Deformierte Flaschen oder der Kampf gegen die Maschinen

In düsteren Zukunftsvisionen werden Menschen von superintelligenten Maschinen versklavt oder kämpfen gegen sie. Das klingt viel spektakulärer als die Wirklichkeit, denn die Zukunft, die ist schon heute und viel banaler. Vor stupiden Maschinen reihen wir uns ein und unterwerfen uns freiwillig ihrem Diktat, die auf deterministischer Programmierung beruhen und keine Abweichung tolerieren. Wir bringen ihnen Opfergaben und unsere gute Laune und wertvolle Zeit sind ein Teil des Opfers. Wir dienen anstatt selbst bedient zu werden. So stand ich vor einem Getränkeautomaten und warf eine leere Plastikpfandflasche in dessen Schlund.

Ein Piepen, ein Aufleuchten und ein Alarm als hätte ich gerade etwas Unrechtmäßiges getan. Ein Schriftzug auf rotem Untergrund mahnte mich an: »deformierte Flasche«. Dann rollte die Flasche in Einwurfrichtung wieder hinaus. Der Automat hatte sein Urteil gefällt, ausgesprochen und meine Flasche verstoßen.

Etwas verwundert nahm ich die Flasche heraus. Hielt sie nach oben gegen das Licht. Schaute sie mir genau an, während ich sie einmal herum drehte. Einen Schaden konnte ich an ihr nicht entdecken. Ich wollte sie wieder hineinstecken, doch ich musste warten – der Vollautomat musste sich beruhigen. Das kam mir sehr gelegen, denn es gab mir die Gelegenheit, mich langsam in die Sache hineinzusteigern und mich aufzuregen.

Als das Display mit dem Rot verblasste und in ein himmlisches Blau wechselte, schob ich die Flasche wieder hinein. Doch trotz innerer Anspannung ging ich diesmal etwas behutsamer und gefühlvoller vor. Beinahe schon zärtlich führte ich die Plastikflasche in das Loch ein und legte es sanft auf die Schieberöhren. Aber es half nichts. Ein kurzes Rotierenlassen auf Aufhüpfen der Flasche in erotischem Licht und dann war das Urteil wieder gefällt: kein Einlass.

»Deformierte Flasche« leuchtete wieder auf wütendem Rot auf.

Es war kompliziert, die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Lag es an der Maschine oder am Menschen? War nicht jede Beziehung mit Menschen schwierig? Doch auch wenn das Thema philosophisch inspirierend hätte sein können, ich war nicht in Stimmung dafür. Das User-Interface bzw. die Kommunikationsschnitte Mensch-Maschine gefiel mir überhaupt nicht. Ich war kurz davor, bestimmte Worte aus meinem Mund herauszuholen und es der Maschine in sein arrogantes Maul zu stopfen. Ich tat es nicht. Es hätte nichts gebracht. Es war nur eine Maschine. So stand ich genervt vor dem dummen Vollautomaten und kämpfe gegen imaginäre Windmühlen unbekannter Logiken basierend auf internen Prozessabläufen mit ganz realen Folgen auf das – mein Leben.

Mein strenger Blick wandte sich wieder dem Display zu. Würde der bescheuerte Vollautomat Münzen annehmen, dachte ich mir, dann befänden sich bestimmt Spuren von aufgeriebenen Münzen an seiner Oberfläche. Aber eine Plastikflasche, was sollte ich da tun? Warten. Ruhig bleiben. Das ist nur eine dämliche Maschine, wiederholte ich mantraartig. Keine Gefühle. Keine Persönlichkeit. Kein Nichts. Dir völlig unterlegen. Einatmen. Ausatmen. Ruhe bewahren. Einssein mit dem Feind. Ohm…

Als ob der Vollautomat wissentlich eine Latenzzeit zum Abkühlen menschlicher Gemüter eingebaut hätte, gab es just in dem Moment den Eintritt wieder frei, an dem ich mich genug beruhigt hatte, um die Flasche korrekt einführen zu können.

Auf Fingerspitzen legte ich sehr behutsam das Plastik hinein, als handle es sich um ein sehr zerbrechliches Gut. Ich spreizte die Finger in Zeitlupe, und die Flasche bettete sich gemütlich auf den Röhren als wäre es eine kleine Wohlfühloase der Ruhe, Stille und Andacht.

Wieder eine Drehung um sich selbst, dann Freudensprünge und plötzlich lauschte ich dem wonnevollen Hineingleiten und Fallenlassen ins feuchte Dunkel. Noch bevor ich mein erleichtertes »Endlich!« ausrufen konnte, höre ich seltsame Knautschgeräusche aus dem Inneren des Vollautomaten.

Ich zuckte kurz zurück und horchte auf. Dann näherte ich mich langsam der Maschine und schaute fragend in die Öffnung hinein. Das Licht leuchtete den Tunnel im Inneren gut aus und hatte den Charme einer Außenbeleuchtung eines Puffs. Der Tunnels endete an einer schwarzen Wand. Direkt davor befand sich ein Loch, durch das die Flasche nach unten geplumpst wurde.

Mehr sah ich nicht und doch ahnte ich, was ich da eben gehört hatte. Mir wurde eben meine mühsam in die Maschine gesteckte Flasche, die mehrere Anläufe brauchte, um aufgenommen zu werden, einfach zusammengequetscht! Wozu das Ganze? Konnte die Maschine nicht etwas toleranter sein oder hatte sie restriktive Vorgaben, damit sie weniger Geld ausgab? Oder wollte das Kaufhaus die Kunden ärgern? Oder war die Antwort viel banaler: Dort, wo der Kunde auf das Kaufhaus angewiesen war, befand sich das Land der Kundenschikane, weil es am billigsten war und sie damit durchkamen. Oder vielleicht – ein verwegener Gedanke – waren die Maschinen wie Kinder, die ihre Grenzen ausloteten…

Aber, noch war der Kampf nicht verloren, denn am Ende erhielt ich einen Pfandgutschein. Also fasste ich einen teuflischen Plan: Ich würde 100 Flaschen sammeln und für jede einzeln einen Pfandgutschein ziehen, um sie dann an der Kasse einzulösen. Ich würde es solange machen, bis es schule machen würde oder ich Pfandautomateneintausch-Verbot bekäme!

Und wenn eines Tages tatsächlich Maschinen die Welt beherrschen wollen würden, ich wäre bereit, denn genug an ihnen hätte ich dann auch trainiert.


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