Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest
Manche Männer finden das bei einer Frau sexy. Eine Nase mit der Attitüde von oben herab in die Höhe gemeißelt, die zeigt, hier nach oben, da gehöre ich hin, nur mein Kopf beschränkt mich dabei. Jenes Exemplar stand vor mir. Wunderschön zum Anschauen und Bewundern.

Wie ich es geschafft hatte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Doch bevor ich meine Freude kaum fassen konnte, begann eben jene ausgewählte Schönheit, mir mit ihrer selbstgefälligen und -gerechten Art auf den Sack zu gehen. Jedes ihrer Worte, die um Bedeutungslosigkeit rankten, stocherte wie ein Haken in meiner Wut und entfachte sie mehr und mehr. Jetzt war ich sauer. Sie raubte mir das Vergnügen mit ihr!

Sie stand vor mir in Jeanshose und dazu eine weiße Bluse. In ihrer linken Armbeuge hing eine Louis Vuitton Tasche. Dazu eine goldene Gucci-Uhr am Arm mit passenden Ohrringen. Zwischen ihrer aufgeknöpften Bluse ragte eine Halskette mit grünem Stein hervor, der Farbe ihrer Augen. Alles war farblich aufeinander gekonnt abgestimmt. Auch ihr Styling war perfekt.

Ihr Gesicht war makellos und voller Symmetrie, doch von jeglicher Persönlichkeit geglättet. So glatt, dass es dem betrachtenden Auge keinen Halt bot. Es war, als betrachtete ich ein kunstvoll ansprechendes Bild, das ich zwar bewunderte und gerne anschaute, das trotz meisterhafter Perspektive platt geblieben war und mich nicht berührte.

Schönheit, die nur funktionierte, solange sie regungslos dastand und nichts sagte. Denn sie war ihr selbst nicht gewachsen. Somit entlarvte sie ihr eigenes Kunstwerk als Schein und aufgesetzt. Sie fungierte nur als Projektionsfläche für ihre unerfüllten Träume, verwechselte sie mit tatsächlicher Schönheit, weil sie alle – auch sie selbst – für schön hielten. Diese Schönheit, sprach jede Faser ihres Körpers aus, bestimme sie zu etwas Höherem und Besserem – über andere. Ich konnte das häufiger beobachten. Dieser Anspruch begann sich in der Kindheit zuerst aus Märchen zu speisen. Damals war sie noch klein und ein Vielfraß wie diese Raupe Nimmersatt. Aß und aß. Wort um Wort. Märchen um Märchen. Strebte auf den Moment der Verwandlung zu. Dann war es soweit. Täglich konnte sie es im runden Spiegel sehen. Doch im inneren blieb das Loch, durch das sich die Raupe Nimmersatt gefressen hatte. Sie verstand wie viele Menschen nicht die simple Botschaft aus alledem.

Wahre Schönheit kam von innen und spiegelte sich in ihrem Wesen wider. Menschen waren schön, weil sie auch voller Güte und Liebe gegenüber jedem Geschöpf waren. Sie gaben sich aufopfernd anderen Menschen hin, statt sich für etwas Besseres zu halten. Ohne diese Herzensgüte bliebe ihre Schönheit nur hohl. So blieb ihr nur das obszöne Loch, das gelegentlich durch einen mageren Wurm besucht wurde, unausgefüllt übrig.

Trotzdem. Ich war sauer. Sauer auf mich. Warum konnte ich mein Gehirn nicht einfach abschalten und ihr debil zulächeln! Als ich jünger war, da stieg freundlicherweise Mr. Penis in diese Gespräche mit ein, die dann die richtige Wendung bekamen. Doch mit fortschreitendem Alter sucht der Mensch nach Tieferem und verhungert am Oberflächlichen.

Mit fortschreitendem Alter

Also versuchte ich, sie mir nackt vorzustellen. Nackt, das hatte seine eigene Wirkung, verwandelte den Blick auf diese Menschen und lies Frauen in einem anderen Licht erscheinen. Mit meinen Händen packte ich sie fest am Arsch und zog sie hart zu mir. Sie stieß ein kraftloses Stöhnen aus. Ja, das ist gut!

»Ich muss gleich zur Maniküre.«

Ich schaute sie verdutzt an. Wieder so ein Satz, dessen Worte sich einzeln in mein Gehirn krallten und bestimmte Windungen schmerzvoll kitzelten. Warum musste sie einfach dazwischen quatschen, bevor der Zauber zu wirken begann!

»Wie lange dauert das«, hörte ich mich sagen.

»Eine Stunde. Muss dann zu Fielmann wegen Kontaktlinsen.«

Dann herrschte eine unangenehme Stille. Sie stand regungslos da. In der Stadt liefen die Menschen um uns herum. Auch der Wind machte einen Bogen um uns, um dann umso entschlossener mein Haar durcheinander zu wirbeln. Sofort musste ich an die dünnbeseelte Stelle denken, die ich kunstvoll arrangiert hatte. Das nächste Mal benutze ich Haargel!

»Was ist jetzt!« Eine bedrückende Frage drängte sich mir in diesem Augenblick auf. Meine vorangegangenen Gedankenspiele waren verflogen. Will sie nun oder nicht?

»Treffen wir uns heute noch oder was!« Meine souveräne Überlegenheit machte einen Moment Pause. Mein Verstand schien nur in den Momenten dazwischen zu funken, in denen ich mich ihrer sicher wähnte. Toll zu wissen. Jetzt war ich auch noch ohne Hirn.

Sie blickte nach oben, ohne den Himmel anzuschauen. Ihr gelang sogar das Kunststück, durch die Luft hindurchzugucken.

»Dann muss ich noch shoppen«, fiel es plötzlich vom Himmel. »Ich brauche unbedingt dieses Kleid für die Feier am Samstag.«

Ich blickte sie scharf an. Hörte ich da etwas Leidenschaft heraus? Das Kleid schien sie zu beleben. Wir könnten zusammen einkaufen gehen.

»Ich kann nicht«, fuhr sie fort, »das gleiche Kleid zweimal tragen.« Sie schüttelte dezent den Kopf. Tat so stilvoll entrüstet. Ihr Haar bewegte sich immer noch nicht. Schien ihren eigenen physikalischen Gesetzen zu folgen.

Ich hielt es nicht mehr aus. Geduld und Zurückhaltung waren Tugenden, die ich vor allem an anderen bewunderte.

»Ich bin nicht so oberflächlich«, sagte ich ruhig und ließ die Worte schreien. Vielleicht musste ich es selbst hören. Ich fuhr fort mit verbal erhobenem Zeigefinger und klatschte ihr weitere Worte ins Gesicht. »Mich interessiert nur der Mensch unter den Klamotten!«

Da plötzlich quoll ein Gesicht hervor und gebar einen Ausdruck der Verblüffung, das sich in Stille übte. Dann flatterten ihre Augen wild umher als wäre sie jetzt ein Schmetterling, das wegfliegen wollte. Doch sie blieb regungslos wie eine träge Raupe, die sich verfressen hatte und kurz vor der Häutung stand. Etwas bröckelte aus ihrem Gesicht. Ein bläulich-grüner Riss trat zwischen dem perfekten Make-Up an ihrer Stirn hervor und entblößte pulsierend den Stumpfsinn.

Poch. Poch. Poch.

Kein Wort.

Poch. Poch. Poch.

Ich zählte die Schläge.

Poch. Poch.

Hm, dachte ich. Sie ist doch nicht so blöd wie ich dachte.

»Was ist mit dir?«, fragte ich und versuchte, ein passend-unschuldiges Gesicht dazu zu finden.

Noch immer kein Wort.

Poch.

»Haben dich noch nie Worte geküsst?« Ich hob beide Augenbrauen hoch, die ein doppeltes Fragezeichen formen sollten, jedoch eher als Ausrufungszeichen daherkamen. Vielleicht zeichneten sie in subtiler Form Verzweiflung.

»Sind dir niemals Worte unter die Haut gegangen?«

Das Wort »Gegangen« küsste sie dann doch wach. Sie schloss kurz ihre Augen und drehte sich elegant um. Sie ging weg ohne ein Wort.

Ich sah ihr nach. Sah ihre eng anliegende Jeans. Ihren knackigen Po. Ihre Hüften, die sich dezent-einladend hin und her wogen. Der Wind lachte mir diesmal ins Gesicht und verführte meine Nase mit einem zarten, blumigen Duft. Verdammt! Vielleicht, dachte ich, bin ich ja auf meine Art auch arrogant. Ich sollte die Menschen so nehmen wie sie sind. Aber, warnte ich mich, ich kann nichts dafür, wenn sie sich selbst auf ihr Äußeres reduzierten.

»Warte!«

photo credit: Vicki’s Nature via photopin cc

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