45 Minuten Sex oder der Rollentausch



»45 Minuten.« Sie schaute auf die Uhr, drehte sich dann zu mir: »Nicht schlecht!«

Ich blickte zur Uhr. Ich hatte sie zuvor nicht wahrgenommen. Tick. Ein silberner Wecker mit großen Glocken. Tick. Etwas für Nostalgiker oder Langschläfer. Tick. Bei der Bewegungsarmut musste sie eine Langschläferin sein! Tick, tick. Dieses Ticken begann mich zu nerven!

Die Zeit sollte die geringste Rolle spielen. Jedes Gefühl für Raum und Zeit sollte sich auflösen und unsere gemeinsamen Körper in einer ungreifbaren Dimension verschmelzen lassen. Wozu habe ich mich denn sonst hier oben abgerackert und angestrengt zurückgehalten!

Tick.

Schweiß tropfte mir von der Stirn herunter bis zu meinem Kinn und wagte sich nicht weiter. Gedanken hätten durch meinen Kopf jagen müssen. Ich aber hatte bereits alles verschossen. Fühlte mich kraftlos, benebelt und entleert. Ich fühlte mich, als wäre ich eben einen Marathon gelaufen und erwartete an der Ziellinie eine begeisterte Menschenmasse, die mir zujubelte, mich feierte. Sie jedoch reagierte, als hätten wir einen gemütlichen Spaziergang an einem Sonntagabend gemacht. Mein Gesicht versuchte Variationen aus Verwirrung, Verärgerung und Fassungslosigkeit auszudrücken, bekam nur das mit dem offenen Mund und der Sprachlosigkeit hin. Doch allmählich keimte dort etwas heran, was unkontrolliert hinausgeschossen werden musste.

»Bist du nicht gekommen!«

»Nö«, sagte Corinna in lockerem Ton, als hätte ich sie eben nach einer Tasse Kaffee gefragt.

Tick.

Während die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge auf den sauberen Holzboden fielen, wollte noch immer kein klarer Gedanke in mein Bewusstsein dringen. Hatte sie überhaupt Spaß gehabt?

Ich erinnerte mich an eine Episode aus dem Skiurlaub eines Schulfreundes. Er erzählte mir stolz, wie er dank des Alkohols die ganze Nacht die Engländerin hätte rammeln können. Sie kam ihm jedoch immer wieder mit der doofen Frage »does it come?« dazwischen und schmälerte seine Leistung. Natürlich kam er nicht, denn er konnte so lange er wollte. Der Alkohol hatte nicht nur sein Gehirn, sondern auch Körperteile betäubt. Als sie merkte, dass er diese Nacht nicht aufhören würde und sie keine Lust hatte, wundgescheuert zu werden, stieß sie ihn von sich. Ich erinnere mich an unsere beiden verwunderten Gesichter von damals. Wir verstanden nicht, warum sie daran keinen Spaß gehabt hatte. Ärgerten sich nicht die Frauen über uns Männer, weil wir zu schnell kamen? Sie wollten doch Männer mit Steherqualitäten? Dann war es doch nur eine Frage der Zeit, bis sie kamen. Keine Ahnung, woher wir dieses Wissen herhatten – vielleicht eine unglückliche Vermischung aus Pornofilmstreifen und Bravotexten.

Tick.

Verdammt, was man als Mann auch machte, es war immer falsch! Auf alle Fälle war ich nicht besoffen! Ich dachte nach. Corinna hatte doch immer wieder gestöhnt! Sie sah auch nicht aus, als hätte sie unter mir gelitten. Ich erinnerte mich, wie sie immer wieder etwas wie »ist das geil« ausrief. Mein Gesicht hellte sich etwas auf. Doch dann fiel mir etwas ein. Hatte sie nicht mittendrin ein paar Mal auf die Uhr geschaut?

»Du hast doch immer wieder gesagt, wie geil du das findest!«
»Ja«, sagte sie, »ich hab gemerkt, das spornt die Männer an. Dann legen sie sich richtig ins Zeug.«

Du kleines, dreckiges Miststück! Ich war kurz davor, ihr schlimme Worte ins Gesicht zu schleudern. Konnte mich aber zurückhalten. Doch so einfach wollte ich sie nicht davonkommen lassen. Was konnte ich tun? Genau! Ich bringe sie bis kurz vor dem Orgasmus und höre dann auf. Nein, noch besser: ich stehe auf und gehe dann einfach! Ha! Ich grinste. Doch da schaute jemand schelmisch zu mir herüber. Ein kleines, pelziges Etwas: ihr Teddybär. Ich blickte ihm direkt in seine braunen Knopfaugen. Was hatte der wohl alles hier kommen und gehen sehen? Dieses unschuldige Lächeln des körperbehaarten Teddys nervte mich. Denn mein teuflischer Plan hatte einen Schönheitsfehler – ich hatte keinen blassen Schimmer davon, wie ich sie überhaupt in die Nähe eines Höhepunkts hätte bringen können!

Tick.

Sie musterte mich mit ihren blauen Augen an und muss gefolgert haben, wie unpassend ihre Antwort war. »Auch wenn ich nicht gekommen bin, ich fand es sehr schön. Es lag nicht an dir. Es war halt nur etwas lang.« Sie streichelte mir zärtlich über die Wange, während sie mir tief in die Augen schaute.

»Warum hast du denn nichts gesagt«, fragte ich mit besänftigter Stimme nach.
»Ich dachte immer, du bist gleich fertig.«

Das klang logisch und schmeichelte meinem Ego. Kein Mann zuvor war so ausdauernd wie ich gewesen, daher konnte ich ihr das nicht verübeln. Jetzt hatte sie es halt mit einem richtigen Mann zu tun! Ich war noch jung und so überzeugt von mir, dass ich milde mit den Fehlern der anderen umging, sofern sie mich besser darstellten. Daher konnte es nicht an mir, sondern nur an ihr liegen, dass sie nicht gekommen war! Daher war meine erste richtige und wichtige Frage: »Kommst du überhaupt?«

»Ja«, sagte sie ohne einen Moment zu zögern. Sie schaute mich gespannt an.

Cool, dachte ich mir. Oder vielleicht doch nicht? Lag es doch an mir? Ach, quatsch! Daher folgte meine zweite wichtige Frage. »Auch beim Sex?«

»Ja.« Ein winziges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

Oh, jetzt musste ich scharf nachdenken. Ich war: gut, ausdauernd, abwechslungsreich, manchmal verspielt, ein bisschen überraschend, zärtlich, ein großartiger Küsser, einfühlsam, sensibel – genau, sensibel! Aber nicht zu sensibel, wie jene, die ins Frauenversteher-Milieu abglitten und lebenslang auf die platonische Insel verbannt wurden. Ich war auch nicht egoistisch. Ich achtete auf ihre Körpersignale und alles, was so dazugehörte. Dass eine Frau einem Mann etwas vortäuscht, das kam mir nicht in den Sinn. Ja, anderen Männern passierte das schon, aber mir nicht, denn wie gesagt: ich war ja sensibel und so.

Der Teddy schaute mich immer noch mit seinem Dauergrinsen an. Am liebsten hätte ich ihm gezeigt, wie sensibel ich war.

Tick.

So kam ich nicht weiter. Dann tat ich das, was ich immer tat, wenn ich nicht weiter wusste: fragen! Ich glaube, dass genau diese eine Eigenschaft mich von anderen unterschied: das Verstehen dessen, was ich nicht verstand und das Stellen der daraus resultierenden Frage. Wer fragt, der bekommt Antwort. Fragen kann man auf verschiedene weisen formulieren. Ich wählte die verbindende Form.

Ich schaute ihr in die Augen. Sie blickte mich mit leicht geöffneten Lippen erwartungsfroh an.

»Wie können wir das gemeinsam hinbekommen?«

»Ich weiß nicht.« Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Sie blickte weg. »Wir kennen uns noch nicht so gut.« Das war untertrieben. Ich hatte sie eben in der Disco kennengelernt. Sie wollte mich nach Hause fahren. Und plötzlich landeten wir bei ihr, denn überraschenderweise lag ihre Wohnung auf dem Umweg zu mir. Von da an ging alles sehr schnell – naja, bis auf diese eine Sache mit den 45 Minuten. Daher überraschte es mich. Warum war ihr das unangenehm? Sie hatte hoffentlich keine perversen Vorlieben!

»Ok, du brauchst jetzt aber nicht die Peitsche?!«

Sie lachte und versuchte mich, von sich zu schubsen, was so viel wie »nein, du Dummkopf« lauten sollte. Ich griff ihre Arme und drückte sie nach oben gegen das Kissen. Sie versuchte, sich daraus zu befreien, doch konnte sie nur ihren Kopf etwas anheben. Dann nahm sie mich mit ihren Beinen in die Zange. Ich zog ihre Arme hinter ihrem Kopf zusammen und umarmte sie. Langsam näherte ich mich ihr und küsste sie sanft. Ihr Körper und ihre Muskeln entspannten sich. Ich ließ ihre Arme los, die sich um meinen Hals legten und meinen Hinterkopf streichelten. Langsam glitt ich mit meinem Mund zu ihrem Ohr und flüsterte ihr etwas zu.

Tick. Nur die Uhr war zu hören.
Tick. Aber niemand hörte ihr zu.

Corinna nahm meine rechte Hand, drehte sich um und vergrub sie unter sich. Dann begann sie sich unter mir zu bewegen. Erst langsam und dann immer heftiger. Sie begann zu stöhnen. Ich spürte die Hitze ihres Körpers, dessen Bewegungen immer härter und schneller wurden und stark gegen meine Hand arbeiteten, die schnell, zwischen Taubheitsgefühl und Krampf taumelte. Während wir miteinander schliefen und ich bewegungslos dastand und nicht wusste, was ich tun sollte und mich immer wieder »oh Gott« rufen hörte, um keinen Krampf in der Hand, am Arm oder an meinen Fingern zu bekommen, zuckte sie plötzlich und stieß einen lauten Schrei aus. Plötzlich fiel ihre ganze Anspannung von ihrem Körper ab.

Tick.
Tick.
Tick.

Ich schaute vorsichtig zum Wecker. Kniff meine Augen zusammen, da mich die Sonne blendete und ich das Ziffernblatt nicht erkennen konnte. Das waren keine zwei Minuten! Hatte sich der große Zeiger überhaupt bewegt?

»Das ging aber schnell.« Ich war so verblüfft, dass ich es ungewollt laut aussprach.

»Ja, ich bin fertig«, sagte sie mit einem breiten Grinsen und mit hochroten Wangen. Ihre Augen leuchteten.

Sie hatte sich wieder zu mir gedreht und fühlte sich richtig heiß an. Sie verströmte einen warmen Duft. Lecker! Meine Hand begann zu kribbeln. Jetzt wollte ich wieder loslegen. Und plötzlich hatte sie keine Lust mehr.

»Was ist jetzt mit mir?« Hörte ich mich noch sagen. Noch so ein Frauensatz! Hatten wir hier die Rollen vertauscht oder was war gerade passiert. Ich schaute nicht zum Teddy.

»Lass uns kuscheln«, sagte sie. »Ich brauche eine Pause.«

Endlich hörte ich einen Frauensatz aus ihrem Mund. Ich legte mich zur ihr und meinen Arm um sie. Während sie sich an mich kuschelte, stieß ich mit dem Arm den Teddy weg. Sie hob kurz ihren Kopf und schaute mich belustigt an.
»Du bist kein Kind«, sagte ich. Sie lächelte und senkte ihren Kopf auf meine Brust. Vielleicht, dachte ich nach, schenke ich ihr irgendwann mal einen.

Ich schaute zum Fenster. Die warmen Sonnenstrahlen durchfluteten jetzt das Zimmer. Ich erkannte etwas.

»Du«, sagte ich.
»Ja?«
»Klappt das immer so schnell?«
»Wenn ich in Stimmung bin, ja. Wenn nicht, dann geht goaaar nüchtsch.«
»Wirklich?«
»Yepp.«

Und so begann die Geschichte

photo credit: Aleksandr Slyadnev via photopin cc

15 Gedanken zu “45 Minuten Sex oder der Rollentausch

Reposts

  • Call me Manon
  • Hakan von C

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.