Ich will doch nur telefonieren!


Manchmal schaue ich auf die glatte Oberfläche meines Smartphones. Drehe und wende es. Lasse das Sonnenlicht darin spielerisch brechen. Blicke dann in die Spiegelung meines fragenden Gesichts, als erwartete ich eine Antwort. Das Handy kann mir keine Antworten geben, es stecken keine Menschen darin, aber dahinter.

Manchmal scheint es so schwierig, einfach mal mit jemanden zu telefonieren – besonders, wenn es sich um jemand Interessantes vom anderen Geschlecht handelt. Eine Nachricht zu schicken, das geht immer, überall und jederzeit.

Vielleicht bin ich auch nur eine Art Klassiker und längst ausgestorben, wenn ich glaube, Telefone seien zum Telefonieren da. Oder ich beherrsche zeitweise die moderne Art des Kommunizierens nicht. Vielleicht verzweifele ich auch mal daran, weil ich einer Illusion des ständigen Verfügbar- und Erreichbarseins erliege, die eine Nähe zu einem Menschen suggeriert, die nur in der eigenen Gedankenwelt existiert.

Sie rief mich morgens an, über WhatsApp. Ich saß gerade im Auto, bemerkte ein Brummen in meiner Hosentasche. Immer im unpassendsten Augenblick bekomme ich einen Anruf und dann handelt es sich meistens um jemanden, den ich sprechen wollte (im Gegensatz dazu scheinen unangenehme Anrufe immer den richtigen Moment abzupassen).

Nach dem Parken griff ich zu meinem Handy. Ein Anruf auf WhatsApp. Ich schrieb ihr, dass ich mich später melden würde. Doch da war es bereits zu spät. Als ich sie dann anrief, konnte sie wegen ihrer Arbeit nicht ans Telefon gehen. So schrieben wir uns noch ein paar Male hin und her. Ans Telefon bekam ich sie nicht mehr.

Vielleicht liegt der Reiz des Schreibens im Unverbindlichen. Du kannst die Nachricht lesen, wann immer du willst. Darüber nachdenken, um vielleicht eine schlagfertige Antwort zu senden oder dich mit jemand anderem darüber auszutauschen. Und irgendwann, wenn du Lust dazu hast, schreibst du zurück. Früher war der Mensch neugieriger, weil er es sein musste, weil er zu wenig wusste und blieb es auch eine Weile, dachte ich mir.

Es sind Fragmente aus der Gedankenwelt eines anderen Menschen, die auf dem Handy eintrudeln, losgelöst aus Raum und Zeit. Etwas, das dem eigenen Tempo und eigenen Kontrolle unterliegt.

Und manchmal sind es ferne Erinnerungen an etwas, was mal war und man vergaß, weil die Nachrichten nur kurz sind oder zu lange her waren oder parallel – in der Zwischenzeit werden diverse andere Nachrichten mit diversen anderen ausgetauscht.

Und dann zerrinnt das Persönliche und Einzigartige zwischen dem ständigen Auf- und Abscrollen der alten Nachrichten beim „Wiedererinnern“ zwischen den eigenen Fingern. Und dann bleibt von der Beständigkeit des Medium nur etwas Flüchtiges und Unpersönliches übrig.

Vielleicht aber spiegelt das Medium nur den Menschen wider. Vielleicht wird durch das neue Medium eine unangenehme Wahrheit offensichtlicher, die sich nicht mehr so einfach ignorieren lässt: Das Erkennen des Desinteresses des anderen an einem selbst.

Am Ende bin ich genauso schlau wie früher – also doch alles beim Alten.


Ein Gedanke zu “Ich will doch nur telefonieren!

    Reposts

    • Hakan von C

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