Weibliche Kommunikation oder wie eine einfache Frage als Kurzgeschichte endete

Ebenso faszinierend wie Frauen ist ihre Sprache. Zwar sprechen wir die Gleiche, aber mit unterschiedlichen Bedeutungen und Intentionen. So bedeutet ein Wort nicht immer das Wort selbst, sondern es füllt einen Raum voller interpretatorischer Möglichkeiten, die fein auf das Gegenüber abgestimmt wird. Der Mann hingegen öffnet die Tür des Raums wie einen Kühlschrank voller Bier und greift sich das Erstbeste heraus.

Auch wenn ich eine Ahnung davon habe, bleibt für mich schwierigste und kaum greifbarste Form dieses Ums-Thema-Herumschleichen, das Sich-Winden, das zarte Andeuten, das behutsame Winken – kurzum die indirekte Form der weiblichen Kommunikation.

Dann fühle ich mich manchmal wie jemand, der sich in einem unbedachten Moment plötzlich in einem Labyrinth wiederfindet, aus dem er nicht mehr unversehrt herauskommen kann, denn überall auf dem Weg scheinen emotionale Fallen zu liegen. Und manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, dass der Irrgarten einen Ausweg hat. Besonders schwer wird es, wenn Mann zwischen den Zeilen einer Textnachricht lesen muss.

In diesem Fall schaffte es meine sehr gute Freundin Bella mit 144 Wörtern, mich auf einen der harmloseren Irrwege zu schicken. Natürlich meinte sie es gut. In ihrem Fall weiß ich, dass ihr das Fragen unangenehm war (dass das grundlos war und ist, spielt für sie keine Rolle). Ich vermute, sie gehört zu jenen Frauen, die je emotionaler eine Situation für sie ist, desto indirekter werden und mehr Worte verwenden.

Es begann mit einer einfachen Frage.

Hakan wie arbeitest du von zu Hause aus stressig oder etwas entspannt?
[12 Wörter]

Eine Frage, die mich irritierte, weil sie nicht meiner Erwartung entsprach. Ich machte Homeoffice und wenn dann eine Nachricht eintraf, ging es eher darum, ob und wann wir uns in der Stadt zu einem Kaffee treffen würden.

Ich dachte mir nichts weiter und antwortete ihr ausführlicher als üblich – sonst wäre meine Antwort ein kurzes „Ja, entspannt“ gewesen. Ohne, dass ihr bewusst war, löste das Wort „entspannt“ eine emotionale Reaktion bei mir aus. In dieser Woche fühlte ich mich nicht fit genug und hatte um Homeoffice gebeten. Das erwies sich als eine schlechte Idee, da wir mit einem Kunden auf der anderen Seite der Weltkugel mit unserer Software produktiv gingen. Die Anzahl meiner Mails und Anrufe nahm Dank meiner Distanz zu meinen Kollegen exponentiell zu. Mein Stress auch.
Kommt drauf an. Es ist entspannt, wenn vor Ort Kollegen sind, mit denen ich mich abstimmen kann...

Kaum legte ich das Handy weg und wollte mich meinen nervigen Mails widmen, vibrierte mein Handy wieder. Bella hatte mir wieder geschrieben.
Kannst du mit deinem Laptop quasi überall arbeiten oder musst du zu Hause sein?

[14 Wörter, insgesamt 26 Wörter]

Eigentlich hatte ich das Thema für mich abgehakt, doch jetzt dachte ich nur: „Hä?!“

Ich hielt einen Moment irritiert inne. Ich verstand nicht genau, was Bella von mir wollte. Wollte sie etwas wegen ihrer Arbeit wissen? Plante sie, auch Homeoffice zu machen? Oder ging es um ihren Mann Jimmy, der ab und zu Homeoffice machen durfte?

Dann scrollte ich hoch zu ihrer ersten Nachricht, doch das half nichts.

Und… wisst Ihr, worauf sie hinaus will?

Ich schrieb ihr und fragte sie direkt.
Ich kann überall arbeiten, warum fragst du?

Im Nachhinein frage ich mich: Wenn ich sie nicht gefragt hätte, wie lange wir uns hin- und hergeschrieben hätten, bis sie mit der eigentlich Frage herausgerückt wäre…

Als dann die eigentlichen Textbrocken – das waren kleine Geschichten für sich – mich erreichten, kam ich nicht mehr dazu, sie zeitig zu lesen. Ich führte diverse Telefonate. Es gab auch keinen Hinweis, dass es sich bei ihr um etwas Wichtiges oder Dringendes handelte.

Knapp nach 45 Minuten nach meiner letzten Antwort rief sie mich an und wiederholte in umformulierten Worten ihre Frage. Später lass ich mir ihre weiteren Nachrichten durch.
Frage weil meine Kleine ist gesund, aber schlapp und will nicht in die Kita ich muss um 12 arbeiten und Jimmy holt die Kinder normalerweise heute ab. Um 16.30 Uhr wäre er zu Hause mit der anderen - kannst Du bis dahin übernehmen? Die spielt alleine geht auch alleine auf Klo, alles kein Thema, kannst auch Fernseher an machen...

[59 Wörter, insgesamt 85 Wörter]

Ok, sie möchte wissen, ob ich zu ihnen kommen und auf die Kleine aufpassen könnte. Die Kleine war wirklich so. Sie kann sich bewundernswerterweise mit sich selbst beschäftigen und in Ruhe alleine spielen. Eigentlich eine überflüssige Information, aber ich merkte, es muss ihr nicht leicht gefallen sein, jemanden um einen Gefallen zu bitten.

Aber, durch ihre vorangegangenen Fragen könnte ein anderer ihr behutsames Vorgehen als Falle auffassen, denn im Prinzip hatte sie unabsichtlich mit ihren ersten beiden Fragen mir alle Argument für ein Nein genommen. Da ich von überall arbeiten konnte, konnte ich auch bei ihr arbeiten. Trotzdem wusste ich nicht, ab wann ich bei ihnen aufpassen hätte sollte.

Sie schrieb dann weiter, als würde ihre detaillierte Erklärung noch nicht ausreichen.
Sie kennt das von Papa, wenn er zu Hause arbeitet, dass sie nicht stört beim Telefonieren. Aber ich kann verstehen, wenn du es nicht so gerne machen möchtest… Jimmy hat grade angerufen - endlich - den konnte ich hat nicht erreichen…

[41 Wörter, insgesamt 126 Wörter]

Nicht nur, dass die Kleine sich alleine beschäftigen konnte, nein, sie versteht auch, dass bei der Arbeit in gewissen Situationen niemand gestört werden darf. Das perfekte Kind fürs Homeoffice!

Den Part mit ihrem Mann verstand ich allerdings nicht. Brauchte sie mich, weil sie ihren Mann kurzfristig nicht erreicht hatte? Und hatte sich das jetzt erledigt?
Also er würde ab Mittag von zu Hause aus arbeiten…

[10 Wörter, insgesamt 136]

Also bis zum Mittag (12 Uhr) sollte ich aushelfen. Vermutlich ab sofort.
:-D

Endlich ist es raus:-D Erleichterung! Warum eigentlich, zu ihr war ich doch immer nett;-)
Kannst du mir von 11.30-13.30 aushelfen?

[7 Wörter, insgesamt 144]

Und dann endlich die sieben entscheidenden Worte! Warum konnte sie das nicht gleich von Anfang an schreiben? Stattdessen nahm sie den Umweg über 144 Wörter. Wir Männer hätten statt neun Nachrichten miteinander auszutauschen einfach diese eine geschrieben. Gut wär‘s. Das schreibe ich ihr dann auch später.
Bella, das nächste Mal einfach direkt fragen statt langer Texte;-)

Übrigens habe ich mich über ihre Frage sehr gefreut, denn es gibt nicht viel, wo ich wirklich von Hilfe sein kann. In diesem Fall klappte es von meiner Seite nicht. Doch ich hoffe, Bella wird das nächste Mal direkt fragen, denn für uns Männer ist das ein Zeichen von enger Freundschaft und Vertrauen!

Liebe Damen, das solltet Ihr auch tun – oder, wer von Euch wusste, worum es ging bis es klar ausgeschrieben wurde? Hand aufs Herz. Wir Männer werden es Euch in jedem Fall danken…

[Danke Bella, dass ich deine Nachrichten in leicht geänderter Form abdrucken durfte.]


11 Gedanken zu “Weibliche Kommunikation oder wie eine einfache Frage als Kurzgeschichte endete

  1. Nun.. die meisten von uns leben Unterhaltungsrituale wie die Chinesen in geschäftlichen Dingen aus. In Asien würde es jedes Geschäft zunichte machen, hätte Bella umgehend ihr Anliegen formuliert. Sie wäre quasi entlassen worden.
    Es liegt also in der Hand des Geschäftspartners oder in diesem Fall deiner, die Sache zu beschleunigen.
    Deine Vorangehensweise war schon ganz gut. Zuuuu schnell darf man allerdings nicht auf den Punkt kommen. Denn eine direkte Konfrontationen mit etwaigen Anliegen kann Frau leicht überfordern.
    Frauenumgangshandbuch, Kapitel Kommunikation, Lektion4, Seite 97.

    1. Vielen Dank für deine ausführliche Erläuterung! Kannst du mir bitte ein Exemplar des Buches zusenden? Oh warte, das war zu direkt! Darf ich dich denn bitten, mal nachzuschauen, ob irgendwo noch ein Exemplar des Buches liegt, das sich zu wenig beachtet fühlt und über einen neuen, aufmerksamen Leser freuen würde:-P

      Generell hast du ja Recht und in gewissen Situation macht es ja auch Spaß. Nur bei sehr guten Freunden und zeitkritischen Angelegenheiten, könnte Frau auch etwas vom Mann lernen…:-)

      1. Sobald das Buch geschrieben ist, bekommst du ein Exemplar. Wird vorgemerkt..
        Und natürlich hab ich recht, ich bin schließlich eine Frau 😀
        Wobei mal ernsthaft, sicher kann Frau von Mann lernen. Und zwar eine Menge. Sollte sie auch. Es vereinfacht einiges. Für beide Seiten 🙂

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  • Ein Mann ein Wort. Eine Frau ein Wörterbuch. Wahrhaftige Floskeln. Danke an HakanWeibliche Kommunikation oder wie eine einfache Frage als Kurzgeschichte endete | Stay hard and go strong
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