Geld ist King oder der Kuss zwischen den Brötchen

Geld ist King oder der Kuss zwischen den BrötchenZärtlich tastet sich die Zunge an das rosafarbene Fleisch. Das Aroma ist etwas für spezielle Liebhaber. Bei dieser erotischen Spielart leckt die Zunge den Teil des Arsches, der sich der Welt öffnet. So ekelhaft die Vorstellung für viele von uns sein mag, dürfte die Anzahl der Darmbakterien, die in diesem Moment oral aufgenommen werden um ein vielfaches geringer sein als der Biss in den Burger einer Ratinger Burger King-Filiale 1. Dazu müsste man wirklich sehr tief eindringen.

Eben fallen mir mehrere Kommentare von „Freunden“ bei Facebook auf. Alle haben sie etwas auf der Burger King Seite geschrieben 2. Da braut sich etwas zusammen und das Wort „Shitstorm“ verlässt die Münder. Anlass dazu gab die gestrige RTL Sendung „Undercover in Burger King-Filialen“ von Günter Wallraff 3.

Ich finde die Empörung gut und richtig, aber die Überraschung verstehe ich nicht. Alles ist doch längst bekannt und die Namen sind austauschbar. Wer es wissen wollte, der hätte es wissen können. Zahlreiche Sendungen mit Ekelfaktor liefen im Fernsehen. Oder Bücher erschienen. Oder Artikel. Im Web. Oder, oder, oder… Und, natürlich hat jeder von uns mal mindestens eine persönliche Erfahrung gemacht, bei dem beim Gedanken bereits der Herpes unter der Haut juckt.

Hier meine persönlichen Highlights, die hoffentlich in der Zukunft nicht übertroffen werden.

Die verputzte Sahnetorte

Als Kinder fanden wir die Tochter einer Bekannten ganz toll. Immer, wenn ihre Mutter uns besuchte, lieferte sie sie ab. Wir liefen dann zu ihrem kleinen Golf, dessen Kofferraum sie öffnete und uns die Torten, Pizzen und andere tiefgefrorene Leckereien präsentierte. Sie arbeitete am Fließband eines Lebensmittelunternehmens. Jeder von uns griff sich so viele Pakete wie möglich. In unseren Augen war das natürlich zu wenig, doch unser Kühlschrank gab schnell auf. Dann durften wir einige der Pakete öffnen und sofort essen – so gut es halt bei Tiefgefrorenem möglich war.

Wohlerzogen wie wir waren, luden wir die Tochter ein, mit uns zu essen. Mit ihr teilten wir gerne. Doch zu unserer Überraschung meinte sie, sie würde nichts davon essen. Ich verstand sie nicht. Wie konnte irgendjemand auf leckere Torten verzichten?

„Warum nicht?“ Ich riss die Verpackung der Sahnetorte auf. „Magst du das nicht?“ Borte die Finger in die Folie und zog sie ungeduldig ab.

„Doch, doch“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln, während ich das Messer in die eisige Sahneschicht rammte. „Bevor ich in dem Unternehmen zu arbeiten begann, liebte ich Torten und Pizza.“

Ich schaute auf und blickte sie verwirrt an. „Und wieso isst du sie jetzt nichts mehr?“ Mein kleiner Bruder wurde ungeduldig. Ich hatte mit dem Zerlegen der Torte aufgehört.

„Ich“, sagte sie um Worte kämpfend, „habe bei meiner Arbeit zu viel gesehen.“ Endlich brach ich ein Stück ab und gab es meinem Bruder. Setzte das Messer wieder an. Ich verstand immer noch nichts. Schaute sie noch immer fragend an.

„Ich kann das nicht essen!“ Mein Bruder biss in die Eistorte. „Ich ekle mich davor!“

„Was hast du denn gesehen“, fragte ich sie behutsam und schnitt langsam ein Stück für mich heraus. Sanft schwang ich das Messer hin und her, um Wärme zu erzeugen.

„Die Torten oder Pizzas fallen manchmal vom Fließband“, sagte sie. Ihre Nase schien ihre eigene Schwerkraft zu entwickeln und zog ihr Gesicht zusammen. Durch die kleinen Falten konnte ich deutlich den Ekel darin sehen, aber ich konnte nichts Abstoßendes für mich entdeckten.

„Was ist daran so schlimm?“ Endlich hatte ich mein Stück der Torte abgeschnitten. „Die wirft man doch weg.“ Sie begann schon an den Rändern zu schmelzen, und sofort solidarisierte sich das Wasser in meinem Mund damit.

„Na“, sagte sie und war plötzlich wach, „die werden wieder auf das Fließband gelegt!“ Jetzt schaute sie mich direkt an. „Dann kleben Dreck, Haare und jeder Scheiß an der Torte.“ Ich zuckte zusammen. Sie hatte das böse Wort benutzt! Sie spukte die Worte aus, als würde sie sie schmecken. „Der Dreck wird weggestrichen, die dunklen Haare werden mit den Fingern sorgfältig entfernt und alles sieht wieder gut aus.“ Sie schüttelte den Kopf und die Falten aus ihrem Gesicht. Nur noch an ihren Mundwinkeln kräuselten sich haarfeine Linien.

Die Torte fand schnell den Weg in meinen Mund. Darauf zu verzichten lag jenseits meiner Vorstellungskraft, ebenso ihre Abscheu. Ich verstand nicht, was so schlimm war, denn sonst hätte sie uns ja nichts davon mitgebracht. Und nicht jede Torte fiel vom Band. Die, die gerade so köstlich in meinem Mund zerging, war zu lecker. Die muss sauber sein!

Sie erzählte mir, dass die Mitarbeiter Kittel, Haarnetz und Handschuhe trugen. Jahre später in der Lieblingspizzeria meines Bruders verzichtete das Personal auf solche Utensilien.

Die Pizza mit etwas mehr

Er mochte den Laden, weil er meinte, er hätte es als einziger entdeckt – quasi sein Geheimtipp. Also gingen wir mit Kumpels dorthin. Bei schönem Wetter saßen wir draußen. Es war ruhig und sehr entspannt. Außer uns waren keine anderen Gäste anwesend.

Ich bestellte mir eine Thunfischpizza. Die Pizzen wurden schnell geliefert, und sie waren riesig! Auf dem dünnen Teig tummelte sich üppiger Thunfisch, übersät mit reichlich Zwiebeln. Sie schmeckte toll und lauter anerkennende „hmmm“, „lecker“ begleiteten unser Essen. So gaben wir meinem Bruder zu verstehen, dass er eine gute Wahl getroffen hatte.

„Ich hab doch euch…“, setzte er an und plötzlich zerstörte ein angewidertes „üähhhhhhh!“ die Idylle.

Wir schauten zu ihm herüber. Er verzog sein Gesicht, während seine Finger in seinem Mund nach etwas puhlten. Dann erwischten sie es. Er zog es heraus. Ich konnte nichts erkennen. Ein Stück Dunkelheit ragte heraus. Er zog weiter. Zwischen seinem Daumen und Zeigefinger befand sich etwas Schwarzes und Dickes. Dann zog er ein weiteres Stückchen davon heraus. Seine Bewegung verlangsamte sich als hätte er Angst vor dem, was er entdecken würde. Es wirkte gespenstisch. War es Spinnenbein? Und plötzlich sahen wir es: es war ein Haar!

Abrupt ließen wir Messer und Gabel fallen, schnellten in die Höhe. Wir wollten wegrennen. Beschlossen dann, die Inhaber zur Rede zur Stellen.

Drei große und kräftige Männer vor uns. „Hier!“ Das kurze, kräftige Haar schimmerte zwischen den Fingern meines Bruders. „Das habe ich meiner Pizza gefunden.“ Ich weiß nicht, was wir erwarteten, aber eine neue Pizza kam für uns nicht in Frage.

„Das kann doch deins sein“, sagte der eine Mann und lächelte zufrieden. Er stand dort entspannt mit verschränkten Armen und hochgekrempelten Ärmeln. Seine entblößten Unterarme waren übersät mit pechschwarzen Haaren. Aus seinem weit aufgeknöpften Hemd quollen verklebte Haare hervor, die schweißgebadet in der Sonne schimmerten und der darin eingebetteten Goldkette die Show stahlen.

Da standen wir nun verdutzt vor einem Mann, dessen linker Zehrücken über mehr Haare verfügte als wir alle zusammen am ganzen Körper. Im Vergleich zu ihm hatten wir Babypflaum.

„Willst du uns verarschen“, fragten wir. „Wir werden hier nie wieder essen.“ Der Laden hielt nicht lange. Seitdem befolge ich auch die Regel: keine Eiswürfel in südlichen Ländern.

Seitdem verging wieder Zeit.

Weitere Leckereien

Ein Bekannter arbeitete im Nebenjobs in Fast-Food-Restaurants. Er verwandelte sich vom leidenschaftlichen Junkfood-Esser zum Abstinenzler. Besonders die Geschichte des vielseitigen Putzlappens beeindruckte uns. Einst zum Reinigen der Toiletten samt Toilettenschüssel bestimmt, gelang es immer wieder in die Küche, um dort die Zubereitungsfläche und Küchenutensilien zu reinigen. Die pikanten Details verdarben auch uns den Appetit. Aber nur kurzweilig.

Irgendwann bekam ich eine Campylobacter-Infektion durch das Essen in einem Imbiss. Zwei Wochen Durchfall. Zwei Wochen keinen Zucker und nur gaaaaaanz leichte Kost. Wie lecker danach jede richtige Mahlzeit schmeckte, war unbeschreiblich! Daraufhin reduzierte ich dann wieder mein auswärtiges Essen, um später wieder zu alter Form zu finden.

Rinderwahn war kurze Zeit in aller Munde und in allen Köpfen. Es veranlasste mich, viel weniger Fleisch zu essen, um es später durch Geflügel auszugleichen.

Dann kam das Gammelfleisch. Zu jener Zeit aß ich außerhalb kaum noch Fleisch. Döner schon gar nicht mehr. Das Fleisch schmeckte mir überhaupt nicht. Als ich dann doch mal einen Dönerteller wegen der geringen Kosten aß, bekam ich eine Blinddarmentzündung. Natürlich gibt es keinen Beweis, dass es daran lag.

Geflügel

Von Hühnchen und Pute kann ich immer noch nicht die Finger lassen. Übrigens erlaubt McDonald’s ab sofort seinen Hähnchenfleisch-Lieferanten die Nutzung genmanipulierten Futters. Wer will das essen? Laut Greenpeace ginge es hier nur um den Preis. Nach dessen Berechnungen würde der Verzicht auf gentechnisch verändertes Futter eine Preissteigerung unter einem Cent bedeuten – unter einem Cent 4!

Leben

Wie alles im Leben, ist alles nur eine Frage des Geldes. Wer heutzutage alles richtig machen wollen würde, der müsste nackt und verhungert durch die Welt gehen.

Wann ich zuletzt McDonald’s oder Burger King besucht habe, das weiß ich nicht mehr genau. In diesem Jahr war es kein einziges Mal.

Mein Bruder hingegen lebt heute streng vegan.

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Quellen & Links

  1. handelsblatt.com – Die Zahl der Bakterien kann nicht mehr beziffert werden
    URL: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/tv-kritik-wallraff-bei-burger-king-die-zahl-der-bakterien-kann-nicht-mehr-beziffert-werden/9819360-2.html, Stand 29.04.2014
    Zitat:

    „In den Proben, die Reporter Alexander Römer in einer Ratinger Burger-King-Filiale genommen hat, fand der Lebensmittelkontrolleur Darmbakterien. Die meisten der Proben seien „überwachsen“, das heißt die Zahl von Bakterien kann nicht mehr beziffert werden.“

  2. Burger King Deutschland | Facebook
    URL: http://de-de.facebook.com/BurgerKing.Deutschland?filter=2, Stand 29.04.2014
    Anmerkung: im Titelbild meines Blogs sind Kommentare aus dieser Seite zu sehen.
  3. rtl.de – Team Wallraff: Undercover in „Burger King“-Filialen
    URL: http://www.rtl.de/cms/sendungen/real-life/team-wallraff/team-wallraff-undercover-in-burger-king-filialen-3aac6-c461-39-1888227.html, Stand 29.04.2014
  4. stern.de – McDonald’s wegen „Genfood“ am Pranger
    URL: http://www.stern.de/wirtschaft/news/kritik-an-hamburgerkette-mcdonalds-wegen-genfood-am-pranger-2106622.html, Stand 29.04.2014

2 Gedanken zu “Geld ist King oder der Kuss zwischen den Brötchen

  1. igitt, das klingt ja schrecklich und ist an dreistheit kaum zu überbieten! cevapcici schmeckt wirklich sehr lecker und ich hoffe, du konntest danach wieder untraumatisiert fleischröllchen essen…

  2. Ich hatte mal Bekannte, die wollten mich davon überzeugen, dass es einen Laden gab in dem die Cevapcici wie in der Heimat schmecken. Ich mich also irgendwann dazu belabern lassen und mit ihnen hin. Kaum stand der Teller vor mir sah ich das lange pechschwarze Haar. Ich rief den Kellner und der hatte von Kundenfreundlichkeit noch nie was gehört gehabt. Er wollte mich zwingen alles zu essen was ich da bekam. Zurückgeben? Das kam für ihn nicht in Frage. Schließlich kam der Küchenchef und wollte mir allen ernstes weiß machen, dass das Haar von mir stammt! Ich fiel aus allen Wolken. Der Typ hatte schwarzes lockiges Haar und einfach so ein Papiermützchen auf den Kopf geworfen, während ich langes blondes Haar hatte. Das musste ganz bestimmt mein Haar gewesen sein.

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