Das Leben kommt morgen

Kennst du das? Du willst dich mit einem Menschen auf einen Kaffee treffen. Draußen die ersten warmen Sonnenstrahlen auf deinem Gesicht fühlen. Das bunte Treiben in der Stadt auf dich einwirken lassen. Dich genüsslich in einem Holzstuhl mit geflochtenem Muster zurücklehnen. Du freust dich auf den Moment, wo du langsam den Zucker in deinem Kaffee umrührst und dich auf den ersten Schluck vorbereitest. Und dann kommt dieser Mensch zu spät. Viel zu spät.

Das regt dich auf. Wieder. Dann regst du dich noch mehr auf. Denn dieser Mensch ist jemand, der ständig zu spät kommt. Damit konntest du dich nie abfinden. Das wäre ok, wenn dieser Mensch nicht ständig diese Unruhe verbreiten würde.

Die Verspätung zwängt das gemeinsame Vorhaben in einen gedrängten Zeitplan, denn das Ende steht bereits fest. Und dann quetschen sich Erledigungen – nein, Unerledigungen – ein, die kurz abgewickelt werden müssen und quasi auf dem Weg liegen. Dann hastet ihr von einem Etwas zum Nächsten. Dieser Mensch scheint einer geheimen Agenda zu folgen, die nicht mit dir abgestimmt war. Das Tempo steigt unmerklich. Du willst kein Spielverderber sein. Mit einem Mal versucht ihr, die verlorene Zeit einzuholen. Zeit ist schneller. Ihr hinkt nur hinterher.

Dir fällt gar nicht auf, wie vollgestopft das Treffen mit Aktivitäten ist, denn dazu hast du keine Zeit. Das eine ergibt das andere. Als seien diese Aktivitäten miteinander verbundene Punkte, die den Nächsten nach sich ziehen.

Plötzlich kommt der Moment des Genießens.
Kein Platz frei.
Egal.
Erst Mal anstehen und den Kaffee kaufen.
Ok.
Keine Sonne.
Egal.
Hinsetzen.
Genießen.
Wir haben nur noch zehn Minuten.
Schnell austrinken.
So, das ist auch erledigt.
Muss los. Den Recorder zu Hause programmieren.
Tschüss.

Und dann fühlst du dich gerädert und braucht eine Pause von eurer gemeinsamen „Erholung“. Dann beginne ich über diesen Menschen nachzudenken. Der hastet wieder zum nächsten „Termin“. Muss zu seinem Auto rennen, da exakt jetzt das Parkticket abläuft. Er muss auch seinen Recorder programmieren, damit er etwas aufzeichnen kann. Wann will er sich das denn anschauen! Vermutlich später. „Später“ ist nach den weiteren erledigten Punkten – der hat noch bestimmt viele davon. Schnell. Schnell. Sein Leben scheint aus einer Aneinanderreihung von Aktivitäten zu bestehen.

Diese Aktivitäten befinden sich als Punkte auf einer Liste irgendwo in seinem Kopf. Zerteilen das Leben in vermeintlich wohlportionierte, bewältigbare Häppchen. Sie schaffen die beruhigende Illusion, das Leben durch Ordnung in Griff zu bekommen, bevor es einen selbst überwältigt. Sie geben den Takt an. Sein Ehrgeiz funkt dazwischen, fühlt sich herausgefordert. Wenn er die Punkte schneller abarbeitet, dann schafft er Freiräume, in dem sich schnell neue Punkte auffüllen. Und ehe man sich versieht, ordnet man das Leben nicht, sondern ordnet sich selbst dem selberlegten Diktat unter. Dessen Takt schlägt immer schneller. Jede Erledigung fühlt sich wie ein Vor-ankommen an. Aber wohin will er? Er rast von einem Punkt zum anderen. Er ist überall, doch kommt nirgends wirklich an. Der Moment befindet sich irgendwo dazwischen.

Was war nochmal das Ziel?

Das eigentliche Ziel – rückt es nicht immer weiter in die Ferne? Was bleibt am Ende des Lebens, wenn du alles abgearbeitet hast? Ein „Danke“ und warmer Händedruck? Von wem? Am Ende stehst du dir selbst gegenüber. Dann siehst du, ob du mitten im Leben gewesen oder nur knapp dran vorbei gerauscht bist. Lebst du dein Leben oder lebt dein Leben dich…

photo credit: mksystem via photopin cc


5 Gedanken zu “Das Leben kommt morgen

  1. Bei der Person in meinem Umfeld habe ich definitiv den Eindruck, dass sie wegläuft, vor allem vor sich selbst. Wer mal Zeit alleine und für sich hat, kommt früher oder später an den Punkt, an dem er sich mit sich selbst beschäftigen muss – und dann könnte einem ja auffallen, dass eben nicht alles so toll ist, wie man denkt 😉

  2. Ich glaube, das Problem dieser Menschen ist weniger ihr Zeitmanagement als vielmehr das Gefühl, irgendwas verpassen zu können und seine Zeit nicht optimal zu nutzen. Diesen Menschen, den ich kenne, der kann sich nicht erholen, ist ständig gehetzt und im Stress. Man könnte ja was verpassen. Pause? Gibt es nicht. Genießen? Geht nicht, Zeitverschwendung. Sie rennen von X nach Y, aber irgendwie bleiben sie dazwischen hängen, weil durch ihr Gehetze weder X noch Y wirklich gelebt werden können.

    1. schnipsel, deine erklärung gefällt! beim lesen gingen mir die gedanken durch den kopf – vielleicht fühlen sie sich so lebendig, vielleicht laufen sie vor etwas weg. vielleicht vor der leere in ihrem leben? das könnte man auf paare ausdehnen, die ständig auf achse sind und sich so auf distanz halten… ich höre jetzt aufs, sonst wird das hier ein blog in blog 😀

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