Hirnlos

Hirnlos

Einige Momente im Leben hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Momente, die den Blick auf sich selbst verändern und damit das eigene Leben. In dem Moment, an dem es passiert, ist das einem nicht immer bewusst. In dem Moment war ich nur eins – unglaublich sauer.

Man war ich sauer! Im Rückblick erinnere ich mich kaum als hätte ich einen Blackout gehabt. Kein Alkohol war im Spiel. Nur eine Frau. Eine Frau, die zu einem dicken Schädel, Kopfschmerzen und irreparablen Schäden hätte führen können. Von alledem bekam sie natürlich nichts mit. So sind die Frauen halt. Lassen uns leiden. Alleine. Am Ende sind wir auch noch selbst schuld!

Ich war damals. Jung. Attraktiv. Gelockt. Gebräunt. Südländer. Durchtrainiert. Intellektuell scharf wie ein Messer. Um es kurz zu machen – ich war der Traum aller Frauen unter 1,70m. Manchmal auch von Frauen, die einen Kopf größer als ich waren. Warum, das verstand ich trotz meines großen Egos nicht. Dennoch, ich fand mich unwiderstehlich! Vor allem sah ich meilenweit besser als diese männliche Tucke aus, mit dem sie sich verabredet hatte. Der trug mal Cowboy-Stiefel. Das war nicht mal damals in!

Ich bewegte mich schnurstracks auf die Tür der Diskothek zu. Ich wollte einfach hinein. Abfeiern. Wollte niemanden sehen. Doch insgeheim hoffte ich sie hier anzutreffen, um sie dann vollkommen zu ignorieren. Was für ein toller Plan, dachte ich mir. Genau das ist es, was sie im Moment braucht. Deine Missachtung. Vielleicht, dachte ich weiter, sollte ich vor ihren Augen eine andere Frau ansprechen. Diese Frau müsste…

„Alta!“

Ich wurde abrupt von Giacomo unterbrochen.

„Hä?!“, fragte ich ihn etwas irritiert. Er kam von links auch mich zu. Eben noch war er neben mir her gegangen. „Wo kommst du denn her? Und wieso warst du weg?“

„Sag mal, bist du bescheuert oder lebensmüde! Ich bin außen rumgegangen!“

Ich verstand nur Bahnhof. „Wieso außen? Was redest du für einen Schwachsinn!“

Er packte mich am Arm. Drehte seinen Kopf über die Schulter und forderte mich auf, hinter mich zu blicken. Widerwillig drehte ich mich um und sah in eine Menschenmenge voller Gesichter, aus denen mich erstaunte und aggressive Augenpaare zurück starrten. Ihre Köpfe glänzten und ihre Körper waren in grünen Bomberjacken eingehüllt.

„Nazis!“, rief ich leise aus und war entsetzt. Wie ein wilder Stier war ich durch diese Menge gestampft. Mit Tunnelblick. Mitten durch die Mitte. Ohne einen Schritt auszuweichen. Ohne jemanden anzurempeln! Ich wusste nicht, wie mir das gelungen war. Ich hatte Glück. Vielleicht, dachte ich mir, waren sie so selbstsicher und fühlten sich so unantastbar, dass sie niemals damit gerechnet hatten, dass einer wie ich da durchmarschiert. Bevor die Realität ihrer Vorstellungen etwas anhaben konnte, war ich auch schon weg und wartete am Rande vor der Tür.

„Jetzt komm“, sagte Giacomo. Wir beeilten uns, in die Disco hineinzukommen, um in der Menge abzutauchen. Ein Bad in der Menge. Ich nahm mir vor, nie wieder mich so gehen zu lassen. Vor allem nicht wegen einer Frau, die es nicht verdient hatte.

photo credit: rafa2010 via photopin cc