Ein Geschenk an die Mutter

Als wir Kinder waren, achteten unsere Eltern genau darauf, dass wir die richtigen Freunde hatten. Die Falschen würden einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Raul hatte nicht die falschen Freunde – er war der falsche Freund. In der Unterstufe bezeichnete ihn seine Lehrerin als »böses Kind«, während sie ihn aus dem Gymnasium schmissen.

Als das Wort »Schwul« den Mund eines Mitschülers verließ, machte sich dessen Schneidezahn auf denselben Weg nach draußen. So leicht ihm das eine Wort fiel, so schwer folgte ihm sein Zahn. Dabei hatte er doch nur das gesagt, was auch sein Vater immer wieder sagte: wer »Raul« heiße, der sei auch schwul oder werde es irgendwann. Weder er noch sein Vater mussten sich dafür rechtfertigen.

Raul fand Zuflucht auf der Kuhlo-Realschule. Dort sammelte er weiter fleißig Rügen, Tadel und Fehlstunden wie andere Trophäen. Als Belohnung durfte er die Schulklasse wiederholen. Schnell machte er sich einen Namen weit über die Schulhofsgrenzen hinaus und weckte unser Interesse. Ein Schulfreund wohnte im selben Hochhaus, einem 15-stöckigen Monument des Hässlichen. Also trafen wir uns alle mal dort.

Und plötzlich stand Raul uns gegenüber. Ich war ein wenig enttäuscht. Er wirkte kein bisschen böse. Er war klein, milchbubig und mit seinen 14 Jahren wirkte er wie ein 10-Jähriger. Von wegen, er hätte Nutten gebumst. Der hatte doch nicht mal Schamhaare! Aber fluchen konnte er wie ein Erwachsener. Seine Streiche faszinierten uns und brachten uns immer zum Lachen. Ich fand ihn sehr talentiert. Auch heute glaube ich, dass niemand sein wahres Potenzial erkannt hatte. Stattdessen wurde er bestraft. Er genoss diese Momente der Aufmerksamkeit und unsere bewundernden Blicke. Von den Erwachsenen traute ihm niemand etwas Gutes zu. Er jedoch wusste, worin er wirklich gut war: seine Streiche. Damit zeigte er es den Erwachsenen!

»Kommt mit«, sagte er einmal und führte uns zu einem Einkaufsladen. Dann blieb er stehen und drehte sich zu uns. »Passt mal auf«, sagte er, und wir warteten gespannt auf das, was er vorhatte. »Ihr folgt mir unauffällig«.

Wir folgten ihm in sicherem Abstand in den Laden. Mir war mulmig zumute. Auch wenn ich nichts tat, hatte ich Herzklopfen.

Er ging direkt auf ein Regal mit Flaschen zu. Ich kannte die Getränke nicht und musste zuerst die Beschriftung lesen. Es war Alkohol. Er blieb eine Sekunde davor stehen. Blickte nach links, nach rechts, dann nach oben und nach unten. Griff dann nach der größten Flasche und wäre was hingefallen, weil die Flasche schwerer als erwartet war. Der dunkle Deckel bildete einen Kontrast zu der klaren und rein wirkenden Flüssigkeit im Inneren. Auf der Flasche klebte ein blaues Etikett mit silberner Umrandung. Ich glaube, es war Wodka. Wir schauten uns gegenseitig an. Unsere Blicke drückten das gleiche aus: was will er damit? Er wollte sie doch nicht klauen? Nein, er plante etwas noch viel überraschenderes.

Beim Gehen neigte er etwas nach rechts. Die Flasche wirkte zu groß für ihn. Trotzdem steuerte er zielsicher die Kasse an.

»Alta, was macht er da«, sagte der eine.
»Traut er sich nicht«, sagte ein anderer.

Ungläubig verfolgten wir jeden seiner Schritte. Ich konnte nicht hinsehen. Wegsehen wollte ich erst recht nicht.

Er hievte die Flasche auf das Kassenband. Plumps. Die Kassiererin warf ihm einen strengen Blick zu. Er setzte sein unschuldigstes Lächeln auf. Was für eine Verwandlung!

»Entschuldigung Fräulein«, sagte er mit einer zuckersüßen Kinderstimme, »haben Sie auch Geschenkpapier?« Seine Augen wurden groß, und sein Gesicht nahm einen verängstigen Ausdruck an.
»Meine Mutter«, sagte er mit fast weinerlicher Stimme, »liegt sehr krank im Bett.« Er senkte seinen Blick. »Sie hat heute«, fuhr er fort und blickte wieder auf, »Geburtstag. Ich möchte ihr eine kleine Freude machen.« Seine Unterlippe schien zu zittern.

Da plötzlich schmolz das Strenge aus dem Gesicht der Frau dahin. Sie kniff ihre Augen leicht zusammen und lächelte zärtlich.

»Da wird sich deine Mami aber sehr freuen«, sagte sie mit dieser unverkennbar albernen Stimme, die Erwachsene benutzten, wenn sie mit einem Kind sprachen. Der Klang ihrer Worte versetzte sie selbst in noch mehr Rührung. Am liebsten hätte sie ihn sofort gedrückt und ihm in die Wangen gekniffen. Aber die Frage, welcher Mutter ein Kind ein hartes, alkoholisches Getränk schenkte, stellte sie sich nicht. Als ihr Mutterherz aufging, war kein Platz mehr für vernünftige Gedanken.

»Da hinten kannst du es als Geschenk einpacken.«
Sie lächelte. Er bezahlte.
»Hier hast du noch die Quittung.«
»Behalt die.«

Sie schaute ihm liebevoll nach, wie er holprig mit so einem großen Geschenk an der Hand zur Verpackungsecke ging. Ach, seufzte sie in sich hinein, hoffentlich werden meine Kinder eines Tages auch so lieb sein.

Raul setzte die Flasche mit Schwung auf der Fläche ab. Plumps. Schaute zur Kassiererin. Winkte ihr mit einem Lächeln zu und musterte dann die Geschenkpapiere. Er griff nach einer Rolle, zog das Papier heraus und schüttelte den Kopf, als würde er eine schwere Entscheidung treffen müssen. Dann schaute er wieder zu der Kassiererin, als bräuchte er ihren Rat. Sie nickte ihm freudig zu. Er schien es sich anders überlegt zu haben, denn er ließ das Papier los. Griff zur Flasche, schraubte den Deckel ab und hob die Flasche an, um zum Trinken anzusetzen. Gluck, gluck, gluck, gluck, gluck. Ich traute meinen Augen nicht. Er trank und trank, als wäre es Wasser und er kurz vor dem Verdursten!

Endlich setzte er die riesige Flasche ab. Trocknete seinen Mund an seinem Ärmel und beschenkte die Kassiererin mit seinem breitesten und schönsten Lächeln. Doch sie hatte keinen Blick mehr dafür, auch wenn ein Gesicht sich nicht noch mehr hätte öffnen könne. Mit unnatürlich weit aufgerissenen Augen und Mund schien ihr Gesicht dem Bild auf ihrer Netzhaut zurückweichen zu wollen. Doch ihr starrer Hals verhinderte die Flucht und presste ein ausladendes Doppelkinn heraus. Gleichzeitig schoss ein kräftiges Rot in ihre Wangen, in ihre Stirn und um ihre Nase. Sie wendete sich abrupt ab. Sie hätte aufstehen und ihm beherzt die Flasche wegnehmen können. Dazu schämte sie sich wohl zu sehr.

»Kommt mit«, rief er uns zu. Und wir liefen gemeinsam hinaus und versteckten uns hinter einem Haus. Er reichte die Flasche herum. Jeder verzog angeekelt sein Gesicht bevor er aus der Flasche trank. Keiner wollte Schwäche zeigen. »Bäh«, sagte der eine und spuckte fast alles wieder aus. Dann war ich dran.

Ich schaute die Flasche mit gewisser Neugier und leichtem Abscheu an. Ich hielt nichts von Alkohol. Die Jahre, in denen ich die Wirkungen des Alkohols zu schätzen begann, lagen noch vor mir. Jetzt dachte ich nur: da hängt Sabber der anderen! Langsam bewegte ich die Flasche in Richtung Mund. Plötzlich drang ein beißender Geruch in meine Nase und zersetzte jeden Gedanken an die Sabber. »Igitt«, rief ich, drehte meinen Kopf weg und stieß die Flasche von mir. Das Zeug trinke ich niemals!

»Na los, trink schon!«
»Ja, wir haben das alle gemacht.«
»Na los, sei kein Feigling!«

Dann schubste mich Raul und begann, mich zu beschimpfen. Ich überlegte einen Moment, ob ich ihm nicht dafür eine Knallen sollte. Ich beschloss zu gehen. Er war die Sache nicht wert. Mit Menschen wie ihm wollte ich nichts zu tun haben.

Letztens erfuhr ich etwas über ihn. Ich traf einen ehemaligen Schulfreund im real,-. Dem war Raul kürzlich auch im real,- über den Weg gelaufen. Raul hatte ihn wiedererkannt. Umgekehrt wäre das nicht passiert, meinte er. Denn Raul sah aus wie ein 60-Jähriger in Frührente. Dabei war er Anfang 40. Er wirke aufgedunsen und unnatürlich gelb. Auf seinem Gesicht seien rote Flecken gewesen. Haare hätte er auch kaum gehabt, und diese wenigen seien sehr fettig gewesen. Seine Kleider wiesen Flecken auf, die er nicht genauer analysieren wollte. Als Raul ihn ansprach konnte er sehen, dass ihm die Hälfte seiner Zähne fehlten. Die andere Hälfte sei wegen der dunklen Färbung kaum erkennbar.

»Was macht er denn jetzt?«
»Ich glaub, er ist arbeitslos.«
Er dachte nach.
Wir schwiegen eine Weile.

»Er hatte Wodka dabei«, sagte er. Wir lachten. Es war ein gezwungenes Lachen. Eine Mischung aus Mitleid, Betroffenheit, vielleicht mit etwas Schuldgefühlen, aber auch der Freude, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten. Ja, es dauerte Jahre, bis wir Kinder verstanden, was unsere Eltern sagten und warum sie das taten. Du muss ein halbes Leben warten, um das zu begreifen. Bis dahin darfst du keine allzu gravierenden Fehler machen, denn irgendwann kannst du nicht mehr zurück.

photo credit: mugley via photopin cc


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