Versteckspiel oder Du siehst mich nicht

Versteckspiel Kinder

Mir geht wieder diese eine Frage durch den Kopf. Mein Neffe hat eine neue Variante des Versteckspielens für sich entdeckt. Neuerdings huscht er bei unseren Besuchen unter eine Decke. Als ich das sah, fiel mir mein Patenkind ein. Sie hingegen macht sich unsichtbar, indem sie auf eine Wand zustürmt, ihre Augen schließt, die kleinen Hände drauf und ihre Stirn gegen die Wand drückt. Dann höre ich sie vergnügt Lachen. Mit jedem Schritt mehr.

»Kuckuck! Hab dich!«

Sie stampft quiekend mit den Beinen auf den Boden als wollte sie vor mir flüchten und in die Wand hineinkriechen. Ihre Hände halten immer noch ihre Augen zu.

Glauben Kleinkinder wirklich, dass wir sie nicht sehen können, wenn sie ihre Augen verdecken?

Sie wissen doch, dass sie trotzdem gesehen werden? Ich kann mir das schwer vorstellen. Ein Wissenschaftsteam um James Russell von der Cambridge Universität ging dieser Frage mit einer Reihe von Versuchen nach [1].

Zuerst setzten die Forscher den Kindern, die zwischen 3 und 4 Jahren waren, eine Schlafbrille auf. Dann wurden die Kinder gefragt, ob sie gesehen werden können. Die überwiegende Mehrheit der Kinder antwortete: »Nein«.

Im nächsten Schritt wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob die Kinder meinten, dass das Schließen oder das Verstecken der Augen sie unsichtbar machen würde. Dafür gab es zwei Brillen: eine, durch die sie nichts sehen konnten und auch ihre Augen nicht von anderen gesehen werden konnten und eine Zweite, die halbdurchlässig war. Durch diese Brille konnten die Kinder sehen, aber die andere Seite der Brille war undurchsichtig, so dass ihre Augen nicht gesehen werden konnten. Die meisten Kinder verstanden die Idee hinter der Brille nicht. Aus den Ergebnissen der wenigen Kinder folgerten die Wissenschaftler, dass das Unsichtbarsein eher von dem »die Augen sind versteckt« herrührt als von dem »Nicht-Sehen-Können«. Unsichtbarkeit hatte also etwas damit zu tun, dass andere die Augen der Kinder nicht sehen konnten.

Interessanter war dann dieses Experiment. Während die Kinder die Brillen trugen, hielten sie sich für unsichtbar. Der Versuchsleiter fragte konkreter nach: »Kann ich deinen Kopf oder Körper sehen?« Ein Großteil der Kinder antwortete hierauf mit: »Ja«. Die Kinder hielten sich für unsichtbar, wussten aber, dass sie gesehen werden konnten. Die Kinder unterschieden also zwischen dem Selbst und dem Körper! Das Selbst befand sich in dem Inneren und konnte nur durch die Augen gesehen werden.

Mir fiel sofort ein Filmzitat ein – nein, nicht »Schau mir in die Augen, Kleines« aus Casablanca, sondern ich musste an »Ich sehe dich« aus James Camerons Avatar denken. »Ich sehe in dich hinein« wäre eine Bedeutung des Zitats. In dem Film schlüpfen die Menschen in fremde Körper, in Avatare, um in die Welt der Na’vi einzudringen. Genau dort erlangt das Zitat eine besondere Bedeutung, geht sie über das rein Physische hinaus. Der Körper bleibt zweitrangig, der Mensch, sein Charakter, sein Wesen sind das Eigentliche. Somit gewähren die Augen einen Blick in das Innere, zum Menschen. Sie sind das Fenster zur Seele.

Kinder sind in diesem Punkt uns Erwachsenen überlegen.

photo credit: shawnzrossi via photopin cc

Quellen & Links

bps-research-digest online: “Why do children hide by covering their eyes?”
URL: http://bps-research-digest.blogspot.de/2012/10/why-do-children-hide-by-covering-their.html, Stand 30.03.2014

[1] Russell, J., Gee, B., and Bullard, C. (2012). Why Do Young Children Hide by Closing Their Eyes? Self-Visibility and the Developing Concept of Self. Journal of Cognition and Development, 13 (4), 550-576 DOI: 10.1080/15248372.2011.594826
URL: http://dx.doi.org/10.1080/15248372.2011.594826, Stand 30.03.2014


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