»Nazis!«

Nazis
Was machst du, wenn du plötzlich Menschen gegenüberstehst, die dich einfach hassen und wenn sie könnten, dich krankenhausreif schlagen würden oder bei Freunden oder Bekannten von dir bereits getan haben. Und plötzlich stehst du ihnen gegenüber. Diesmal bist du ihnen zahlenmäßig überlegen. Was machst du dann?

An einem milden Sommer, als sich der Tag aufmachte, der Nacht zu weichen, saßen mein Kumpel Andreas und ich am steinernen Rand des Brunnens im Schatten des Leineweberdenkmals. Die Tauben ließen sich von uns nicht stören und kackten munter weiter. Die Hoffnung, etwas Essbares von uns abzubekommen, hatten sie nach vergeblichem Aufpicken von Spucke aufgegeben. Keiner der Tauben mochte den alkoholisierten Speichel. Jetzt beobachteten sie uns nur noch von oben herab. Als wir eintrafen, begrüßten sie uns freudig und liefen mit ihrer typisch zackigen Kopfbewegung ganz aufgeregt zwischen uns hin und her. Doch jetzt waren wir nur noch Eindringliche, die ihnen nichts mitgebracht hatten. Wir waren aber auch nicht hier, weil wir hier sein wollten.

Man hatte uns alle vom Klosterplatz vertrieben. Die Ladenbesitzer meinten, wir die Jugend würden ihrem Umsatz schaden. Also versenkten sie Metallstanden auf dem Platz, die wie Wellenbrecher angeordnet uns das Herumsitzen vermiesen sollten. Als das nicht viel veränderte, wurden ganze Bereiche umzäunt und verschlossen. Der einst so belebte Platz, der immer mehr Menschen anzog, darunter Studenten, Arbeiter, Frauen, Kinder, Renter, Nicht-Bielefelder, war überraschend ausgestorben. Bald darauf schlossen die Läden, weil sie pleitegingen.

Ich leerte mit Mühe mein erstes Bier aus. Das Conti-Bier schmeckte nicht nur extrem bitter – bei jedem Schluck verzog sich mein Gesicht, sondern war auch pisswarm. Wie kann jemand das abends zum Essen trinken! Das werde ich niemals verstehen. Ich trank kräftige Schlucke. Das Bier sollte schnell wirken und zwei weitere warteten auch noch auf mich.

Dann fiel dieser Schrei.

Plötzlich schossen alle wie aufgescheuchte Tauben hoch. Die Wirkung meines Bieres verpuffte sofort. Ich war hellwach. Mein Puls schnellte hoch und knallte an meine Schläfen. War ich bereit zum Kampf oder zur Flucht? Ich konnte es nicht entscheiden. Sah nur diese Masse an Menschen, die alle in die gleiche Richtung liefen – in Richtung zweier Jugendlicher. Wir waren überraschend viele. Wir waren Ausländer. Die beiden hatten das auch nicht bemerkt.

Zwei hagere Jugendliche standen eng beieinander und überragten um Kopflängen die Menge vor sich, die sie u-förmig umzingelt hatte. Ach du Scheiße, dachte ich. Gleich gibt es ein Blutbad! Ich muss eingreifen! Ich zwängte mich durch die Menge nach vorne. Jetzt sah ich die beiden genau. Sie trugen schwarze Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, in die sie ihre blau-weiß verwaschene Jeans gesteckt hatten. Es erinnerte mich an Hochwasserhosen, die sie vor dem Nass retten sollten. Aus ihren grünen, aufgeblähten Bomberjacken ragten zwei helle Glatzköpfe heraus. Bomberjacken im Sommer! Ich schüttelte den Kopf. Witzfiguren! Nur, mir war alles andere als zum Lachen zumute. Ich hatte Angst. Nicht vor ihnen. Wie konnten sie nur durch eine Horde Ausländer laufen? Ich schüttelte wieder den Kopf, während die beiden Blut und Wasser vor mir schwitzten. Nicht wegen mir.

Genau vor ihnen stand Marco. Sein Kopf war leicht nach vorne gesenkt, als sei er ein Stier, das sein Opfer mit den Hörnern anvisiert hatte. Mit seinem furchteinflößenden Blick schaute er sie an. Er trug ein schwarzes, kurzärmeliges Hemd, aus denen seine muskulösen und behaarten Arme herausragten. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Sein Trizeps schwoll zu beeindruckender Größe an und schien, sein Hemdsärmel in Fetzen zu reißen. Nein, er hatte keine Furcht. Er hätte es ganz alleine mit den beiden aufgenommen.

Er sagte nichts. Stand nur da. Atmete ruhig. Es herrschte Stille. Wir alle beobachteten ihn gespannt. Warteten, was als nächstes passieren würde. Warteten auf den Moment, wo er auf beide losstürmen würde und sie niederboxen.

Doch er blieb zu unserer Überraschung regungslos. Starrte beide weiter an. Die beiden schauten verängstigt auf den Boden, kurz wieder hoch zu ihm und dann sofort wieder runter. Allmählich wurde die Menge ungeduldig. Einige begannen, »Scheiß Nazis« oder »Haut in ihre doofen Fressen!« zu rufen. Als dann immer noch nichts passierte, wurden die Stimmen lauter, und die ersten begannen im Schutz der hinteren Reihen, die Personen vor ihnen nach vorne zu schubsen. Sie wollten die anderen anstacheln. Doch die Reihe direkt hinter Marco hielt respektvoll Abstand zu ihm. Die beiden blickten jetzt verängstigt in die Menge und dann wieder zu Marco.

»Was«, sagte Marco und nicht nur die beiden zuckten zusammen.
»Was«, wiederholte er, »habt ihr gegen uns!«
»Wir haben euch nichts getan.«

Es wurde ganz still. Marco und nicht die beiden hatten diese Worte gesagt. Diese Worte, die er an die beiden richtete, trafen uns alle unerwartet und gingen uns unter die Haut. Jeder wusste sofort, was er wissen wollte und warum er gefragt hatte. Als Kinder spielten wir zusammen. Irgendwann gingen wir verschiedene Wege. Irgendwann wurden wir gehasst. Für etwas, was wir nicht verstanden. Für etwas, das wir nicht wussten. Für etwas, dass wir vielleicht nicht getan hatten. Für etwas, für das wir vielleicht nichts konnten. Und plötzlich verstanden wir die Welt nicht mehr. Irgendjemand musste das doch erklären können? Vor allem jemand, der diesen Hass empfand? Wir fühlten uns ausgestoßen und als Opfer, das in die Enge trieben wurde und sich verteidigte. Im Grunde wollten wir nur verstehen. Marco hatte uns alle verblüfft. Jetzt warteten wir gespannt auf die Antwort.

Die beiden schauten entsetzt und ratlos. Damit hatten sie nicht gerechnet. »Ähm.« Sein Mund stand offen. »Ähm«, wiederholte er. »Wir äh haben äh nichts gegen euch.« Mit weit geöffneten Augen schaute er uns an. Schüttelte seinen Kopf, um dem Gesagten etwas Glaubwürdigkeit zu verleihen. Er zitterte. Er erinnerte mich an einen Menschen, der vergessen hatte, warum er etwas gegen einen anderen Menschen hatte, jedoch sich noch immer daran erinnerte, dass er es tat.

Der andere schaute ihn hoffnungsvoll an. Er schien zu glauben, dass die richtigen Worte sie aus dieser Lage retten würden. Er holte tief Luft und sprach weiter.

»Wir sind…« Er versuchte, das Wort »Stolz« zu vermeiden. Doch das war unnötig, denn wir wussten es bereits. »Wir lieben Deutschland.«

»Und warum seid ihr dann gegen uns?«

»Sind wir nicht. Wir wollen nur unser Leben leben und unsere Traditionen wahren.« Er klang jetzt selbstbewusster.

»Aha«, sagte Marco, »wir halten euch davon ab?« Sein Blick wich keine Sekunde von ihm. Allen war klar, dass beide in dieser Situation niemals ihre wahren Gründe nennen würden. Daher fuhr Marco fort. »Dann macht ihr also keinen Urlaub in Italien oder Türkei?«Er wackelte mit seinem Kopf. »Und Döner oder Pizza«, er presste seine Lippen aufeinander, wackelte wieder mit dem Kopf, »esst ihr auch nicht?« Jetzt stand er mit geöffneten Händen vor ihnen. Seine Handflächen zeigten zum Himmel.

Wieder öffnete sich sein Mund. Die Unterlippe begann leicht zu zittern. »Wir machen nur Urlaub in Deutschland und essen selbst angebaute Kartoffeln.«

Plötzlich passierte wieder etwas Unerwartetes. Wir brachen in lautes Gelächter aus. Die Tauben wurden aufgescheucht und beschwerten sich. Wir konnten kaum glauben, was er sagte. Den Schwachsinn nahmen wir ihm natürlich nicht ab, aber als er das Wort »Kartoffeln« erwähnte, konnten wir nicht anders. »Kartoffel« oder »Kartoffelfresser« – so nannten wir die Deutschen, wenn wir uns über sie lustig machten. Wie konnten wir diese beiden Witzfiguren ernst nehmen?

»Verpisst euch!« Marco machte eine verächtliche Wegwerfgeste und wendete seinen Blick ab.

Sie standen ungläubig da. Rührten sich nicht.

»Los, haut ab!«

Zuerst gingen sie etwas zaghaft. Dann wurden ihre Schritte schneller. Sie gingen an mir vorbei.

Marco besaß Größe. Größe, von dem diese beiden nichts verstanden. Vermutlich meinten sie, sie hätten jetzt noch mehr Gründe gegen Ausländer.

»Wartet«, rief ich beiden nach.

Sie hielten. Blickten ängstlich zu mir herüber.

»Ihr wisst«, sagte ich, »dass, wenn es umgekehrt wäre, ihr also in der Überzahl, dann wäre es ganz anders verlaufen.« Beide nickten mir zeitgleich zu. Was hätten sie anderes tun sollen. Das war mir aber egal. Ich ging zu den anderen. Sie schritten zügigen davon. Vielleicht hatten sie etwas dazugelernt. Vielleicht nicht heute. Vielleicht irgendwann in der Zukunft.

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