Ice Bucket Challenge oder Gefangen im Körper


Eiskaltes Wasser. Trübe Dunkelheit. Blau-mattes Licht durchbrach die Eisdecke über mir. Schock. Starre. Mein Körper plumpste wie ein Stein bis zum Grund. Wehrlose Bewegungslosigkeit. Mit aufgerissenen Augen blickte ich panisch nach oben. Die Plötzlichkeit der Kälte hatte meinen Körper in sich zusammenziehen lassen und meine Seele für einen Moment wie Zahnpasta aus einer Tube aus ihr herausgequetscht. Für diesen kurzen Moment verlor ich jegliche Kontrolle über meinen Körper, über meine Gedanken und über mein Leben. Das Wasser schloss mich ein und fesselte mich mit Kälte. Angst. Panik. Eine Ewigkeit verging. Dann ein Schrei. Gefangen in Hunderten von Luftbläschen eilten dicht-gedrängte Kügelchen silber-schimmernd aus meinem Mund nach oben. Zerplatzen ungehört an der unteren Seite der Eisdecke. Dunkle Schatten tanzten auf dem Eis. Plötzliche und unkontrollierte Schwimmbewegungen, bedrängt von einem Gedanken: »Schwimm nach oben!«

Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich damals als Kind aus dem Loch herauskam. An der Oberfläche sah ich Menschen, die nicht in Panik geraten waren. Lachende Kindergesichter, unbarmherzig wie das Wasser unter der Eisdecke, machten sie sich lustig. Schneebedeckte Flächen wohin ich sah. Vereinzelte Bäume standen blätterlos herum, beschmückt mit ein paar Lichterketten als Vorboten des Weihnachtsfests. Der Park glänzte belebt und wunderschön wie eine gemalte Winterlandschaft. Nur mein Bruder schaute mich entsetzt an. Die eisige Kälte schien ihm seine südländische Bräune aus dem Gesicht geschlagen zu haben.

»Komm lass uns nach Hause gehen«, sagte die Frau, die damals auf uns aufpasste.

Mit gesenktem Kopf ging ich wie betäubt in durchnässten Klamotten, die mich mit ihrer Schwere nach unten zogen. Tropfen fielen von meiner Nasenspitze und verloren sich im Weiß des bedeckten Asphalts. Ich zitterte nicht. Ich fühlte nichts. Weder Kälte, noch Schmerzen. Wie betäubt lief ich Schritt für Schritt den Weg nach Hause. Nahm nichts um mich wahr. Nur mich. Jedes Mal, wenn ich einen Fuß auf dem Boden aufsetzte, begannen meine Füße in meinen Schuhen zu schwimmen, und für einen Bruchteil einer Sekunde verlor ich wieder die Kontrolle. „Platsch“. „Platsch“. Jedes Mal, wenn meine Schuhe auf dem Boden auftrafen, machten sie diesen Laut, den nur ich hörte und hinterließen einen fetten, unförmigen Wasserfleck. Spuren, die wie Brotkrumen zu dem Teich führten, von dem ich mich wegbewegte.

Heute erinnere ich mich wieder daran.

Eine Welle von Eiskübel-Videos schwappte in letzter Zeit durch den Sozial-Media-Wald und jeder begann darauf zu reiten. Inflationsartig füllten sich die Profile der Menschen mit Amateuraufnahmen der Ice Bucket Challenge und verwässerten den Ursprungsgedanken.

Ich fragte mich, was bringt es, einen Eimer eiskaltes Wasser sich über den Kopf zu schütten? Was hatte das mit der Krankheit ALS zu tun hatte. War das nur eine coole Marketingaktion?

Amyotrophe Lateralsklerose – kurz ALS genannt – ist eine der Krankheiten, die aus einem Horrorfilm stammen könnte. Die Nerven an allen Muskeln entwickeln sich zurück und am Ende bleibt der Mensch bewegungslos – seine Wahrnehmung dabei intakt. Während der Erkrankte also alles sehen, hören, riechen und fühlen kann, ist er nicht in der Lage, irgendeinen Muskel in seinem Körper zu bewegen, nicht mal die Augen. Er ist gefangen im eigenen Körper. Ich musste dabei immer an eine Verfilmung von E. A. Poes Geschichten denken: Lebendig begraben. Es war wie die Wahrwerdung des grauenvollsten Albtraums. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut.

Ich vermute, dass der Zweck des Eiswassers darin besteht, genau diesen Moment herbeizuführen: Schockstarre durch das plötzliche Auftreffen eiskalten Wassers auf dem Körper. Für einen kurzen Moment taucht der Herausgeforderte in die Welt des Kranken ein.

Ich sah mir ein paar der Videos an. Verstand, warum Prominente sich dabei filmten, denn sie sorgten für Aufmerksamkeit und Reichweite. Warum aber sollte jemand unbekanntes wie ich das tun? Die Filme der anderen wirkten auf mich viel zu spaßig. Sie waren gut gemeint und sollten Gutes bewirken, aber auf mich machten sie den Eindruck, als ob die meisten nicht wussten, worum es wirklich ging und was die Krankheit war. Ich fragte mich, ob einige von ihnen wussten, dass sie auch nach Annahme der Herausforderungen spenden sollten. Es schien, als stünde der Spaß und die Show und nicht die Krankheit im Vordergrund.

Da es nur eine Frage der Zeit war, bis auch ich nominiert werden würde, beschloss ich für mich, nicht daran teilzunehmen. Dann wurde ich nominiert. Ich drehte mein erstes und einziges Video und versuchte, eine subtile Kritik darin zu verpacken. Ich hätte es nicht drehen oder ein besseres Statement darin platzieren sollen.

photo credit: chrisbulle via photopin cc


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