»Dann wandern die Millionäre aus!«



Plötzlich wurde es still am Tisch. Mr. Jimmy schaute uns drei mit großen Augen an. Seine Zeigefinger und Daumen bildeten ein Warndreieck um seinen Ausruf.

Es war einmal das Märchen vom scheuen Millionär oder besser: vom scheuen Kapital, das nahezu unkritisch in der Medienlandschaft und im kahlen Blätterwald umherirrte. Da stand es nun mit gespitzten Ohren und dunklen Kulleraugen. Wie lieb es schaute! Regungslos vor Angst. Aber bereit, jeden Moment zu flüchten. Es fühlte, da draußen existierte eine permanente Bedrohung. Wir lagen auf der Lauer und wollten an sein Fell, damit es uns besser ging. Wie egoistisch von uns!

Ich wollte schon verbal losfeuern, als mir plötzlich etwas einfiel.

Behutsam beugte ich mich vor und schaute ihm ruhig in die Augen.
»Nenn mir bitte einen Millionär, der bei einer Vermögenssteuer aus Deutschland auswandern würde.«

Dann herrschte Schweigen. Alle dachten angestrengt nach. Nur die Augen wanderten unstet und suchten nach Gesichtern. Ich selbst kannte privat keinen Millionär. Stimmte es also, dass sie scheu waren? Aus ihren regungslosen Gesichtern las ich ähnliche Gedanken. Nur im Hintergrund knisterte unruhig das Feuer im gläsernen Kamin. Heute war Männerabend!

Wir saßen im oberen Stockwerk des Vapianos in Bielefeld. In einem Restaurant, in dem man sich selbst bedienen und mit einem Alutablett in einer Warteschlange stehen musste. Das kannte ich noch aus meiner Studienzeit. Wie sich die Zeiten doch änderten. Früher, da sprachen wir fast nur über Frauen. Jetzt saßen wir zusammen bei heißer Pizza und leckerem Salat. Alles frisch und gesund.

»Michael Schumacher!« Es klang fast wie ein Triumph, doch dann folgte prompt ein »Nein, doch nicht. Der wohnt ja schon längst nicht mehr in Deutschland.«

Wieder angestrengtes Nachdenken. Jetzt ging jeder seine eigene Promi-Liste im Kopf durch.

»Boris Becker!« Und wieder flackerte etwas wie Freude auf, um wieder abrupt durch ein »Nein« abgewürgt zu werden. Boris Becker hatte zwar seinen Wohnsitz ins Ausland verlagert, aber da gab es doch eine Verurteilung, weil er dennoch in Deutschland lebte.

Keinem von uns wollte jemand einfallen. Tatsächlich gab es aber ein aktuelles prominentes Beispiel – Gérard Depardieu, der russischer Staatsbürger wurde.

»Es gibt bestimmt Menschen, die eine Verlagerung ihres Wohnsitzes bei höheren Steuern in Erwägung ziehen«, sagte ich und versuchte, so sachlich wie möglich zu klingen. »Meiner Ansicht nach sind bereits alle ausgewandert, die konnten oder wollten. Das wird sich nicht mit den Steuern in Deutschland ändern.«

»Ja, stimmt«, sagte Mr. Jimmy. »Die meisten können auch nicht einfach weg und ihren Wohnsitz verlagern. Sie haben ja hier ihre Jobs.«

Simple Fragen sind manchmal überzeugender als jedes Argument…

photo credit: JD Hancock via photopin cc

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