Der Stau, der aus dem Nichts kam

Morgens nach Hannover zu fahren war wie ein Treffen mit dem Stau vereinbaren. Auf der A2 war immer etwas los. Entweder sorgte eine Baustelle für ungewollte Wartezeiten oder es konnte ein Unfall passieren. Aber der Stau, in den ich an jenem Tag geriet, den kannte ich nur aus der Chaostheorie.

Um 6 Uhr 30 fuhr ich los. Ich wollte vor dem Morgenverkehr vor Hannover sein. Mein Plan schien aufzugehen. Obwohl unerwartet viele unterwegs waren (hatten sie die gleiche Idee wie ich gehabt?), kam ich zügig ohne eine einzige Staumeldung voran. Und dann ganz plötzlich tauchte vor mir ein Stau auf. Ein Stau, der sich langsam zu einer Länge von 10 km heran arbeitet.

Nein, ich regte mich nicht auf. Ich hörte bereits die ganze Fahrt über einen Vortrag von Ulrike Hermann über Kapitalismus. Ihr Vortrag fesselte mich und wäre ich noch schneller vorangekommen, wäre ich vielleicht langsamer gefahren, um sie zu Ende zu hören. Ich lehnte mich zurück und entspannte. Arbeitete mich Stück für Stück durch den Vortrag und den Stau bis es irgendwann reibungslos weiter ging.

Und während ich der Frau Herrmann gespannt weiterlauschte – sie erzählte gerade etwas über Autobahnen und dem Ende des Kapitalismus -, merkte ich, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass sich der Stau aufgelöst hatte (ok, jetzt hatte ich es bemerkt).

Ha!, rief ich mir zu und freute mich über mich selbst. Ich hatte den Stau völlig ignoriert! Mit einem Lächeln wandte ich mich wieder dem Vortrag zu. Aber da gab es etwas, was mich zu beschäftigen begann.

Der Stau aus dem Nichts

Warum gab es eben einen Stau?

Ich dachte nach, aber konnte mich nicht erinnern, etwas gesehen zu haben, das den Stau verursacht hätte. Obwohl ich schon zu weit gefahren war, schaute ich in den Rückspiegel und sah natürlich nichts.

Als ich wieder nach vorne schaute, hingen meine Gedanken dem Stau nach. Ein Stau ohne Grund, dachte ich mir, eine Art Stau aus dem Nichts, der sich selbst geschaffen hatte. Weder befand sich eine Baustelle auf der gesamten Strecke (was an ein Wunder grenzte), noch ein Unfall. Vermutlich dürfte das Fahrverhalten einzelner Autofahrer in Summe zu einem spontanen Stau geführt haben, der sich über die Kilometer fortsetzte und nur langsam auflöste.

Wie ein Stau entsteht

Vor geraumer Zeit sah ich eine Sendung, in dem ein Forscher anschaulich erklärte, wie ein Stau entsteht. Dazu ließ er nicht mehr als ein Duzend Autos in einem Kreis fahren. Die Fahrer mussten alle die gleiche Geschwindigkeit einhalten. Sie fuhren und fuhren. Eine halbe Stunde passierte nichts und dann plötzlich kam es zum Stocken bis alle Wagen anhielten.

Was war geschehen? Irgendwann, erzählte der Forscher, beginnen die Fahrer sich zu langweilen und sie begehen kleine Fehler: Sie fahren schneller oder langsamer als vorgegeben. Dann fährt der Unachtsame zu sehr auf den Vordermann auf bzw. sein Hintermann nähert sich ihm. In beiden Fällen stimmt der Abstand zwischen den Autos nicht mehr, und die Situation überrascht den Fahrer. Als Reaktion darauf bremst der Fahrer ab. Seinem Hintermann fällt das auch auf und auch dieser muss bremsen. Und genauso ergeht dessen Hintermann. Das Bremsen löste eine Kettenreaktion aus, die sich nach hinten fortsetzte. Das Problem war nun, dass die menschliche Reaktionszeit zu einer Verzögerung führte und der nächste Fahrer immer später bremste. Am Ende musste einer der Fahrer eine Vollbremsung machen, um nicht aufzufahren.

Aus dem Chaos

Es klang wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Stau aus dem Nichts erschuf.

Schnell hatte ich auch die Verursacher ausgemacht: die aggressiven und rücksichtslosen Spurwechsler, die versuchten, lächerlich wenig Zeit durch permanentes Wechseln der Spur zu gewinnen. Und dann fiel mir ein, dass ich an der kommenden Ausfahrt hinaus musste.

Und dann passierte genau das, was vor Ausfahrten immer passiert: Die LKWs rotteten sich zu einer Karawane zusammen. Fahrerhaus direkt am Hintern des Vordermanns. Als müsste die Horte zusammen halten. Als ahnte sie, dass etwas zwischen sie kommen würde. Ich wusste nicht, ob es sich um ein Jahrtausende altes Verhalten der Herde bei Angst handelte oder ob es dem Reizen des Autofahrers galt.

Für mich gab es kein Durchkommen. Ich musste Gas geben oder abbremsen. Also tat ich das, was alle taten: Erst Gas geben, um dann stärker abzubremsen. Dann schwenkte ich kunstvoll-gewagt ein und erwischte gerade noch die Ausfahrt…