedanke wirkte befreiend, und ich kuschelte mich in meine warme Decke. Insgeheim wünschte ich mir trotzdem die Monster wieder unter meinem Bett…


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