Frauenlogik – Jenseits von Raum und Zeit

Auch Einsteins Relativitätstheorie hat seine Grenzen. Sie versagt dort, wo Raum und Zeit nicht existieren. Vielleicht reagiere ich etwas übertrieben und es gilt vielmehr: alles ist relativ. Zwar umkreisten sie und ich beide die gleiche Sonne, aber anscheinend lebten wir auf zwei verschiedenen Planeten mit unterschiedlichen Zeitzonen und Realitäten. Vielleicht gelang es ihr, ihre Raumzeit so zu krümmen, dass die Wahrheit in ihre eigene Form gepresst wurde, eine Art »Reality Distortion Field« des berühmten Steve Jobs.

Jene verwirrende Realität traf in Form einer simplen Mail in meiner ein.


Sie schrieb darin sinngemäß:

»Bestimmt wunderst du dich etwas, wieso der Kontakt eingeschlafen ist. Ich sollte mehr auf meinen Verstand hören. Die Entfernung zwischen uns spielt für mich eine größere Rolle als gedacht. Jetzt erst ist mir das wieder richtig bewusst geworden. Selbst die einmalige Fahrt zum Kennenlernen kommt für mich nur schwer in Frage. Es tut mir sehr leid!

Ich wünsch dir alles Gute :-)«

Das klang alles sehr vernünftig, nett und freundlich. Es zeichnet das Bild einer Frau, die rücksichtsvoll mit einem anderen Menschen umgeht. Versucht, ihm die eigenen Beweggründe nahezubringen. Es suggeriert eine bestimmte Intimität zwischen ihr und mir, die einseitig von ihr sanft beendet wurde. Ich könnte dabei unglücklich und verwirrt auf der Strecke geblieben sein. Eine Frau, die weiß, was sie will und sich auch durchsetzt, ohne die Gefühle des anderen verletzten zu wollen. Natürlich, wenn Gefühle im Spiel sind, dann führt es immer zu Enttäuschungen auf einer Seite.

Ok, dann beobachten wir mal den »Leidtragenden«. Natürlich bin ich nicht objektiv und könnte meine Darstellung zu meinen Gunsten verdrehen, so dass ich nicht als armer, verliebter Verlierer dastehe. Daher beginne ich mit zwei einfachen Fragen:

Wie lange ging das mit uns?
Wann fand unser letzter Kontakt statt?

Zuerst zur letzten Frage. Ihre Mail überraschte mich, denn ich hatte sie völlig vergessen. Das letzte Mal hatten wir vor drei Monaten miteinander Kontakt. Das fand über WhatsApp statt. Unsere gesamte Kommunikation fand über Nachrichten statt.

Ich war damals auf einer Flirt-Plattform und schrieb sie an. Zwischen meiner ersten Mail und der letzten Interaktion auf WhatsApp lagen knapp zwei Wochen – zwei Wochen! Unser Kontakt belief sich auf zwei Wochen.

Was passierte in den zwei Wochen?

Mir gefiel ihr Lächeln mit den Grübchen. Mit ihren großen, blauen Augen blickte sie auf ihrem Profilfoto ein bisschen frech und ein bisschen freundlich den Betrachter direkt an. Sie war sehr attraktiv. In ihrem Texte beklagte sie sich über die Einfallslosigkeit der Männer, die mit immer den gleichen und uninspirierten Texten sie anschrieben. Geistlose Massenmails waren ein Phänomen, das viele Frauen überall beklagten, wo sie angeschrieben werden konnten. Einige Mails peppten sich mit anstößige Angeboten auf. Genau, denn genau darauf warteten die Frauen!

Es war also ein Leichtes, hier positiv aufzufallen. Ich schrieb eine einfache, freundliche und grammatikalisch korrekte Nachricht. Da ich das zu langweilig fand, suchte ich mir immer etwas aus, womit ich eine Frau ein bisschen ärgern und aus der Reserve locken konnte. Sie brauchte eine Herausforderung. Daher dachte ich mir eine Vorgeschichte aus, warum die Männer zu Standardtexten griffen und schrieb sie ihr.

Die Geschichte begann mit einem Mann, der sich viel Zeit zum Anschreiben einer Frau nahm. Da sein Erfolg ausblieb, wurde er zunehmend frustrierter. Er wollte nicht aufgeben, sah aber für sich keinen Sinn mehr darin, weiteren Aufwand zu betreiben, da es keine zu schätzen wusste. Er nahm sich vor, erst Zeit und Mühe zu investieren, wenn er sicher war, dass es sich lohnte. So schickte er einfache Massenmails, in der Hoffnung, die Richtige werde sich melden. Das war das Gesetz der großen Zahl. Männerlogik. Das klappt auch! Denn jede diese Mails frisst die Hoffnungen der Frau Stück für Stück, bis ihre eigenen Ansprüche als entfernte Erinnerungen zu einem sternenlosen Himmel verblassen. Dann erscheint jeder noch so schwach leuchtende Stern wie eine strahlende Sonne.

Sie reagierte sehr schnell auf meine Nachricht und knüpfte an meine Geschichte an. Natürlich widersprach sie mir.

Wir hatten viele Gemeinsamkeiten und unser belebender Austausch zog sich über Stunden. Im ganzen Verlauf blieb ich freundlich-neutral. Ich machte ihr kaum und indirekte Komplimente. Schrieb etwas in der Art, dass sie als attraktive und intelligente Frau die Männer einschüchtere. Sie nahm es wohlwollend auf und ergänzte es um ihren beruflichen Erfolg. Wenn sie ihren Job so hervorhob, dann musste sie sehr stolz darauf sein. Vielleicht, dachte ich mir, hatte ihr Exfreund damit ein Problem. Ich blieb am Thema dran.

Über ihren Job kamen wir auf meinen Job zu sprechen und dann fragte sie mich nach meinem Urlaub. Ich dachte mir nichts dabei, denn der Wunsch vieler Frauen ist es, viel zu reisen und neue, fremde Welten zu entdecken, am liebsten mit einem Partner. Der Partner durfte keinesfalls ein Couch-Potato sein! Im Gegensatz zu vielen Frauen meinte sie es ernst. In zwei Wochen würde sie alleine nach Südamerika reisen.

»Wie lange bist du weg?«, fragte ich sie.
»Drei Wochen. Kommst du mit? ;-)«

Ups! Was war denn das? Ich war überrascht, geschmeichelt und zögerte. Ich war mir nicht sicher, ob wir überhaupt eine Zukunft hatten. Sie wohnte mehrere hundert Kilometer von mir entfernt. Gescheiterte Fernbeziehungen hatte ich genug und brauchte keine weitere. Dann war sie fast eine Dekade jünger als ich. Später würde das eine Rolle spielen, das wusste ich. Daher hegte ich keine besonderen Absichten, sondern war gespannt und offen. Das ging mir jetzt zu schnell!

Ich überflog meine Nachrichten. An welcher Stelle nahm das Ganze eine andere Wendung? Jetzt bleib ruhig und übertreibe es nicht, sagte ich mir. Wir sind hier auf einer Flirt-Plattform und das Flirten gehört dazu. Sie möchte vielleicht gerade deshalb herausfinden, in wie weit ich an ihr interessiert sei.

»Ich dachte immer«, schrieb ich ihr, »es würde mir schwerfallen, mich von einer Frau einladen zu lassen, aber es geht so einfach:-P Meine Koffer sind gepackt!«

Einfach die Koffer packen und mit ihr in den Urlaub fliegen, das war eine sehr reizvolle Vorstellung! Das Wort »einladen« entfaltete seine besondere Wirkung. Plötzlich wollten wir uns noch vor ihrem Urlaub treffen. Ich merkte, wie stark sie an einer baldigen persönlichen Begegnung interessiert war. Wieder schaltete sich der Wächter in meinem Kopf ein. Steigerte sie sich da nicht allzu schnell in etwas einseitig hinein? Ich muss das bei unserem Treffen richtigstellen! Der Wächter lehnte sich wieder zurück und legte sich schlafen.

Ich schrieb ihr, wie sie mich auf Facebook finden konnte. Sie wartete gar nicht und schickte mir sofort ihre Telefonnummer. Der Wächter zog sein rechtes Augenlid hoch und schaute mich kritisch an. Ich weiß, sagte ich, ich muss ihr jetzt auf WhatsApp schreiben und sie anrufen. Das erwartet sie. Keine Sorge! Mürrisch schloss er sein Auge. Immer, wenn ich etwas tun musste, war ich genervt. Ich mag es, die Wahl zu haben und etwas freiwillig zu tun. Ich muss vorsichtig sein und meine Worte abwägen! Dann fragte ich mich, warum ich das denn mache! Bleib locker und triff sie erst einmal. Da könnt ihr alles klären und miteinander besprechen. Vielleicht hast du ja alles falsch interpretiert, sagte ich mir und beließ es dabei.

Wir telefonierten ein einziges Mal und vereinbarten das Treffen in der darauffolgenden Woche. Sie erzählte von ihrem Exfreund, der zunehmend Probleme mit ihrem beruflichen Erfolg und ihrer Unabhängigkeit hatte. Sie hob ihre sozialen und häuslichen Vorzüge mit verspielten Details hervor. Lachte immer wieder und sprach mit hoher Stimme. Ich merkte, sie will gefallen und hat größeres Interesse. Erstaunlich, wenn ich mich für eine Frau wirklich interessierte, war ich zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Konnte die Frau nicht im Geringsten einschätzen. War am Ende nur ratlos und voller Fragen. Fand das Ende kaum, doch hier konnte ich das Gespräch zeitig beenden. »Erst mal nur Kaffeetrinken«, sagte ich.

Gefühlt zu schnell traf per WhatsApp die Frage ein. »Was sagst du zu unserem Gespräch?« So würde ich auch reagieren, doch hier dachte ich nur: Mädchen, bleib doch mal locker und lass uns das Treffen abwarten.

Bestimmt klingt es gemein von mir. Bekanntlich war die Vorfreude die schönste aller Freuden. Das Vorspiel gehörte zu einem gelungen Treffen. Ich habe aber zu viele Erfahrungen gemacht und bin nüchterner Realist geworden. Was schnell da ist, geht schneller weg und das meistens, wenn ich gerade erst angekommen bin. Sie kannte mich überhaupt nicht, woher kam diese Begeisterung. Ich konnte es nicht nachvollziehen. So, dachte ich mir, müssten sich Frauen fühlen, die nur auf ihr Äußeres reduziert und mit plötzlichen Liebesverklärungen von unbekannten Männern sich konfrontiert sahen. Na gut, da musste ich selbst lachen. Da ich ihre Begeisterung aber nicht teilten konnte, blieb sie mir suspekt. Ich reduzierte unseren Kontakt auf ein Minimum. Ich glaube, das spornte sie umso mehr an.

Auf Facebook waren wir bereits Freunde und tauschten »Likes« aus.

Dann passierte etwas Unerwartetes. Am Vorabend unseres Treffens erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht. Eine Freundin hätte spontan Geburtstag und wolle diesen feiern. Daher müsse sie für Morgengaben absagen.

Schade. Ich hatte mich darauf gefreut. Richtig traurig darüber war ich dennoch nicht. Ich wusste, hätte ich es darauf angelegt, dann hätten wir uns getroffen. Hätt ich ihr geschrieben »ich komme jetzt vorbei«, sie wäre begeistert gewesen.

Wir lernten uns also nie persönlich wirklich kennen. Schrieben uns nur ein paar Mal und telefonierten nur ein einziges Mal. Innerhalb dieser zwei Wochen schrieb ich ebenso häufig anderen Frauen. Ich stellte meine Aktivitäten nicht ein, denn es gab noch kein »wir«. Ich machte ihr auch nichts vor. Ich log sie nicht an.

Als sie dann anschließend im Urlaub war, postete sie ein paar schöne Strandfotos. Ich drückte den »gefällt mir« Link. Später bemerkte ich, dass ihre Bilder von meiner Neuigkeitenseite verschwunden waren. Sie hatte unsere »Freundschaft« beendet.

Und dann traf diese Mail ein.

In diesem Moment denkt jeder sofort »die will wieder etwas«. Doch das tat sie nicht. Vielleicht tut sie das nach Frauenlogik. Ein Lebenszeichen geben und so tun, als bedaure man das alles. Hofft dann auf eine Antwort, an die man anknüpfen kann und aus der sie herauslesen kann, hat er Interesse?

So wenig eine »Freundschaft« auf Facebook wiegt, so stillos kann das Beenden jener sein. Sie hätte mir diese Mail vorher schreiben müssen oder darin sich dafür entschuldigen. So drängte sich mir beim Lesen ein Bild auf: in einem nüchternen Moment am Strand beim Cocktailtrinken siegte ihre rationale Seite. Jetzt in der süßen Ferne abseits der Alltagsprobleme wurde ihr bewusst, dass die Entfernung für eine Beziehung eine gewichtigere Rolle spielte und wir keine Zukunft hätten. Doch zuhause löste sich allmählich das Urlaubsgefühl auf und die Prolls auf der Flirt-Plattform erinnerten sie daran, wie voll die Welt von Idioten war. Doch da draußen, erinnerte sie sich, gab es einen, mit dem hätte es klappen können. Tja, wenn das wirklich so war, dann hat sie alles falsch gemacht.

Sie ist nett und hat bestimmt ehrliche Beweggründe gehabt, aber ich antwortete ihr nicht. Egal, wie stark ich meine Welt verbog oder sie bereits verbogen war, ihr Inhalt entzog sich meiner Logik.

photo credit: mouton.rebelle via photopin cc


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