9 Uhr 40, die Verunsicherung meines Passwortes


„In 3 Millionen Jahren läuft Ihr Passwort ab. Möchten Sie es nicht jetzt schon ändern?“

Möchte mich das System informieren oder mir drohen oder handelt es sich um eine therapeutische Maßnahme? In meinen gelassenen Momenten stelle ich ihm eine kecke Gegenfrage: „Ihr Leben läuft in ein paar Jahren ab, möchten Sie es denn nicht heute schon beenden.“

Der sanfte Tot kommt in Raten – vielleicht übertreibe ich, aber in solchen Momenten bin ich ein sensibler Mann mit Frustrationshintergrund. Liegt es an meinem Alter? Bin vielleicht ich unsicher und nicht mein Passwort? Liegt es an einer zu hektischen Welt, die mich allmählich überfordert und dem der Sinn abhandengekommen zu sein scheint oder gibt es nicht wirklich Wichtigeres zu tun…

Nicht ohne Grund bereitet mich also das System sanft auf dem bevorstehenden Passwortwechsel vor. Ein Vorgang, der mich dennoch jedes Mal immer mehr aufregt. Warum dieser ständige Zwang zur Veränderung? Warum kann etwas, das gestern noch gut genug war nicht einfach so bleiben wie es ist?

Mir wieder ein neues Passwort ausdenken – allein der Gedanke daran ermüdet mich plötzlich. Kann sich nicht der unsichere Bursche zum Therapeuten begeben und etwas mehr Selbstsicherheit gewinnen…

Als ob das nicht genug wäre: Heute ist der Tag, nach dem ich jetzt jeden Tag eine neue dämliche Erinnerungsmail erhalten werde. Ist das psychologische Kriegsführung? Eine Zermürbungstaktik? Eine gemeine Form, mich zu verunsichern? Und dennoch werde ich mich beharrlich dem vorzeitigen Ändern verweigern – ich bin ein Rebell auf Zeit!

Unaufhaltsam kommt dann doch der Moment.

Lästiges Tippen auf der Tastatur. ENTER.
„Ihr Passwort muss sich von den letzten 5 Passwörtern unterscheiden.“

Was? Woher kennt das System meine letzten Passwörter?

Tippen von anderen Buchstaben auf der gleichen Tastatur. ENTER.
„Ihr Passwort muss mindestens ein Sonderzeichen oder eine Ziffer enthalten.“

Leichtes Schlagen auf der Tastatur. ENTER.
„Ihre beiden Passwörter müssen übereinstimmen.“

Wiederholtes Tippen. ENTER.
„Die letzten 5 Buchstaben Ihres Passwortes müssen sich von Ihrem letzten Passwort unterscheiden.“

Ich schmettere verbal Buchstaben in unanständiger Reihenfolge an meinen Bildschirm. Bestimmt bin ich ein Sicherheitsrisiko. Vor allem, wenn mir jetzt einer der Sicherheitsleute über den Weg laufen würde, der sich das ausgedacht hat.

Und dann geht es ganz schnell. Geschafft! Das neue Passwort. An sich nichts Neues, nur länger mit höherer Wiederholung bestimmter Buchstaben, denn irgendwie muss ich es mir merken können. Also nur eine Scheinsicherheit. Aber – solange sich die Sicherheitsabteilung sicher fühlt, war es zu irgendetwas gut.

Und dann muss ich lachen. Das Bild von zwei Sicherheitsmitarbeitern huscht über meinen Kopf in meine Gedanken. Zwei Männer sitzen mit hochrot brütenden Köpfen in kleinem Büro und denken darüber nach, wie sie unsere unsichere Welt noch sicherer machen können. Und dann der Einfall: Ein Passwort, in dem sich statt der letzten 5 die letzten 7 Zeichen voneinander unterscheiden! Ja, von irgendetwas müssen diese Menschen auch leben. Ich muss an Waschmittelwerbung mit ihrem Zwang, jedes Jahr weißer als weiß zu waschen, denken. Vielleicht schenke ich den beiden einen sauberen Bezug zur Realität auf dem sie sich sanft niederlassen können…

PS. Zu früh gefreut. Die nächste Anwendung bittet um Aufmerksamkeit.
PPS. Gerade erschreckend festgestellt: Ich habe mehr als 100 Systemzugänge mit eigenen Passwörtern.


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