Eine Frage sagt mehr…

Malia hörte ich bereits an der Tür, bevor ich die Party betrat. Sie saß in der Küche, gestikulierte und diskutierte laut. Auf der Privatparty kannte ich niemanden, aber mein Kumpel Jimmy wollte unbedingt dorthin. Vorsorglich schraubte er meine Erwartungen so weit herunter, dass es nur noch aufwärts gehen konnte. Als ich sie dann sah, war ich von ihr sofort angetan. Sie war einfach sehr hübsch.

Während andere Männer sich überlegten, wie sie einen Stich bei attraktiven Frauen wie Malia landen konnten, beschäftigte mich die Frage, ob ihr Selbstbewusstsein aus ihr selbst heraus sich entwickelt hatte – also auf eine starke Persönlichkeit aufbauend – oder speiste es sich aus dem nährstoffarmen Komplimenten und devoten Speichelleckereien eben jener Männer.

Es ist nicht so, als würde ich nicht gerne diese Frau etwas näher, sogar sehr viel näher kennenlernen wollen. Jedoch war ich Realist mit durchschnittlichem Aussehen und überdurchschnittlichen Erfahrungen im Umgang mit Frauen, um die erniedrigende Masche des demütigen Heuchlers zu verwerfen, der glaubte, wohlgefällige Komplimente würden ihr Höschen wie warme Butter auf einem heißen Toast zum Schmelzen bringen. So sehr viele Männer einem blassen unbelegten Brot glichen, die Hitze konnten sie nicht aufbringen. Ein heißes Eisen stand auch nicht griffbereit.

Ich griff nach einer Flasche Bier, lehnte mich locker bis desinteressiert an den Kühlschrank und begann amüsiert, dem unbewusst wohlchoreographierten Balztanz zu folgen. Am Tisch saßen die Damen. Drumherum standen Männer. Sie warteten auf den Moment, um ins Spiel zu kommen. Hier waren die Strategien immer die gleichen, so dass sie nahezu reflexartig kamen. Gib ihnen Recht. Mach ihnen Komplimente. Lobe sie und zeige gleichzeitig, was für ein wundervoller, sensibler Mann du doch bist.

Keine Ahnung, wie der Typ genau hieß, aber sein Name musste sich auf Kriecher reimen. Der ging mir tierisch auf den Sack. Als Malia stolz von ihrem beruflichen Erfolg überschwänglich erzählte, stieß ein Schluck Bier bitter in meinem Hals auf.

„Im Job und im Leben darf du niemals aufgeben“, hatte sie leidenschaftlich gesagt und leckte sich schnell über die Lippen. Alle nickten. Sie nahm es wohlwollend zur Kenntnis.
„Ich“, betonte sie, um die Aufmerksamkeit aller auf das richtige Wort zu lenken, „habe nicht aufgegeben. Ich habe immer und immer wieder bei der Firma angerufen. Ich wollte den Job un-be-din-gt.“ Sie zog das Wort in die Länge als wollte sie uns verdeutlichen, welchen Kraftakt sie vollführen musste. „Und dann“, wieder eine dramatische Pause, „nach eineinhalb Jahren hatte ich den Job!“

Während sie bei mir an Attraktivität einzubüßen begann, ging ein anerkennendes Raunen ging durch die Küche. Das Gericht war serviert und die Zeit reif, um ins Ring zu steigen. „Respekt!“, posaunte der Mann, dessen Namen ich mir zu merken weigerte. „Du bist so eine willensstarke Frau!“ Noch so ein anbiedernder Satz. „Vor Frauen wie dir habe ich den höchsten Respekt“, sagte er. Aha, dachte ich, vor Männern aber nicht oder was?! „Wenn jeder so wäre wie du…“ – da schüttelte ich so heftig meinen Kopf, dass ein lautes Lachen herauspurzelte. „Hahaha!“ Alle schauten mich an.

„Was!“ Ich pöbelte. Sie schauten mich immer noch an. Keiner sagte etwas.
„Mann! Das ist so glorreich, als würdest du einen Lottogewinner fragen, wie sie oder er es zu der Million geschafft hat.“

Jetzt blickte ich in ratlose Gesichter.

„Es ist doch nur eine Frage der Zeit, dass ein Unternehmen expandiert oder jemand geht, wegen Schwangerschaft, wegen eines neues Jobs, Umzug etc. Sie hätte also ebenso gut nach einem Monat Erfolg haben können oder nach 3,5 Jahren oder auch nie.“

In wenigen Gesichtern bewegten sich ganz langsam einige Gesichtsmuskeln. „Aber“, sagte der Mann in trauriger Rittergestalt, „aber, hätte sie nicht dort ständig angerufen, dann hätte sie den Job doch nicht bekommen.“

„Das stimmt“, sagte ich. „Was wäre, wenn sie nicht erfolgreich gewesen wäre? Hätte sie uns auch davon erzählt?“ Ich ließ die Frage etwas wirken. „Dass sie so engagiert und ausdauernd war, das finde ich gut, nur würde ich bei solchen Angelegenheiten meinen eigenen Einfluss nicht überschätzen.“ Ob ich als Mann diese Stelle bekommen hätte oder eine weniger attraktive Frau, das konnte ich nicht einschätzen. Auch das dürfte eine gewisse Rolle gespielt haben.

Jetzt begannen in einigen Köpfen bestimmte Denkprozesse zu starten.

Sie rümpfte darüber etwas die Nase. Sah mich mit versteinertem Gesicht an.
„Ich“, sagte sie laut, „wurde genommen, obwohl ich nicht die Qualifikation dafür hatte!“

„Oh, dann bin ich ja echt beeindruckt.“ Damit beendete ich unbeeindruckt die Gesprächsrunde und wendete mich einer anderen zu. Sie stand die ganze Zeit rechts neben mir. Mir fielen ihre hellen Augen auf.

„Bist du traurig?“
„Nein, nur müde.“ Sie lächelte etwas gequält und schloss für einen kurzen Moment ihre Augen.
Ich sagte nichts und blickte sie weiter neugierig an.
„Ich habe eine siebenjährige Tochter.“ Sie lächelte liebevoll und warmherzig. Die Worte sprach sie sanft aus und etwas Wehmütiges und Tiefes schwang darin mit.
„Wie alt bist du?“, fragte ich erstaunt und plötzlich legte sich ein undurchdringlicher Schleier auf ihrem Gesicht nieder.
„24.“ Sie sprach diese Zahl aus, als würde sie mir einen Vorwurf machen wollen und schaute mich dabei direkt an. Dann wartete sie. Worauf? Wollte sie mir Zeit fürs Kopfrechnen lassen oder vielleicht für etwas anderes…

17! Da war die Zahl. Meine Güte! Meine innere Stimme rief so laut, ich wollte ihr folgen. Doch ich sah, wie sie mit festem Blick noch immer mich anschaute. Wartete sie jetzt auf eine empörte Reaktion oder gar Vorwürfe? Die Reaktionen der Menschen, dachte ich mir, müssten wohl alle die gleiche sein. Sie stand bereit als wolle sie sich verteidigen oder zum Gegenangriff übergehen.

„Ich finde junge Eltern toll! Mein Vater war fast schon vierzig bei meiner Geburt.“
Sie öffnete ihren Kiefer ein wenig und saugte kurz Luft ein.
„Ich bin alleinerziehend.“ Wieder wartete sie ab. Wieder war ich verblüfft.
„Das war bestimmt nicht leicht für euch beide.“

Ihr Gesicht hellte sich etwas auf, und sie begann zu erzählen. Es war eine Geschichte voller Schmerzen, Enttäuschungen und Einsamkeit. Eine Geschichte, die ihre Tochter und sie sehr eng aneinander band; eine, aus der sie zum Trotz aller Kraft schöpfte.
„Was ist mit deinen Freundinnen?“
Sie schüttelte den Kopf. Keine half ihr, war für sie da, spendete ihr Trost, sprach ihr Mut zu oder nahm sie in den Arm. „Niemand sagte mir, dass ich eine gute Mutter bin. Ich hörte nur, dass ich zu jung sei, zu unreif und und und.“ Sie blickte in die Dunkelheit und puhlte dabei das Etikett von der Bierflasche. Puh, dachte ich, das war für eine Party kein leichtverdaulicher Stoff. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Jedes Wort würde statt trostvoll wie ein Almosen klingen. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, schaute sie wieder zu mir und lächelte etwas verlegen. Wir schwiegen.

„Oh“, schreckte ich auf.
„Was ist?“ Sie schaute besorgt.
„Äh, ich weiß noch gar nicht, wie du heißt!“
Erleichtert warf sie ihren Kopf in den Nacken und lachte.
„Vanessa.“

Das Etikett auf der einen Seite ihres Bieres hatte sie entfernt, und ich konnte sehen, dass sie nichts mehr zu trinken hatte. Da ich auch nichts zu trinken hatte, ging ich uns beiden noch ein Bier holen.

„Du hast Vanessa kennengelernt“, sagte Malia.
„Ja.“
„Sie ist ein toller Mensch.“ Sie schüttelte ihren Kopf als wollte sie ihren Worten Bedeutung verleihen.
„Woher weiß du das?“
„Sie ist meine beste Freundin. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten.“
Ich schaute sie ungläubig an. Wie konnten sie Freundinnen sein, fragte ich mich. Waren sie immer so unterschiedlich gewesen oder hatte das Kind Vanessa verändert?
„Sie hat eine ganz süße siebenjährige Tochter“, sagte sie und hielt kurz inne, um zu lächeln und einen kleinen Seufzer auszustoßen. Sollte das etwa Herzenswärme ausstrahlen, fragte ich mich. Oder versuchte sie, gerührt zu wirken. Bestimmt, sagte die innere Stimme in mir boshaft, war sie von ihrer eigenen Rührung gerührt. „Die beiden mussten so viel durchmachen.“ Dann folgte wieder ihre gekünstelt-dramatische Pause mit anschließendem Schließen der Augen und Luft durch die Nase holen. „Sie ist sooooooo eine tolle Mutter. Ich bewundere sie!“

Jetzt verfinsterte sich mein Blick. Bevor ihre Worte in mein Bewusstsein drangen, sagte mir mein Gefühl: da passt etwas nicht. Bevor mir klar wurde, woher mein Gefühl herrührte, sprach ich eine Frage aus: „Hast du das jemals deiner Freundin gesagt?“

Sie zuckte mit dem Gesicht zusammen. Ihre Augen weiteten sich und ihre Haut erblasste. Sie schaute mich an, als hätte sie einen Geist gesehen oder als würde ich außerirdisch sprechen. Ich wartete. Wartete eine gewisse Zeitspanne, die sich sehr lang anfühlte, in der sie sich immer noch nicht bewegte. Irgendwo in den Tiefen hinter ihrem Gesicht pochte die Frage schmerzhaft gegen ihren Schädel.

Ich ging zu Vanessa.

photo credit: Cia de Foto via photopin cc


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