Der Stift – mächtiger als die Tastatur

Der Stift - mächtiger als die Tastatur
10:00 Uhr. Meeting. In aufgeklappten Reihen säumen die dunklen Bücher aus Plastik die Tische. Summen mit leisen Gesängen vor sich hin. Manche leuchten hell auf, andere haben sich in den Schlaf-Modus begeben. Doch alle warten sie geduldig auf den Moment, wo sie mit Aufmerksamkeit belohnt und mit Klicks gefüttert werden.

Klick. Finger hauen begierig in die Tasten. Klack. Mails werden abgerufen. Klack, klack. Lesen. Klack. Beantworten. Klack. Neues schreiben. Klick. Nur ich, sitze dort am Ende des Tisches ohne ein Laptop, nur mit meinem Schreibblock und einem Stift in der Hand.

Beim Schreiben auf Papier kann ich mich besser auf das Gesagte konzentrieren, es besser merken und verstehen. Häufig kritzle ich noch weitere Kleinigkeiten wie Diagramme oder zeilenübergreifende Pfeile. Das mache ich seit meiner Studienzeit so. Dann fällt mir diese Studie ein, von der ich kürzlich las.

An ihre Zeit an der Uni erinnerte sich auch die Wissenschaftlerin Pam Mueller von der Princeton Universität. Als sie vom Computer zu ihrem Notizblock wechselte, bekam sie wesentlich mehr mit. Ihr Kollege Daniel Oppenheimer machte ähnliche Erfahrung. In einem Meeting schrieb er auf seinem Computer mit, schaute sich seine Notizen an und stellte verwundert fest, dass er nicht das Geringste verstanden hatte.

Durch diese Erlebnisse motiviert, führten sie gemeinsam eine Reihe von Untersuchungen durch, in denen sie ihre eigene Erfahrung in Hinsicht auf Laptop und handschriftliche Notizen überprüften.

In der ersten Studie schauten sich 65 Studenten Vorträge auf Video an, dessen Inhalte interessant waren, aber nicht zum Allgemeinwissen gehörten. Die eine Hälfte der Personen durfte sich Notizen am Computer machen und die anderen nur handschriftliche.

Nach dem Film wurden die Studenten ca. 30 Minuten abgelenkt. Anschließend wurden Wissens- und Verständnisfragen zu den Vorträgen abgefragt.

Ging es um Fakten, dann schnitten beide Formen der Mitschrift gleich gut ab. Betrachtete man jedoch das Verständnis, lieferten die Personen mit den digitalen Notizen deutlich schlechtere Ergebnisse.

Warum war das so?

Die beiden Wissenschaftler werteten die Notizen beider Gruppen aus und fanden etwas Verblüffendes heraus: die Studenten am Computer hatten viel mehr mitgeschrieben. Sie versuchten, den Vortrag fast wörtlich aufzuschreiben. Das Verständnis kam dabei zu kurz. Die andere Gruppe ging reflektierter vor. Sie versuchten, wichtige Informationen zu erfassen.

Das änderte sich auch nicht, als die Wissenschaftler die Studenten ausdrücklich anwiesen, wörtliche Notizen zu vermeiden.

Eine Woche später testeten die Wissenschaftler erneut die Versuchspersonen. Beide Gruppen durften sich auf den Test mit ihren Notizen vorbereiten. Die Gruppe mit den handgeschriebenen Notizen schlug wiederholt die andere Gruppe bei Verständnisfragen.

11:17 Uhr. Mein Meeting ist zu ende. Länger als geplant. Wie immer. Das nächste Meeting steht in 13 Minuten an. Termin im Kalender prüfen. Was und wo? Zusammenpacken. Hingehen. Kann ich etwas aus der Studie für mein anstehendes Meeting mitnehmen? Im bin ja kein Student mehr und muss in keine Vorlesung. In Meetings geht es vorrangig um Informationsaustausch.

Mir widerstrebt es, mein Laptop mitzunehmen, es aufzuklappen und loszutippen. Gegenüber dem Vortragenden finde ich das unhöflich. Woher soll er wissen, ob ich mich nicht mit etwas anderem beschäftige. Sich abzulenken geht sehr leicht, denn ständig trudeln Mails ein. Er verdient meine volle Aufmerksamkeit. Weiterhin gehören Folien zum Standardrepertoire, so dass wenige, eigene Notizen ausreichen. Der Rest findet sich in dem Protokoll.

Apropos, Laptops eignen sich hervorragend für Protokolle. Nur, wer will schon freiwillig eins schreiben.

Was immer man auch tut, es gilt immer noch: schalte den Rechner in deinem Kopf ein anstatt den auf dem Tisch!

photo credit: Brett Jordan via photopin cc

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Quellen & Links

Gefunden über
medicalxpress.com – “Take notes by hand for better long-term comprehension”
URL: http://medicalxpress.com/news/2014-04-long-term-comprehension.html, Stand 28.04.2014