Durchgezappt oder DramaQueen auf Abwegen


Shopping Queen auf Vox mit KretschmerBeim Durchzappen stolperte ich in einem winzig langen Moment über „Shopping Queen1, so als hätte ich mich in einer Laufmasche verfangen. Einer Sendung, die ich nur aus wenigen Ausschnitten kannte. Ausschnitte, in denen ich Frauen ständig hektisch in Boutiquen hinein-, herum- und hinauslaufen sah.

Und während ich einen kurzen Moment irritiert über den tieferen Sinn nachdachte, landete ich inmitten einer Klatschrunde von halbwegs attraktiven Damen, die über die Ankunft einer weiteren Dame aus München redeten. Sie hätte etwas mit Mode zu tun. Und aus irgendeinem mir unbekannten Grund weckte das mein Interesse. Vielleicht erwartete ich ein Zickenkrieg oder andere Einblicke. Auf jeden Fall konnte ich nicht mehr umschalten – ich musste diese Frau sehen.

Ich wartete gespannt auf ihr Auftreten und interessierte mich vor allem für den Kommentar des Designers Kretschmer.

Mutig fand ich sie, denn sie präsentierte sich einem Millionen-Publikum als Designer. Neben einer Chance barg es auch das Risiko des Scheiterns. Und als sie dann eintraf, wünschte ich ihr sehr viel Mut, denn für mich schien sie bereits gescheitert zu sein.

Allein ihr Auftritt, an dessen Details ich mich kaum erinnern kann, hinterließ bei mir Verwirrung. Die Auswahl ihrer Kleidung schien mir in Disharmonie zu sich selbst zu stehen, als wollte sie ungeschickt etwas verbergen. Ein merkwürdig hervorgewölbter Bauch presste ihre weiße Bluse in mein Blickfeld. Schwanger schien sie nicht zu sein. Also suchte ich nach einen Gürtel, der ihr Körper in eine für mich unnatürliche Form gepresst hatte, als mich jäh ihre Worte aus meiner Suche rissen.

»Sexy ist das Motto?«, hörte ich sie sinngemäß sagen. Das sei ja gar nicht die Saison!

Oh, dachte ich, das ist aber kein feiner Einstieg, sagte sie damit doch indirekt, dass derjenige, der sich das Motto ausgedacht hatte, etwas danebengegriffen hätte. Im Prinzip attestierte sie dem Designer Kretschmer Unvermögen und setzte sich zugleich eine Stufe höher. Eine nicht nur unprofessionelle Herangehensweise, sondern auch eine sehr ungeschickte, denn Kretschmer (soweit ich weiß) bewertet am Ende die zusammengestellte Komposition.

Dann folgte dramaturgisch passend die Gegenblende zu Kretschmer: ein überraschter Blick, ein Flattern der Augenlider und ein Kopf, der sich ungläubig zu Seite neigte. Mit einem etwas pikierten »Aha« begleitet von weiteren Worten unterstellte er ihr Unkenntnis in modischen Angelegenheiten.

Blende zurück zu den Damen. Als ob das nicht gereicht hätte, blickte die Münchener Modedame zu Regina Halmich (jetzt hatte ich sie erst erkannt!), wendete sich von ihr ab und verzog dabei auf eine seltsam unbeholfene Weise ihren ganzen Körper, als wären ihre Beine am Boden festgenagelt, während sie mit dem Oberkörper zu flüchten versuchte. Diese Verdrehung setzte sie in einer merkwürdigen Gesichtsverbiegung fort, als wollte sie etwas ausdrücken, was sie mit Worten nicht konnte oder durfte. Und dann presste sie ein Wort heraus. »Sexy «, hörte ich sie sagen und mir schien, noch nie im Leben hatte jemand dieses Wort auf so unerotische Weise klingen lassen wie sie.

Ihr Blick stolperte wie ein verängstigtes Reh, das sich plötzlich im Scheinwerferlicht wiederfand, über den Körper von Regina Halmich. Sie wackelte mit dem Kopf als wollte sie stockende Worte aus ihrem Hals hochpressen. Da hob sie unbeholfen ihre Hand mit einer präsentierenden Aufwärtsbewegung zu einem »Seht doch selbst«. Sie blickte in wortlose Gesichter und da schien ihr bewusst zu werden, dass sie gerade Regina Halmich als »unsexy« bezeichnet hatte.

Bestimmt führte sie deshalb ihre Bedenken weiter fort. So fielen Worte wie »Körpergröße«, »Beinlänge« wie Fussel von ihr herab. Jetzt hatte sie es auch noch geschafft, Regina Halmich mit zu klein mit zu kurzen Beinen herabzustufen.

Ich schwankte zwischen Irritiert– und Amüsiertsein. Klein ja, aber unsexy? War Regina Halmich nicht im Playboy gewesen und recht sexy? (Ich habe es jetzt gegooglt – beides ja!).

Und während ich mich mit diesem Gedanken beschäftigte, huschte ein flapsiges »jetzt hatte sie geschickt alle Hauptakteure beleidigt« in meinem Kopf und wirbelte einen weiteren Gedanken auf, der noch verdeckt im Dunklen lag.

Alle anderen beleidigen, wiederholte ich meinen letzten Gedanken, während ich den anderen freizulegen versuchte. Wer alle anderen beleidigt, den könnte man einfach als arroganten Arsch bezeichnen, aber das klang für mich nicht richtig. Es klang zu… selbstbewusst!

Und plötzlich kam mir der Gedanke, dass sie Angst hatte. Sie hatte Angst, weil sie unsicher war, unsicher wegen ihres Könnens. Im Prinzip hatte sie sich mit ihren beiden Kommentaren abgesichert und die Schuld für das Verlieren des Shopping Wettbewerbs komplett allen anderen zugeschoben. Der Designer Kretschmer wählte das falsche Motto. Die Boxerin Halmich verfügte über den falschen Körper. Also konnte sie als Modeexpertin kaum gewinnen. Wenn Halmich verlor, dann lag es an allen anderen, aber nicht an ihr. Und wenn Halmich gewann, musste es an dem besonderen Können der Dame aus München gelegen haben. Ein selbstbewussterer (oder qualifizierterer) Mensch hätte sich mit Begeisterung in jedes Thema hineingestürzt und die Herausforderung angenommen.

Es waren nur wenige Minuten, die ich zuschaute, und trotz eines unerwartet amüsanten Augenblicks schaltete ich weg. Das Ende interessierte mich nicht. Ich traute der Regina Halmich einen eigenen guten Geschmack zu.

Übrigens gilt es auch nicht als schick, uneingeladen in eine Szenerie hineinzuplatzen und sich als Haustürpsychologe über die Gäste auszulassen, aber das ist eine andere Geschichte…

Links

1 »Shopping Queen« auf VOX am 04.10.2015

4 Gedanken zu “Durchgezappt oder DramaQueen auf Abwegen

    Reposts

    • Hakan von C

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