Die leckerste Pizza

Die Erinnerung ist ein wohlgefälliger Egoist, der sich nicht im Geringsten um das Wirkliche und Wesentliche schert. Sie speist sich aus subjektiven Höhepunkten, dessen Logik sich nicht dem Erinnernden erschließt. Immer, wenn ich an jenen Abend zurückdenke, fällt mir stets diese verdammte Pizza ein.

An jenem Abend überraschte mich Sybilles Anruf mitten in der Woche, als ich bereits mit dem Tag abgeschlossen hatte. Sie werde gleich nach Bielefeld kommen, sagte sie. N. musste zum Zahnarzt. Sie erwähnte irgendetwas mit Weisheitszähnen, Betäubung und dass N. dann nicht mehr selbst fahren könne. So genau hörte ich nicht zu. Die überraschende Aussicht auf Sex ließ bei mir alle anderen Themen… Ich hätte besser zuhören sollen, denn mir stand auch eine besondere Behandlung bevor.

Ich musste mich beeilen, denn sie fuhr direkt nach dem Anruf los. Da sie etwas außerhalb von Bielefeld wohnte, blieben mir ca. 30 Minuten. Sofort sprang ich unter die Dusche. Das Wasser der alten Dusche war kalt, aber das machte mir in diesem Moment nichts aus. Da sich der Winter ankündigte, redete ich mir sogar ein, es härte mich ab.

Ich zog mich an und griff nach der Musik-CD, die ich für Sybille gebrannt hatte. Zum Glück hatte ich sie fertig. Üblicherweise schob ich viele Dinge lange hinaus. Keine Ahnung warum. Als Student hatte ich zu viel Zeit, das gelegentlich zu einem Motivationsproblem führte. Ich nannte es das Mini-Max-Prinzip: mit dem minimalsten Aufwand das Maximalste herausholen.

Draußen brannten die Lampen, als sie kaum eine Sekunde später vorfuhr. Das war gut, denn meine langen Haare waren noch nass. Vorne bei ihr saß N. Ich musste hinten rein; warf ein nettes »Hi« nach vorne und kaum schlug ich die Tür zu, fuhr sie auch los.

Im Wagen war es angenehm warm.
»Hast du Angst«, fragte ich N.
»Ja, ein bisschen.« Ihre Stimmung war etwas gedämpft. »Ich bekomme eine Narkose und werde nichts davon spüren.« Obwohl coole R’n’B Songs aus dem CD-Player tönten, herrschte eine eigenartige Stille. Der Armen stand wohl etwas Hartes bevor.

Die Praxis befand sich mitten in der Stadt direkt an einer bekannten Pizzeria. Sie parkte dahinter und N. stieg schwermütig aus. »Hey«, sagte ich, »wir sind hier und warten auf dich.« Mir fielen keine besseren Worte ein. Ich war nur froh, dass ich nicht auf dem Zahnarztstuhl Platz nehmen musste. Sie nickte und schaute mich traurig an. »Es wird schon gut gehen«, tröstete ich sie.

Als sie weg war, sprang ich nach vorne zu Sybille. Endlich waren wir allein. Ich gab ihr einen Kuss und freute mich schon auf einen Quickie.

»Wie lange dauert die Behandlung?«
»Eine dreiviertel Stunde…«, sagte sie nachdenklich. Meine Güte, dachte ich, das muss schon eine harte Zahnbehandlung sein, dass alle so betrübt sind. Ich konzentrierte mich wieder auf den Quickie. War das jetzt unangemessen? Fand ich nicht, doch wollte ich nicht unsensibel erscheinen. Aber Rummachen kann man immer. Ich beugte mich wieder zu ihr und wollte sie küssen.

»Wir müssen reden.« Sie sprach die Worte leise aus.
»Ok«, sagte ich und sah die Pizzeria, aus der warmes Licht hinaus zu strömen schien. Plötzlich bekam ich großen Hunger. Eine Pizza. Jetzt. Das wär geil! »Lass uns in die Pizzeria setzen!«

Ihr Nein kam sehr sanft über ihre Lippen und verlor sich in der Dunkelheit. Sie zögerte etwas. »Lass uns hier bleiben und reden.« Mist, dachte ich mir. Kein Quickie. Keine Pizza. Nur eine Zahnbehandlung. Dann drehte sie die Musik leiser. Sofort fiel mir meine CD ein. Ich griff in meine Jackentasche danach und reichte sie ihr. Sie warf einen höflichen Blick darauf und legte es behutsam auf die Rückbank.

Und dann – sie sagte ein paar Worte. Ich erinnere mich nicht mehr an sie. Wie betäubt saß ich auf diesem Sitz. Als Beifahrer. Regungslos. Wusste nicht, was ich fühlte oder fühlen sollte. Ich schaute aus dem Beifahrerfenster in die Dunkelheit. Versuchte dort, Worte oder Antworten zu finden. Nichts hatte sich draußen verändert. Das Leben ging unbeeindruckt weiter. Ein beleibter Gast fuchtelte mit den Armen, als würde er selbst die Pizza zubereiten, während ihm die Frau hinter der Theke gelangweilt zuhörte. Vermutlich bestellte er sich eine Pizza. Daneben lehnte sich ein Pizzafahrer auf die Theke und wartete auf seine Lieferung. Hinter ihm saß ein Paar an einem der Tische und teilte sich die Pizza. Während wiederum andere sich einer Behandlung unterzogen.

Ich kam mir vor, als würde ich selbst auf einem Behandlungsstuhl sitzen. In diesem Moment hätte ich gerne mit N. getauscht. Eine absurde Frage ging mir durch den Kopf. Warum werden die Patienten in amerikanischen Sitcoms immer mit Lachgas betäubt?

Dann zuckte ich zurück. Wie gemein, dachte ich mir. Heute fahre ich nach Bielefeld und wenn ich schon dort bin, kann ich mit meinem Freund Schluss machen. Mit einem Wisch. Wie praktisch. Wie demütigend. Hatte ich das verdient? Langsam sammelte sich Wut in mir.

Ich schüttelte den Kopf. Blickte sie erst jetzt an. Sah ihren traurigen Blick. Sie wartete auf den Moment, in dem sie voller Mitleid mich trösten und all den generösen Mist von sich lassen konnte, der sie selbst so gut dastehen ließ, dass sie von sich selbst gerührt sein würde. Wie absurd, dachte ich wieder. Sie – macht – mit – mir – Schluss! Etwas, das ich vor einer Minute nicht für möglich hielt. Und dann plötzlich musste ich – lachen!

Ich lachte mich aus, ein wenig auch sie. Ich bewunderte sie für ihr Handeln und wie geschickt sie das alles geplant und umgesetzt hatte. Lange Zeit blieb sie für mich jemand, der passiv in den Tag hineinlebte. Nachdem der Mann ihres Lebens nach einer halben Ewigkeit von einem Tag auf den anderen sie verlassen hatte und zu seiner neuen Freundin zog, brach ihre Welt zusammen, und sie verlor alles. Fast wäre sie daran zerbrochen. Jetzt begann sie ihre Welt wieder für sich zu ordnen. Dass ich Opfer dieses Neuanfangs wurde, schmeckte mir nicht. Aber vielleicht war ich nicht der Richtige für sie. Darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht.

Die Gedanken purzelten in diesem Moment und wühlten undefinierte Gefühle in mir auf. Doch ließ ich sie nicht zu. Das, sagte ich mir, hatte sie nicht verdient. In einem Auto, auf dem Sprung, hinten auf einem Parkplatz zwischen einer Erledigung, entledigte sie sich meiner als sei ich ein überflüssig gewordener – ich suchte nach dem passenden Wort – Zahn! Ich hatte sie nie schlecht behandelt, vielleicht oberflächlich. Das gönnte ich ihr nicht.

Was hatte sie auch erwartet? Dass sie mich wie auf einer Liste mit Erledigungen einfach abhaken konnte. N. nach Bielefeld fahren, Freund abholen, N. abliefern, Freund abschießen. (Trösten.) Freund zu Hause absetzen, N. nach Hause fahren. Fertig.

Wenn N. wieder zurückkommt, dachte ich mir, dann darf ich wieder auf die Rückbank.

»Ok«, sagte ich. »Ich gehe jetzt.« Ich drehte mich zur Tür.
»Nein warte! Ich fahre dich nach Hause.«
Ich schaute sie überrascht an. »Nein, danke. Ich kann zu Fuß gehen. Das sind keine zehn Minuten. Wird mir hiernach bestimmt gut tun.« Ich zog am Türgriff und öffnete dir Tür einen Spalt.

»Aber vielleicht«, sagte sie, »brauche ich deine Hilfe, wenn N. zurückkommt. Sie wird benommen sein.« Wieder überraschte sie mich. Sie klang fast flehend. Ich zog die Tür langsam wieder zu. Jetzt blickte ich sie verwundert an. Trotz der Dunkelheit glaubte ich, etwas darin zu sehen. Um ihre Augen lag eine nicht greifbare Trauer, die sich tief in ihr zu einem Teil ihres Selbst zu verschmelzen schien. Obwohl ich fühlte, dass diese Wendung mit meiner Reaktion zu tun hatte, tat mir mein Lachen von vorhin leid. Jetzt erschien sie mir wie eine Ohrfeige.

»Ich möchte mir dir darüber reden.«
»Sollen wir in die Pizzeria«, fragte ich sie betont ruhig.
»Ich möchte in Ruhe mit dir darüber reden«. Sie schaute mich an. »Bei mir.« Ich nickte. »Ich fahre dich danach wieder nach Hause.«
»Ok«, antwortete ich. Verstanden hatte ich nichts. Bevor weitere Fragen sich in meinem Kopf verfingen, klingelte ihr Handy. N. konnte abgeholt werden.

Sie stieg aus. Sie brauchten mich nicht. N. war nur etwas wackelig auf den Beinen, aber ansprechbar. Sybille eilte zur Praxis und beide kamen sie Arm in Arm zurück. Ich stieg aus.

»Wie geht es dir«, fragte ich N. und sah in ihr etwas aufgequollenes Gesicht. Sie konnte nicht sprechen und nickte nur. Ich blickte ihr eine Weile in die Augen. Ich wollte sehen, ob N. überrascht war, mich hier noch vorzufinden. Auch wenn ich physisch anwesend war, ich fühlte mich etwas verloren. Ich wusste nicht, was mich bei Sybille erwartete. Mein Magen verwarf das Hungergefühl und wechselte zu einer leichten Übelkeit. Ich war froh darüber, auf die Rückbank zu können.

Wir setzten N. zu Hause ab. Als ihr Hündchen sie voller Freude empfang, lächelte sie. Sie solle simsen, wenn etwas sein sollte. Das merkwürdige Gefühl in meinem Magen verstärkte sich. Ich wünschte, ich wäre gegangen. Wieder setzte ich mich zu ihr nach vorne. Wir sprachen kein Wort. Die Musik war wieder etwas lauter gedreht.

Dann saßen wir in ihrem Wohnzimmer. Ein Kissen lag achtlos auf dem Boden. Sie hatte nicht aufgeräumt. Für ihre Verhältnisse war das unordentlich. Sie überrumpelte mich auf dem Sofa mit all diesen Gefühlen, mit denen ich weder mithalten noch etwas anfangen konnte. Ich fühlte mich gelähmt. Nur mein Körper funktionierte und versuchte, Trauer und Gefühle auszudrücken. Verzweifelt quälte ich mich ab und rang nach richtigen Worten. Ich verstand nicht, was sie wollte, was los war. Sah nur ihren schmerzvollen Blick. In diesem Augenblick wurde mir bewusst: sie leidet und ich bin schuld!

Und plötzlich sagte sie: »Halt mich ganz fest!«

Ihre Worte durchdrangen mich. Und plötzlich verschlangen sich unsere Arme umeinander so fest, dass ich Angst bekam, sie zu erdrücken. Doch ich konnte sie nicht loslassen. Nichts und niemand konnte uns in diesem Moment voneinander trennen. Wie lange wir uns hielten, weiß ich nicht mehr. Die Zeit hatte kein Maß für uns.

Später bestellten wir uns eine Pizza und teilten sie. Auf ihr befanden sich die kleinen, grünen Peperoni. Sie besaßen den perfekt ausgewogenen Geschmack von Süße und Schärfe, die vergnügt unsere Geschmacksknospen zum Tanzen brachten.

»Das war die beste Pizza, die ich je gegessen habe«, sagten wir fast zeitgleich. Dann fuhr sie mich heim.

photo credit: Instant Vantage via photopin cc


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