Ihr Kinderlein kommet, sitzt still und genießt das Fest!

Ihr Kinderlein kommet, sitzt still und genießt das Fest!Kinderhände flogen über die weißen und schwarzen Tasten. Entlockten dem Klavier Töne, die schief im Raum hingen. Töne, die langsam herunter purzelten und sich den Weg in die Herzen der Eltern bahnten. Die Herzen gerieten sofort aus dem Takt und verwandelten mit verändertem Herzschlag die angeschlagenen Töne in wohlklingende Melodien. Am Ende füllte sich das Herz mit sentimentalem Stolz und quoll bei einigen Eltern als Träne über.

Ich schloss die Augen, um so zu tun, als ob ich mich voll auf die Musik konzentrieren und sie genießen würde. In Wirklichkeit war ich so müde, dass ich jederzeit wegzunicken drohte und nicht mehr dagegen ankämpfen konnte. Also schloss ich meine Augen für einen Moment und nickte sofort weg. Glücklicherweise verspielte sich immer wieder ein Kind und riss mich aus meinem oberflächlichen Schlaf.

Ich saß ganz hinten, gut versteckt und nah an der Tür, sah mehr Publikum als Klavierspiel. Ab und zu hielt ich wie Bella und Jimmy Ausschau nach der Kleinen, meiner 4jährigen Patentochter.

Ihr schwarzer Wuschelkopf drehte sich schräg nach hinten, und ihre dunklen Augen suchten uns. War ihr Blick etwas ernst, konzentriert oder nur gelangweilt? Ich konnte es nicht genau sehen. Sie hatte sich in die erste Reihe gesetzt, ganz von alleine zwischen fremden Kindern direkt vor dem Klavier.

Dann sah sie uns, stand auf, ging leise auf Zehenspitzen bis zum Ende der Stuhlreihe, als wollte sie das Rascheln ihres Kleides unterdrücken. Als sie um die Stühle herumkam, lief sie in schwarzen und zum weißen Kleid unpassenden Stiefeln tapsend los. Madame »ich bin schneller als du« hätte lieber ihre Chucks getragen, erfuhr ich später von Mama Bella.

Und während wir alle versuchten, sie vom hörbaren Laufen mit gedämpften »Laaaaaang-sam« Rufen abzuhalten, legte sie bei uns angekommen mit lautem Brabbeln los. Auf die folgten dann unsere zischenden »Schhhhhhhht« und »Leiiiiihhhhh-sehhh« Rufe. In dem klaviermusikgeschwängerten Raum drehten sich nun auch andere Köpfe um.

Es grenzte sowieso an ein Wunder, dass sie dort an die halbe Stunde saß und dem Klavierspiel folgte. Sie, die kaum still stand, immer herumrannte und ständig quatschte. Sie, die jederzeit voller Energie war und keiner wusste, woher sich diese speiste. Vermutlich verfügte sie im Inneren über ein Perpetuum Mobile: ein sich selbst mit Energie versorgendes System, das mit jeder ihrer Bewegungen neuen Schwung gewann und sie von neuem antrieb. Überall war sie die Lauteste und Lebendigste.

Jetzt hatte sie genug vom stillen Sitzen.

Mir ging es leider nicht anders. Ich wurde selbst ungeduldig und zunehmend nervte mich die erzwungene Veranstaltung. Sitz still, halt still, das hier ist ernst. Ich schaute mit finsterem Blick in die Augen eines Erwachsenen, der immer noch seinen Kopf zu uns gedreht hielt. Er drehte sich ruckartig weg. Soll das hier nicht Spaß machen und den Kindern auch eine Freude bereiten? Ich musste an die vielen Kinder im Raum denken. Sie taten mir leid, und ich war froh, dass ich mit meinem Patenkind hinaus konnte.

Wir gingen wieder hinein, als ihre große Schwester (auch mein Patenkind) zu spielen begann, und den Raum mit wunderbarer und gefühlvoller Musik füllte. In den wenigen Jahren hatte sie großartige Fortschritte gemacht.

In der ersten Pause nach gefühlt einer Ewigkeit und tatsächlich nach knapp zwei Stunden nutzen viele Eltern die Gelegenheit und kamen nicht mehr zurück. Die alte Dame reagierte pikiert, hatte sie doch das alles hier nur für die Kinder und die Eltern kurzfristig organisiert. Wie undankbar.

Die Einwände der noch anwesenden Eltern, dass die Dauer der Veranstaltung zu lange für die Kinder sei, konterte sie trotzig mit »Disziplin«, als sei es nur eine Frage der Erziehung. Dass sie, trotz regelmäßigem Bitten der Eltern nach der Veranstaltung, diese jedes Mal ignorierte und keinen Millimeter von ihrer ausgedehnten Planung abwich, erweckte bei mir den Eindruck einer unsensiblen und egoistischen Person.

Ich fragte mich, war das ihr Highlight und nicht das der Kinder und der Eltern, und steigerte mich unfair in weitere Gedankenspiele. War das ihr einziger ruhmreicher Moment, von dem sie meinte, er stünde ihr zu und um den sie sich betrogen fühlte? War sie eine verbitterte, alte Dame? Ich kenne sie nicht. Sah sie nur in ganz kurzen Augenblicken, in denen ihre Augen hell und durchdringend leuchteten, während sie streng und stets höflich agierte. Sie ist ohne Zweifel eine sehr gute Klavierlehrerin mit großer Nachfrage. Daher erklärte ich mir das Durchhaltevermögen mancher Eltern, von denen ich den Eindruck hatte, die Angst, ihr Kind könnte vom Klavierunterricht ausgeschlossen werden, bestimme ihre Entscheidung, nicht zu gehen.

Mir fiel es immer schwerer, den Weihnachtsliedern zu lauschen und sie wiederzuerkennen. Jeder Fehler, jeder kleine Patzer und Disharmonie begannen mich zu reizen und in Unruhe zu versetzen, als würden die Töne immer wieder gegen meinen Kopf stoßen.

Das Wort »Disziplin« hallte noch in meinem Kopf nach. Es waren so viele Kinder mit ihren Eltern dort anwesend. Wäre es nicht schön gewesen, wenn zwischendurch alle gemeinsam Weihnachtslieder gesunden und sich dabei bei den Händen gehalten hätten? Und ein paar Geschichten erzählt worden wären, die von der Musik begleitet wurden? Wie viel hätte man aus diesem Abend machen können… Vielleicht bin ich auch nur gemein, wenn ich müde… Und doch musste ich nur daran denken, das Still-Sitzen für mich nichts Erfreuliches darstellt. Leiden die Kinder nicht genug an Bewegungsarmut? Und stand ihnen nicht ein Leben mit übermäßigem Stillsitzen bevor.

Am Abend nach fünfeinhalb Stunden räumten wir die Tische und Stühle weg. Die Eltern verbrachten also fast einen Tag von ihrem knappen Wochenende hier. Übrig blieb ein leerer Raum und ein Gedanke in meinem Kopf: Ein Raum voller Kinder ohne Geschrei, ohne Gelächter, ohne Gesänge und ohne Weinen ist ein verlorener Ort.

Die Kleine lief wieder los, nach draußen und wir mit ihrer Jacke hinterher…

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