Späte Genugtuung



War es die rasche Bewegung oder der erstaunte Blick im Gesicht jenes Mannes, der meine Aufmerksamkeit auf die Situation lenkte. »Wohin willst du?«, hörte ich den Mann einer Frau hinterherrufen, die so abrupt ihre Richtung änderte, dass ich nur noch ihren Hinterkopf und ihren aufgeschreckten Pferdeschwanz sehen konnte. Gedanklich befand ich mich bereits bei den Süßigkeiten, als mir etwas bitter aufstieß. Ich kannte beide! Für einen Moment blieb ich im Gang des real,- stehen. In meinem Kopf begann es zu arbeiten. Sog all die Informationsfetzten auf und spuckte plötzlich ein Wort aus: Bahar! Dann ein weiterer überraschender Gedanke: sie lief vor mir weg!

Verschwinde sofort aus deren Blickfeld! Rasch bog ich zu den Regalen mit den Süßigkeiten ab. Hatten sie mich nicht gesehen? Ich starrte auf die bunten Schokoladentafeln. Bin ich bescheuert? Er hat mich nicht erkannt. Warum lief ich weg? Seine Situation schien mir wohlbekannt. Damals verschwand Bahar mehrmals einfach so und ließ mich alleine mit vielen Fragen zurück. Er und ich waren uns nur einmal über den Weg gelaufen im Cafe Europa.

Dort stand er an der Seite von Bahar, hatte den Arm um ihre Schulter gelegt. Beide lässig an die Theke angelehnt. Als ich sie damals entdeckte, war ich so sauer auf sie, dass mir jeder Mann an ihrer Seite egal war. Direkt steuerte ich auf sie zu.

»Hi«.

Sie wirkte etwas irritiert und drehte ihren Oberkörper von mir weg hin zu dem Typen neben ihr. Dabei rutschte seine Hand etwas von ihrer Schulter und die weiße Bluse zerrann zwischen seinen Fingern, wo sie sich gesammelt hatte. Ich sah darunter einen deutlichen Schweißabdruck von seinen Fingern. Entweder schwitzte er sehr stark oder musste sie sehr fest gehalten haben, dachte ich mir. Ich schaute sie unvermittelt an. Keine Regung.

»Hallo«.

Ihr Gesicht war versteinert. Wieder Schweigen. Der Typ neben ihr blickte jetzt zu mir herüber. Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen und verfinsterten seinen Blick. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Ist der behaart, dachte ich mir. Er blickte mich aggressiv an, aber zugleich zeugte sein Blick von Unkenntnis. Er wusste nicht, was gerade hier ablief, wer ich war und was ich wollte.

»Das ist Murat.« Sie stellte uns einander vor. Er reichte mir die Hand. Ich zögerte, weil mir sofort der Schweißabdruck einfiel, gab ihm dann doch die Hand. Sie war warm und feucht. Dann herrschte wieder Schweigen. Ich schaute sie unbeirrt an.

»Ich habe eine einfache Frage an dich«, sagte ich in ruhigen Ton. »Die kannst du beantworten oder nicht«, fuhr ich in höflichem Ton fort. Ich wartete einen Augenblick. Sah weder Zustimmung noch eine Ablehnung. »Warum«, sagte ich, »behandelst du mich so asozial?«

Das Entsetzen meißelte kleine Brocken aus ihrem Gesicht, die über ihre Wangen kratzen und auf dem Boden aufschlugen. Ein verdutztes Gesicht trat zum Vorschein, das immer noch nicht in der Lage war, zu Antworten.

»Warum«, wiederholte ich ganz ruhig meine Frage, »behandelst du mich so asozial?«

Ihre Augenbrauen bewegten sich in Zeitlupe nach oben. Rissen ihre Augen weit auf. Ein leichtes Zittern des Kopfes konnte ich erkennen. Und dann schaute sie verwirrt nach links und rechts. Suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit? Doch sie konnte nicht weg. Vor ihr war ich, hinter ihr die Theke und neben ihr der Typ – der Typ! »Das ist mein Freund!«

Ich schaute sie immer noch an. War wenig davon beeindruckt. Mit dem Typen musste sie seit Kurzem zusammen sein. Dass sie überhaupt einen Freund hatte oder jemanden so bezeichnete, hätte mich etwas wundern können, doch das war mir egal. Wenn es mich beeindruckt hätte, dann wäre mein nächster Gedanke gewesen, dass sie das nur gesagt hatte, um mich loszuwerden. Nein, so einfach sollte sie nicht davonkommen. Ich wollte es für mich abschließen und ihr zeigen, dass sie nicht so mit Menschen umgehen konnte. Ich blieb ruhig. Wer uns zusah, hätte angenommen, hier würden sich hier zwei alte Bekannte freundlich miteinander unterhalten. »Ich verstehe nicht«, entgegnete ich ihr gelassen, »was das damit zu tun hat.«

Ich machte eine Pause. Sie schien jetzt aufgewacht zu sein. Wirkte ein wenig sauer. Vielleicht wurde ihr bewusst, wie dumm das war, was sie eben gesagt hatte. Vielleicht ahnte sie, dass ihre Reaktion wie das Eingeständnis ihrer Schuld klang. Um sicher zu gehen, fuhr ich fort.

»Nur weil du einen Freund hast, heißt das, du kannst mich asozial behandeln?«

Wieder blickte ich sie ruhig und abwartend an. Sie kniff die Augen zusammen, zog die Mundwinkel hoch und schmiss ihren Kopf nach hinten. Ihr Pferdeschwanz zitterte. Dann schmettert sie mir ein beleidigt-empörtes »ok!« entgegen. Verschränkte ihre Arme und drehte sich komplett ihrem Typen.

Hier im real,- war sie aber aus einem anderen Grund vor mir geflüchtet. Heute hatte sie keinen Grund, vor mir wegzulaufen. Wir waren uns seit Jahren nicht mehr begegnet. In der Zwischenzeit hatte sie ein Kind von ihm und lebte mit ihm zusammen.

Als sie abrupt in den nächstbesten Gang flüchtete und irgendetwas murmelnd hinter einem Regal verschwand, verlangsamten sich seine Schritte, mit denen er sich plump vorwärts bewegte. Sein imposanter Bauch zwang ihn zu einfältigen Schritten. Er blieb breitbeinig stehen. Seinen Oberkörper verlagerte er als Gegengewicht nach hinten und blickte ihr nach. Er hatte sich komfortabel in der Beziehung eingerichtet. Warum ließ er sich so gehen? Nahm er an, das Kind hätte sie für immer aneinander gebunden?

Mir fiel die silberne Tonne auf, die er unter seinem linken Arm geklemmt hatte. Bei ihm wirkte sie wie ein riesiger Pappeimer von KFC, in dem sich eine Menge Chicken Wings befanden.

Und dann machte es auch Klick bei mir!

Es war ihr peinlich! Er war ihr peinlich! Es war ihr peinlich, dass ich sie mit ihrem Typen sah! Erstaunlich, wie viel der Mensch in einem kurzen Moment wahrnehmen konnte. Vielleicht konstruierte ich mir die Realität so wie sie mir gefiel. Doch alles andere ergab keinen Sinn. Mehr wollte ich auch nicht darüber nachdenken. In den wenigen Jahren hatte er sich unvorteilhaft zu einem Fettsack entwickelt. Ich hatte zwar ein paar Falten mehr und dafür dünneres Haar, aber war durchtrainierter als damals. Auch beruflich entwickelte ich mich weiter. Ich fühlte mich einfach gut in diesem Moment.

Ein paar Tage später lief ich ihr im Stadt-Palais über den Weg. »Hallo«, sagte sie und lächelte mich strahlend an. Sie war allein dort.

photo credi: ganeshaisis

Ein Gedanke zu “Späte Genugtuung

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    • fxhakan

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