Die Statistik und der Selbstmord

Die Statistik und der Selbstmord„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ lauten die meisten Reaktionen auf Statistik. Ehrlich, ich finde diesen Ausspruch extrem dämlich. Denn die meisten Menschen haben nichts mehr als diesen Spruch zur Statistik zu bieten. Sie wissen einfach nichts darüber und kokettieren mit ihrem Unwissen, die einfach nur von Faulheit zeugt, in der sich viele einnisten und wohlfühlen. Dabei spielt die Statistik eine immense Rolle in unserem Leben. Ständig begründen Politiker, Wirtschaft und andere ihr Handeln mittels Daten, die sie präsentieren. Diese Daten sind jedoch nicht von vornherein falsch, sondern zeigen nur einen Ausschnitt, der demjenigen zugutekommt. Wählt man einen anderen Ausschnitt oder erweitert das Bild, so kann die Aussage komplett ins Umgekehrte umschlagen. Dabei kann jeder mit einfachen Mitteln den Wahrheitsgehalt einer Statistik überprüfen – mit Google[1]. Doch das erweist sich als tückisch.

Ich lass in einem Blog-Kommentar etwas über die Selbstmordrate von Männern, die höher sei als bei Frauen. Der Blog handelte vom starken Geschlecht. Damit war die Intention der Kommentatorin klar: sie wollte das starke Geschlecht schwach aussehen lassen. In ihrem Kommentar schrieb sie:

„…und warum fuehren die starken maenner dann (tragischerweise) die selbstmordstatistiken an?
[was im uebrigen statistisch nachweisbar ist. (unser freund google weiss bescheid;-))]“

Neigen Frauen nicht häufiger zu Depressionen und was soll dieser „Geschlechterkampf“? Beide Gedanken schießen mir nahezu zeitgleich durch den Kopf. Das, was sie hier schreibt, ist vielleicht korrekt. Es stört mich aber. Die verkürzte Darstellung, der Verweis auf die Statistik, um dem eigenen Kommentar Nachdruck zu verleihen – da schwingt noch etwas mit, etwas Triumphierendes, Überlegenes und Unwiderlegbares. Das alles klingt für mich abwertend, verächtlich und dient vermutlich der Stützung ihrer eigenen Position. Die Frage nach dem Warum, die sie hier aufwirft, um dessen Antwort kümmert sie sich selbst herzlich wenig. Sie bleibt dem Leser diese Antwort schuldig!

Ihr Umgang mit dem Internet und dem daraus gewonnenen, vermeintlichen Wissen, machen auf mich einen leichtfertigen Eindruck, das der Schwere und Ernsthaftigkeit des Themas nicht gerecht wird. Das Internet oder Google ersetzt weder das genaue Lesen noch die eigene kritische Auseinandersetzung mit der rezipierten Information. Nicht nur das, der eigene Sachverstand muss auch kritisch hinterfragt werden, denn zwei unbekannte Gefahren lauern jedem dabei auf: Bestätigungsfehler (confirmation bias) und Publikationsbias (publication bias).

Die Google-Suche
Ich beginne meine Suche genau an dem Ort, wo sie aufgehört hatte – im Internet mit Google. Schon stehe ich vor meinem ersten Problem: was tippe ich für Schlagwörter ein? Das klingt zwar nach einer banalen Frage, die aber Auswirkungen auf das Suchergebnis haben kann und damit auf meine Folgerung.

Ich entscheide mich für die Kombination „frauen männer selbstmord“. Starte die Suche und bekomme die folgenden Treffer:

  1. Suizid – Wikipedia
    de.wikipedia.org/wiki/Suizid‎
    Die höchste Suizidrate weltweit wird aus Weißrussland gemeldet, mit 35,1 im Jahr 2003 (Männer 63,3; Frauen 10,3), die höchste Suizidrate unter Frauen aus …
  2. Psychologie : Männer führen beim Phänomen Selbstmord … – Die Welt
    www.welt.de › Wissen‎
    22.09.2007 – Wenn man sich das Verhältnis der Geschlechter betrachtet, ergibt sich ein Paradox: Männer begehen dreimal so häufig Suizid wie Frauen, …
  3. Frauen leiden häufiger an Depressionen, Männer begehen öfter …
    www.focus.de › Gesundheit › Ratgeber › Depression‎
    Es stimmt, dass Männer öfter Suizid begehen. Allerdings gibt es mehr Selbsttötungsversuche von Frauen. Da Männer aber zu drastischeren Mitteln wie …
  4. Suizid – 5 Frauen und 22 Männer nehmen sich täglich in …
    kuckucksvater.wordpress.com/…/5-frauen-und-22-manner-nehmen-sich-…‎
    10.09.2013 – In den Medien kann man heute und die letzten Tage einiges über den Suizid lesen. Doch es findet sich nicht eine Meldung, die klar aufzeigt, …
  5. Bilder zu frauen männer selbstmord

Dann vertausche ich die Worte „Männer“ und „Frauen“ und starte erneut meine Suche mit „männer frauen selbstmord“. Das Ergebnis ist nahezu identisch. Nur der Treffer Nummer 5 unterscheidet sich vom vorherigen: statt der Bilder taucht der folgende Eintrag auf:

Die Bilder von Position 5 tauchen weiter unten auf. Damit liefert Google die gleichen Ergebnisse mit anderer Reihenfolge.

Bestätigung und Zweifel
Bereits diese ersten Treffer zeigen, Männer begehen dreimal so häufig Selbstmord als Frauen. Damit dürfte doch die Kommentatorin Recht gehabt haben? Ja, aber nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wer sich die kleine Mühe macht, neben den Trefferüberschriften auch ein bisschen mehr Text zu lesen, der stolpert gleich im zweiten Treffer über das Word „Paradox“ und im Dritten über „Selbsttötungsversuche“.

Ich rufe den zweiten Treffer auf, der ein Artikel von Welt-Online ist. Hier die entscheidende Passage:

„Wenn man sich das Verhältnis der Geschlechter betrachtet, ergibt sich ein Paradox: Männer begehen dreimal so häufig Suizid wie Frauen, aber die Anzahl der weiblichen Suizidversuche liegt deutlich über den männlichen. Wissenschaftler führen dies auf die Wahl der Suizidmethoden zurück. Während Männer überwiegend „härtere“ Methoden wie Erhängen wählen, neigen Frauen zu „leichteren“ Methoden wie Vergiften – und hier ist Rettung glücklicherweise häufiger möglich.“ (Quelle [2])

Auch hier taucht das Wort „Versuch“ im Kontext mit Selbstmord wie im dritten Treffer auf. Dort werde ich auch fündig:

 „Es stimmt, dass Männer öfter Suizid begehen. Allerdings gibt es mehr Selbsttötungsversuche von Frauen. Da Männer aber zu drastischeren Mitteln wie Erschießen oder Erhängen greifen, sind ihre Suizidraten höher. Frauen dagegen nehmen häufiger Medikamente und können rechtzeitig gerettet werden.“ (Quelle [3])

Damit hat sich Aussage der Kommentatorin bewahrheitet, denn Männer führen die Selbstmordstatistik an. Aber die Anzahl der Versuche wird von Frauen angeführt! Mit dieser kleinen, sprachlichen Unterscheidung erlangt die richtige Aussage der Kommentatorin für mich eine Wendung und damit eine andere Bedeutung. In dem Kontext, in dem die Kommentatorin diese Statistik benutzt hat, verliert ihr Argument mit diesem Detail an Kraft.

So wird mit einer korrekten statistischen Aussage meinem Empfinden nur die halbe Wahrheit gesagt, und der Zuhörer/Leser komplett in die Irre geführt, denn fügt man einen weiteren Aspekt der Wahrheit hinzu, so ändert sich diese gänzlich.

Bestätigungsfehler
Warum hat die Kommentatorin das gemacht? Ich glaube nicht, dass sie das absichtlich gemacht hat. Ich vermute, sie hat genau solche Schlagzeilen, wie sie aus den Überschriften der Treffer zu entnehmen sind, in den Medien aufgeschnappt und vielleicht auch im Internet wiedergefunden. Da beide übereinstimmten, sah sie keinen Grund, weiter zu suchen. Vielleicht hat sie auch die widersprechenden Teile überlesen. Sie wurde bestätigt. Wir alle neigen zu dem Phänomen, das die Kognitionspsychologie als „Bestätigungsfehler“ bezeichnet. Wiki beschreibt es treffend wie folgt:

 „Der Begriff Bestätigungsfehler (confirmation bias) bezeichnet […] die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Unbewusst ausgeblendet werden dabei Informationen, die eigene Erwartungen widerlegen (disconfirming evidence). Die betreffende Person unterliegt dann einer Selbsttäuschung oder einem Selbstbetrug.“ (Quelle [4])

Kann ich mir sicher sein, dass mir der Bestätigungsfehler nicht unterlaufen ist und ich Recht habe? Nein, kann ich nicht. Denn ich stütze mich auf Artikel von Zeitungen, die ich über Google gefunden habe! Daraus habe ich die ausgesucht, die mich bestätigten, da ich bereits etwas im Vorfeld über das Thema zu wissen glaubte.

Weitere Verzerrungen und Fehler
Google ermittelt nicht nur über die Stichworte die relevanten Artikel, sondern wertet auch das Klickverhalten der Suchenden aus. Damit finde ich die Artikel weiter oben, die am meisten bei diesen Stichworten angeklickt wurden. Ich bekomme also nicht die richtigen Artikel, sondern die in diesem Zusammenhang meistangeschauten. Diese sind meisten die mit den auffälligsten und einfachsten Überschriften und befinden sich direkt auf der ersten Seite. Diese werden dann wiederum am meisten angeklickt. Also sollte man sich nicht nur auf den ersten Trefferseiten aufhalten, sondern auch Variationen der Suchbegriffe vornehmen.

Weiterhin lese ich nicht direkt die Studie, sondern einen Artikel, der etwas reißerischer gestaltet wird, um möglichst viele Leser anzulocken. Der Artikel benutzt dann eine einfachere Sprache und kann an entscheidenden Stellen sprachlich ungenau ausfallen. Ebenso kann der Journalist die Studie falsch interpretieren. Aus diesem Grund sollte man am besten zwei Artikel lesen, die sich im Idealfall widersprechen.

Dann bleibt noch die Auswahl der Studie. Die Journalisten wählen wie die Suchenden die Studie, die sie überraschen oder von denen sie meinen, es würde ihre Leser überraschen. Daher werden also bestimmte Studien nicht oder ganz selten in den Artikeln und somit bei Google auftauchen.

Bevor jemand einen Artikel aus einer Studie erstellen kann, muss diese Studie veröffentlich werden. Die Veröffentlichungen finden zumeist in wissenschaftlichen Zeitschriften statt, die auch online verfügbar sind. Diese Zeitschriften neigen zur Veröffentlichung bestimmter Studien, d.h. sie bevorzugen sie – auch bekannt unter dem Begriff des Publikationsbias.

Das wiederum wissen die forschenden Wissenschaftler und neigen zu bestimmten Studien.

Was kann ich tun
Damit haben wir eine lange Verkettung und möglicherweise eine Verzerrung von Wahrheit. Daher stellt das Finden von richtigen Informationen eine Herausforderung dar. Das Problem des Internets ist nicht, dass wir zu wenige Informationen haben, sondern wir haben viel zu viele. Daher erfordert es eine kritische Auseinandersetzung mit den gefundenen Inhalten. Man sollte nicht gleich beim ersten Erfolg aufhören, sondern schauen, ob man nicht etwas Gegenteiliges findet! Und vor allem nicht einfach Inhalte wiedergeben, sondern zuerst lesen, verstehen und nachvollziehen. Die Artikel, die ich gefunden hatte, ähnelten sich inhaltlich und waren plausibel. Ich fand auch keine Inhalte, die dem Gefundenen widersprachen, sonst hätte ich dort weiter angesetzt. So gesehen finde ich keine andere oder weitere Erklärung und halte mein Ergebnis für sehr wahrscheinlich.

Doch, auch wenn ich jetzt richtig liege, kann sich das in Zukunft ändern, denn die Studien, auf denen sich die Artikel beziehen, stammen aus der Vergangenheit…

photo credit: ashley rose, via photopin cc

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Links & Quellen

[1] www.google.de.
Dort habe ich zuerst mit „frauen männer selbstmord“ und anschließend „männer frauen selbstmord“.

[2] Welt-Online: 22.09.07 „Männer führen beim Phänomen Selbstmord“
URL: http://www.welt.de/wissenschaft/article1202453/Maenner-fuehren-beim-Phaenomen-Selbstmord.html, Stand 03.11.2013

[3] Fokus-Online: „Lebenskrise Frauen leiden häufiger an Depressionen, Männer begehen öfter Suizid“
URL: http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/depression/tid-16209/lebenskrise-frauen-leiden-haeufiger-an-depressionen-maenner-begehen-oefter-suizid_aid_453942.html, Stand 03.11.2013

[4] Wiki: Bestätigungsfehler
URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler, Stand 03.11.2013

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