Werbung – Wolf mit Haarausfall

Kinder sind neugierig auf die Welt und fragen unverhohlen und ohne Scham. Auf solche Momente reagieren wir dann wohlwollend aus einem Gemisch aus Rührung und Amüsement, während es manchmal für die Eltern peinlich ausgeht. Daher eignen sich Kinder hervorragend für Werbung. Besonders rührend wirken Erwachsenen-Probleme aus der Kinderperspektive. Eines dieser hochemotionalen Probleme betrifft das männliche Haar, das empfindlich und scheu auf das Älterwerden reagiert. Ohne Ankündigung und Not beginnen sie eine Diät und werden fortan immer dünner. Ein Mittel verspricht hier Hilfe, doch am Ende sträubten sich mir die Haare, denn eine unangenehme Erkenntnis in der Zukunft stand dem unwissenden Kind dieser Werbung bevor.

An sich ertrage ich die Werbung wie ein Mann und lasse sie an mir vorbeirauschen. Das „Wegschalten“ auf andere Kanäle unterließ ich so gut es ging. In letzter vergaß ich den Film und blieb irgendwo anders hängen und ärgerte mich am Ende, weil ich es immer wieder kurz vor Ende des Films schaffte, mich an ihn zu erinnern. Also schaltete ich geistig um, in einen halbbewussten Modus, der die Werbung kaum wahrnahm und nur auf den Filmbeginn lauerte.

Das war meine Form des Multitaskings: halbe Aufmerksamkeit für zwei verschiedene Dinge. Also nichts Ganzes. Ich saß an meinem Notebook, wendete mich dem Internet zu und ließ den Fernseher im Hintergrund weiterlaufen.

„Papa“, sagte eine Kinderstimme, „warum hast du da so wenig Haare?“

Ich schaute unbewusst auf. Es klang wie eine verrückte Variante von Rotkäppchens „Großmutter, warum hast du so große Ohren“. Interessant auf welche Worte ich jetzt reagierte.

Ein Kind mit verwuschelten Haaren blickte zu seinem Vater, einem Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Robert Redford hatte und fast genauso viel Haare besaß wie sein Sohn. Und der hatte Haarprobleme? Auf jeden Fall hatte er mehr Haare auf dem Kopf als manche von uns mit 20 Jahren. Sein Problem verstand ich nicht. Ebenso wunderte ich mich über die Frage seines Sohnes, denn der Mann saß auf dem Boden vor einer Reihe aufgebauter Dominosteine. Mein erster Gedanke war: hau die Steine um! Aber wer weiß, vielleicht hatte das Kind zu viel Galileo geschaut.

Während er betroffen wegschaute, blickte ich kopfschüttelnd auf meinen Bildschirm.

„Also mir hat Ell-Cranell® geholfen.“

Ich horchte auf. Eine Frauenstimme. Ungewöhnlich. Wieder blickte ich zum Fernseher, während sich unbestimmte Fragen in mein Bewusstsein hocharbeiteten.

Eine Bluse in pastellrosa sprang mir ins Gesicht an dessen Kopfende ein breites Lächeln in Richtung ihres Mannes blickte. Ihre linke Hand ruhte sanft auf seiner Schulter, während sie in der anderen das Mittel gegen den Haarausfall festhielt und dann lässig zwischen die Dominosteine stellte und das Fallen der Steine stoppte. Den Stein des Anstoßes hatte ich verpasst. Jetzt aber machte es auch Sinn, dass das Kind die Steine nicht angerührt hatte.

So, wie das Mittel die Dominosteine in zwei Hälften teilte, teilte sich das Bild. Links die Frau. Rechts der Mann. Beide trugen sie das Mittel auf. Beide hatten ähnliche Haare. Beide hatten sie mit ihrem üppigen Haar Luxus-Haarprobleme. Nur ihre Oberteile wichen voneinander ab. Sie in dem pastellrosa Ton und er in einem gedämpften Blau. Und während ich über das Feng Shui der Farbkombination nachdachte und mich fragte, was das Kind getragen hatte – ich fand ein neutrales, mattes Grün passend -, tauchte die Frage endlich in meinem Bewusstsein auf, das mir ein merkwürdiges Gefühl bereitet und mich veranlasst hatte, mich geistig mit dieser Werbung auseinanderzusetzen.

Eine Frage, die unschuldig zwischen den Worten „die Mutter hat auch Haarausfall“ und „Haarausfall ist erblich bedingt“ durchschimmerte, wie durch eine beginnende Glatze, verband die beiden Worte „Vater“ und „Mutter“ zu einem Dreisatz. Und während sich nun die Familie glücklich auf dem Sofa tummelte, wollte ich in meinem lichten Moment dem Kind verzweifelt zurufen: nimm das Zeug! Nein, trink es! Trink so viel du kannst! Und plötzlich merkte ich: die Werbung wirkt bei mir. Denn was anderes wollte mir die Werbung sagen, als dass der Haarausfall böse an jeder Ecke lauerte und niemand früh genug dagegen vorgehen kann. Haarausfall bleibt eben Kopfsache.

Link zur Werbung:

photo credit: kohlmann.sascha via photopin cc


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