Das angeborene Herzleiden einer Mutter


(Beruht auf einer wahren Begebenheit)

Aus der Dunkelheit drang Kälte, und ein Laut bohrte sich seinen Weg zu ihr. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung. Da war es wieder. Doch sie konnte nichts sehen. Sie spürte eine große Leere hinter dem Dunkel und doch war da etwas, das sich in Wellen seinen Weg zu ihr bahnte.

Dann wieder ein Laut. Ein Rauschen, das an ihrer Brust haften blieb. Sie wollte einen Schritt zurück machen, es gelang ihr nicht. Ihr Körper fühlte sich nicht richtig. Am Ende, dort wo ihre Beine hätten sein sollen, fühlte sie eine seltsame Leere, begleitet von einem absurden Gefühl des Schwebens und Verlorenseins.

Dann wieder ein Geräusch. Diesmal näher. Ein gespenstischer Lichtfleck verfing sich in der Dunkelheit, unwirklich und verschwommen. Es begann größer zu werden. Sie wusste nicht, ob sich das Licht ihr näherte oder sie sich dem Licht. Am unteren Rand zeichneten sich dunkle Einstülpungen ab, die hin und her tanzten und miteinander verschmolzen und dann wieder auseinander gingen. Sie erinnerten sie an Tränen.

Plötzlich erkannte sie Köpfe. Sie bildeten einen Kreis um etwas. Obwohl sie keines der Gesichter sah, spürte sie eine irritierende Vertrautheit. Etwas pikste in ihrer Brust und versetzte ihrem Herz einen Schlag. Mit dem Schlag kam der Schmerz und die Erkenntnis: Das sind meine Kinder!

Jetzt erkannte sie fünf Köpfe, oder waren es nur vier? Und wieder schlug ihr Herz gegen ihre Brust, diesmal kräftiger. Ein brennender Schmerz umklammerte ihr Herz und riss ihren Mund auf. Kein Schrei. Was machen sie hier? So surreal und verschwommen alles um sie herum war, dieser eine Gedanke formte sich so klar, dass sie es aus Angst nicht zu denken wagte.

Beklommenen Herzens näherte sie sich ihren Kindern. Sah, wie sie zusammen etwas murmelten und ihre Körper langsam vor und zurück schwangen. Beteten sie? Das Geräusch kam nicht von ihnen. Wer lag dort?

Sie legte ihre Hand auf die Schulter ihres Sohnes. Er reagierte nicht. Ihr Herz begann, eigenartig gedämpft zu schlagen, als sei es in etwas Unnatürliches eingeschnürt worden, das sie am Atmen hinderte. Sie schaute in die Gesichter ihrer Kinder. Etwas Schreckliches muss passiert sein.

Langsam zog sie sich an ihrem Sohn heran, streckte vorsichtig ihren Hals und wollte über seine Schulter schauen. Doch bevor sie etwas sehen konnte, lag sie plötzlich selbst im Kreis und blickte in die trauererfüllten Gesichter ihrer Kinder, die sie nicht zu sehen schienen. Sie wollte ihnen etwas zurufen, doch wieder drang kein einziger Laut aus ihrem Mund. Sie versuchte, eine tröstende Hand nach ihnen auszustrecken, aber ihr Körper lag bewegungslos da. Nur dem Schmerz gelang es, ihr Gesicht zu verzerren und als hingen die Falten in ihrem Gesicht mit unsichtbaren Fäden an ihrem Herzen, zogen sie einen Riss durch ihr Herz, dass ihr der Atem stockte.

Plötzlich versank alles in der Dunkelheit.

Wieder das Geräusch. Doch diesmal klang es anders, viel näher, viel menschlicher.

Ihre geschlossen Augen waren unendlich schwer. Nur rot gefärbte Helligkeit schien durch ihre Augenlider. Dennoch fühlte sie sich immer noch seltsam schwerelos, versunken, verloren, fühlte etwas Weiches unter sich, und ihr war etwas kalt. Während sie versuchte, sich zu erinnern und einen klaren Gedanken zu fassen, pustete Etwas frische Luft in ihre Nase, ließ sie aufatmen und ihre Brust anschwellen. Da war es wieder, das Brennen darin, am Herzen, diesmal intensiver. Sie wollte einen Laut ausstoßen, aber ihre trockenen Lippen klebten aneinander. Bitteres lag auf ihrer Zunge. Was, fragte sie sich und drohte, wieder in die Dunkelheit hinabzugleiten.

Aber dann hörte sie es, ganz deutlich. Ein Schwanken nach oben und nach unten zog sich in die Länge und mittendrin brach es wie eine Welle, die an Tiefe verloren hatte. Plötzlich öffneten sich ihre Augen um einen Spalt. Die verschwommene Kontur eines Kopfes im grellen Gegenlicht, das mit einem sterilen Grün durchmischt war, schimmerte auf der Tränenflüssigkeit in ihren Augen.

„Mama“ hörte sie, und etwas Feuchtes und Warmes drückte ihre linke Hand und riss sie aus der Lethargie. Sie blickte in das Gesicht, das eigenartig glänzte und das sie zuerst nicht erkannte. Dann sah sie alles überdeutlich: Das Gesicht ihrer jüngsten Tochter Anna, ihrem Nesthäkchen, ihrem Sorgenkind. Wieder füllte sich Schmerz in ihrer Brust, doch diesmal war es ein anderer. Sie begann, unter der dünnen Decke des Krankenbetts zu zittern. Kind, wollte sie sagen, mir geht es gut, und dabei zärtlich ihre Hand drücken, aber nur ein PFFFffff entwich aus ihrem Mund wie aus einem gepressten Luftballon.

„Mama!“
Ihre Tochter blickte zu ihr und wie bei einem kleinen Kind, bei dem die Aufmerksamkeit der Mutter das Wehleiden plötzlich stärker aufleben ließ, brach sie erneut in Tränen aus. Ein herzzerreißendes Schluchzen durchschlug die Brust und schockte das Herz wie ein Defibrillator. Und mit einem Mal erinnerte sie sich an ihr Herzleiden, an all die Sorgen, an den kürzlich unerwartet verstorbenen Verwandten und das ungute Gefühl, dass ihre OP nicht gut ausgehen würde und wie sie all ihre Kinder zu sich gebeten hatte, um sie vielleicht das letzte Mal zu sehen. Und da plötzlich kam ihr der Gedanke, dass es ganz schlimm um sie stehen musste. Werde ich…

In diesem Moment schien ihr Herz sich krampfhaft in sich zurück zu ziehen und damit den Schleier des Entsetzens zu befreien, als hätte jemand am Bettende ihre Decke weggezogen und etwas Schreckliches entblößt. Eine Mischung aus Angst und Schmerz schoss durch ihren Körper, sammelte kalte Schweißtropfen auf ihrem Körper und raubte ihr den Atem. Sie zitterte jetzt am ganzen Körper. Werde ich sterben? Doch sofort war ihr Gedanke wieder bei ihrem Kind.

„Mir geht es gut.“ Ihre schwachen Worte vibrierten leise und waren voller Wärme. Die Tochter unterbrach ihr Weinen und schaute etwas verdutzt zu ihrer Mutter. „Ich weiß“, sagte sie trocken. Ein gequältes Lächeln schnitt den Tränen den Weg ab. „Das hat der Arzt schon gesagt. Du hast die OP sehr gut überstanden. Aber…“

Stille. Ihr Herz klopfte nun an ihre Schläfen und nichts funktionierte mehr in ihrem Kopf. Ihr Gesicht war nicht mehr imstande, etwas wie Verwunderung oder Ratlosigkeit auszudrücken. Oder hatte sie die Tochter missverstanden?

„Es geht nicht um dich“, sagte Anna und klang fast vorwurfsvoll.

Wiederholte Stille. Ihre Gedanken zerfielen in tausend Stücke und schwirrten orientierungslos und fern von jeglichem Sinn durch ihren Kopf.

„Es geht um mich!“, sagte Anna.

Schweigen. Jetzt zerplatzten ihre Gedanken wie hohle Seifenblasen und die Nässe, die sie hinterließen, schien das Laken, die Decke und sie mit dem Bett zur Regungslosigkeit zu verkleben.

„Ich…“
Anna wendete sich abrupt ab, um sich dann schwungvoll zu ihr zu drehen als nähme sie Anlauf. „Meine Schwestern sind so gemein zu mir! Keine denkt an mich und wie es mir geht!“

Eine dramatische Pause, wieder wendete sie ihr Gesicht ab. Sie schnaubte nach Luft. Dann wieder eine schwungvolle Bewegung wie ein Schlag.

„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“ Sie schaute ihre Mutter an als würde sie eine Antwort erwarten. Doch da kam nichts.

„Ständig schreiben sie mir vor, wie ich mein Leben zu leben hätte, als wäre ich noch ein Kind!“ Diesmal drehte sie sich mit einer Wegwerfbewegung der Hand weg. „Und dann, dann soll ich mich nützlich machen. Auf ihre Kinder aufpassen. Ihnen Essen machen. Aufräumen.“ Ihr Kopf wackelte zwischen den Worten wie der eines Wackeldackels auf der Rückbank eines fahrenden Autos. Sie machte eine Pause.

„Ich habe höllische Rückenschmerzen“, ihre Hand griff nach etwas, „und, glaubst du, das interessiert ir-gend-je-man-den!“

Anna blickte mit funkelnden Augen ihre Mutter gespannt und erwartungsvoll an. Doch es kam nichts. Sie konnte nicht den Gesichtsausdruck ihrer Mutter deuten. Dann schnellte ihr Oberkörper zurück und hinterließ ein Lachen. „Du dachtest doch nicht, dass dir…“

Während sie diesen Gedanken mit Kopfschütteln von sich stieß, hallte das Lachen von den Wänden nach. „Ach Mama, du lebst noch ewig.“

In diesem hilflosen Bett, da ging ein dunkler Riss mitten durch ihre Brust in dessen Spalt sich Wut sammelte. Und als sich darin kleine Schaumbläschen zu bilden drohten, trat eine Krankenschwester unbeschwert in das Zimmer und an die Tochter heran; legte ihr mit einem übertriebenen Lächeln trostvoll die Hand auf die Schulter und sagte: „Sehen Sie, Ihre Mutter ist wach. Sie müssen nicht weinen, alles ist gut.“ Dann tat sie einen Schritt auf das Bett zu, neigte freundlich ihren Kopf und fragte: „Wie fühlen Sie sich?“

photo credit: Broken heart, ceiling lamp, dining room, Breitenbush Hot Springs, Breitenbush, Oregon, USA via photopin (license)


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    • Hakan von C

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