Von Waffeln und Zombies

Von Waffeln und Zombies
Nicht durchschlafen, dauermüde, schlecht gelaunt, verspannt und dann noch immer wieder leicht kränkelnd – nein, ich musste keine Kinder haben, um wie ein Untoter durch den Tag zu laufen, aber dann hätte ich wenigstens eine Ausrede. Vielleicht musste man Kinder haben, um die besonderen Kräfte aus sich selbst heraus zu schöpfen, denn ich glaube, jeder von uns wächst mit seinen Aufgaben.

Ich hingegen bin nur ein Patenonkel. Dabei gibt es bei uns Türken mit Religionshintergrund keine Taufe mit Patenkind und Patenonkel.

An diesem Freitag kam die Aufgabe in Form eines simplen Waffelverkaufs, an der ich wachsen könnte, viel zu plötzlich. Zwar hatte ich den Termin vor zwei Wochen zugesagt, aber nach dem sorgfältigen Eintrag in meinem Terminkalender war das Thema abgehakt.

Alle zwei Wochen veranstaltet der Kindergarten einen Waffelverkauf, den die Eltern organisieren. Der Erlös kommt den Kindern zugute, eine schöne Idee. In dieser Woche war Bella, die Mutter meiner Patenkinder, mit dem Verkauf an der Reihe. Für eine arbeitende Mutter (wenn auch halbtags) begann die Waffelaktion viel zu früh.

Nach Rücksprache mit ihrem Arbeitgeber konnte sie früher aus der Arbeit, wäre dann trotzdem eine Stunde zu spät im Kindergarten angekommen. Da sie wusste, wie gern ich naschte und als Berater häufig am Freitag Homeoffice habe, rief sie mich an.

„Du musst nur an der Kasse stehen und gut aussehen“, sagte sie. „Und du kannst kostenlos Waffeln essen, so viele du willst.“ Sie kannte meinen Schwachpunkt.

„Hey“, sagte ich gönnerhaft, „wenn ich als Patenonkel gebraucht werde, dann bin ich für die Kleine da!“ Bella verschwieg, dass wir nur die misslungenen Waffeln essen würden.

An diesem Freitag schien die Sonne und brachte mein blau-weißes Hemd zum Leuchten. Ich traf überpünktlich im Kindergarten ein. Eine Frau baute draußen den Waffelstand auf; es war die Leiterin Amalia. Ihr freundliches Gesicht ließ sie jünger wirken.

„Ich springe für Bella ein“, sagte ich. „Wie kann ich helfen?“ Wir holten den letzten Tisch heraus. Ich wischte die Tische sauber und stellte mich zufrieden hin. Der Waffelstand stand geschützt im Schatten. Ich schaute über den Platz. Von hier aus hatte man einen guten Überblick über den ganzen Platz. Ich wartete auf die Ankunft der ersten Eltern mit Kind. Ich war bereit, als mich plötzlich Amalia aus meinen selbstzufriedenen Illusionen herausriss.

„So“, begann sie harmlos, „wir können jetzt in die Küche.“
In die Küche? Während die Worte noch in meinem Kopf nachhalten, wurde mir erst jetzt bewusst, was die leeren Tische zu bedeuten hatten.

Irgendwo hinten, abseits von Blicken, befand sich die Küche. Ein unscheinbarer Servierwagen überraschte mich mit 6 Packungen Mehl, 12 Packungen Butter, drei Schüsseln, dann jeder Menge Milch, Eier, Backpulver und noch weiteren Kleinigkeiten. Intuitiv erfasste ich die Situation: Ich musste das ganze Zeug selbst anrühren!

Nun gut, ich hatte bereits einige Kochsendungen gesehen und praktische Erfahrung mit Wasser kochen oder Brot toasten. Also blieb ich ruhig. Dachte nach und kam zu dem Schluss, dass ich wirklich zu blöd dafür sei. Würde jetzt die mir bekannte Welt aus Lieferdiensten und Fertiggerichten untergehen, ich würde verhungern!

Gehe es ganz langsam an, sagte ich mir und schaute ratlos auf das Zeug. Amalia erkannte meine Unfähigkeit und drückte mir liebenswürdig das eingeschweißte Rezept in die Hand. Nahm die erste Schüssel in die Hand, haute die vier Stück Butter hinein und begann mit dem Mixer, die Butter zu rühren.

„…schaumig schlagen…Mehl…Milch hinzugeben…“. Wie, fragte ich mich, das war’s? Mehr nicht? Auf dem weißen Din A4 Blatt standen keine drei Sätze für die Zubereitung des Teigs. Ich schaute zu Amalia.

Sie kämpfte sich durch die zähe Masse, in das der Mixer kunstvoll geschwungene Wellen schlug. „Wir haben das Rezept verändert“, sagte sie. „Weniger Butter.“

Ich schaute immer noch etwas ratlos, während dumme Gedanken durch meinen Kopf ihre Runden drehten. Siehe es positiv, sagte ich mir, das dürfte eine gute Art sein, meinen Bizeps zu trainieren. Der Gedanke wurde schnell verjagt. Mein schönes Hemd wird dreckig werden.

Der Mixer kämpfte sich immer wieder durch die Butter und schlug wütend gegen die innere Schüsselwand.

Tu was! Ich griff schnell zu der zweiten Schüssel, füllte den Zucker rein und mischte es mit der Vanille. Doch ich kam mir ziemlich blöd vor. „Soll ich weiter machen?“, fragte ich Amalia. Sie verneinte lächelnd.

Das Glück ist mit den Dummen. Mein Glück traf in Form der anderen Mutter ein. Helene übernahm sofort ohne einen Atemzug zu machen den Mixer und zugleich die Kontrolle über die Küche. Nicht viel später traf auch Bella ein. Nun war ich endgültig nur schmuckes Beiwerk.

Ich konzentrierte mich auf meine einzige nützliche Eigenschaft: Nicht im Weg stehen.

Beim Verkauf konnte ich dann endlich produktiv sein. Doch während ich einen einzigen Verkaufsschritt vollführte, schwirrten die Mütter wie emsige Bienen um mich herum, und sie puderten eine Waffel, streuten bunte Streusel darauf, kassierten und backten parallel die Waffeln.

Aber das wurmte mich nicht mehr. Der Waffelgeruch verbreitete sich aus unserer Ecke über den gesamten Spielplatz, übersprang das Tor und schlich sich auch in die Räume. Die Kinder kamen angestürmt, außer Atem und ganz aufgeregt.

Als ich sie fragte, welche Waffel sie gerne hätten, zeigten sie alle auf die kleinen, bunt-schillernden Streusel. Das war meine große Stunde! Also überdeckte ich die Waffeln vor ihren Augen mit so viel Streusel, dass ihre Augen noch größer wurden und sie vor Freude beim Hineinbeißen einen Teil der kleinen Süßigkeiten auf dem Boden verteilten.

Ich lernte, die Waffel war nur die Bühne, der dem Glitzer zu seinem Glamour verhalf, und ich brachte sie zum Funkeln.

Am Ende halfen mir die Mütter anstatt ich ihnen. Und in ihrer milden und gütigen Art bedankten sie sich für meine Mithilfe. Das können wohl nur Mütter.

Also, dass ich bis heute keine Waffeln backen kann, dafür kann ich nichts. Ich lebe halt in einer frauendominierten Welt.

Resümee des Tages:
In einer Zombie-Apokalypse würde ich verhungern, aber bestimmt gutes Futter mit viel Glitzer abgeben. Daher, folge den Müttern.

PS. Ich wünsche allen Müttern einen wundervollen Muttertag.

photo credit: Gaufres BRUXELLOISES / Brussels style waffle
via photopin (license)

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