Buch: Erich Fromm – Die Kunst des Liebens

Erich Fromm – Die Kunst des Liebens (Amazon Werbelink)

„Sevmeyin mesleğini arıyorum“, sprach mich der Mann an.

Mein Türkisch war nicht sonderlich gut, aber ich wusste sofort, welches Buch er meinte – das Buch, das eine eigenartige Anziehung auf mich ausübte und an das ich mich nicht herantraute. Ich wusste selbst nicht, warum das so war. Ich kannte nichts aus dem Buch. Ich hatte es bei Gemini in Bielefeld entdeckt. Der Titel hatte mich sofort fasziniert. An mehr kann ich mich rückblickend nicht mehr erinnern. Ich weiß nicht, ob ich es damals geahnt hatte: das Buch wird mich verändern!

Ich stand vor dem Eingang von Gemini, der größten Buchhandlung der Stadt, das leider nur ein kurzes Dasein fristete, als mich der Mann ansprach. Die Bücher erstreckten sich dort auf zwei Etagen, dessen Wände kaum sichtbar waren, weil jeder Quadratzentimeter mit Büchern bedeckt war. Meine Bücher befanden sich oben. Wann immer ich Zeit hatte, ging ich dorthin und entdeckte immer wieder neue Bücher oder bewunderte die Bekannten, die ich irgendwann zu kaufen plante.

„Komm mit hoch. Ich führ dich dahin.“ Es waren vielmehr meine Gesten statt meiner gebrochen-türkischen Worte, die er verstand. Wir fuhren die Rolltreppe hinauf. Richtete meinen Blick nach oben und genoss diesen erhabenen Moment, um dann schnell zum Buch zu eilen und es ihm in die Hand zu drücken.

„Das Buch ist aber auf Deutsch“, sagte ich ihm auf Deutsch. Ja, er könne genug Deutsch, um das Buch zu lesen und zu verstehen. Er bedankte sich und ging zur Kasse. Ich schaute ihm nach und dachte mir, wenn er das Buch lesen kann, dann kann ich das auch! Ich kaufte es sofort.

Das Buch handelt von der Liebe und der Frage, ob die Liebe eine Kunst sei, die der Autor Erich Fromm für sich mit „ja“ beantwortet. Wie jede Kunstform erfordere diese auch Fertigkeiten, die zu erlangen und zu beherrschen sind. Erich Fromm zeigt, wie jeder die Kunst des Liebens erlangen bzw. erlernen kann. Hier blieben mir zwei Gedanken in meinem Gedächtnis haften. Sinngemäß lautet der Erste:

Jeder kann es zu einer Meisterschaft bringen. Er muss viel Geduld aufbringen und üben, üben und üben, jeden Tag sehr viele Stunden lang.

Das Wort „Meisterschaft“ übte einen immensen Eindruck auf mich aus – ich wollte es auch zu einer Meisterschaft bringen! Nur worin, das wusste ich noch nicht. Aber das war nicht wichtig, denn mir wurde mit einem Mal klar, dass ich nicht als „Meister“ geboren worden sein musste, sondern in allem es zu einer Meisterschaft bringen konnte. In der Schule lernte ich nur, dass ich mit Übung in etwas gut sein könnte, aber Erich Fromm schrieb, dass ich nicht einfach nur gut, sondern ein Meister werden könnte!

Die Aussicht auf das unendlich lange Üben, auch bei dem, was mir Spaß machte, klang wie eine nicht enden wollende Qual für mich. Daher fehlte mir noch ein weiterer, wichtiger Baustein auf dem Weg zur Meisterschaft:

Man arbeitet für das, was man liebt. Man liebt das, wofür man arbeitet.

Die Worte „Liebe“ und „Arbeit“ erkor ich hier als Schlüssel zum Erfolg. Das Lieben zu lernen und dafür aktiv etwas zu tun hatte ich bisher so nicht gehört oder gedacht. Mich erstaunte sein Gedanke, dass der Weg zur Liebe aus einer mir zunächst unbekannt Richtung führen konnte – über Arbeit. Arbeit – Arbeit klang halt nach Arbeit, nach Aufwand, nach Anstrengung. Was ich hingegen gerne oder gar leidenschaftlich gemacht hatte, wo ich mich mit stundenlang freiwillig beschäftigt hatte, hätte ich nie als Arbeit bezeichnet, eher als Vergnügen oder Hobby.

Führte ich diese Gedanken für mich zusammen, kam ich zu dem Ergebnis: egal, womit ich mich beschäftige und wie gut ich etwas fand oder darin war, wenn ich mich nur damit aktiv und intensiv und ausdauernd damit beschäftigen würde, dann könnte ich es dort zu etwas bringen. Nicht nur das, irgendwann würde es mich nicht mehr nerven, sondern dauerhaft Spaß machen – von Liebe wollte ich im Moment nicht sprechen.

Ich hatte also beschlossen, ein Meister zu werden! Sei etwas bescheidener, sagte ich mir, was für einen Teenager mit meinem Ego eine immense Leistung war. Ich konnte das Prinzip ja in kleinem Stil überall anwenden. Nicht um der Beste zu sein, sondern einfach nur besser zu sein oder selbst besser zu werden. Ich dachte an all die Streber, von denen ich nichts hielt, weil ich sie nicht wirklich für intelligenter hielt. Auch hatte ich es satt, von meinen Lehrern immer auf den Naturwissenschaftler reduziert zu werden, der halt kein Talent für die Geisteswissenschaften hatte. Also nahm ich mir vor, auf diesem Gebiet mehr zu leisten. Ich sagte mir, wenn die Streber jeden Tag zwei Stunden für ein Schulfach lernen oder lesen, dann werde ich das halt drei Stunden lang tun! Ich musste nicht alles wissen, ich musste nur ein wenig mehr als sie wissen!

Als stigmatisierter Naturwissenschaftler war mir auch klar, worin ich besser werden wollte. Es waren die Geisteswissenschaften. Pädagogik, die Soziologie, Philosophie und Politik waren für mich Laberfächer, hatten nichts Greifbares. Beim Deutschunterricht hingegen hatte ich Sprachprobleme.

Das Buch kam zur richtigen Zeit. Das Gymnasium kotze mich dermaßen an, dass die Unterrichtsstunden unerträglich langweilig wurden. Ich konnte mich kaum noch auf dem Stuhl halten. Ich dachte mir, wenn ich so weitermachen würde, dann würde mich nicht nur der Unterricht nerven, sondern würde sich der Mist in meiner Freizeit fortsetzen, denn ich musste Hausaufgaben machen und dann noch für bevorstehende Klausuren lernen. Würg! Also beschloss ich, das zu ändern, denn Zeit in etwas zu investieren konnte ich nicht nur außerhalb der Schule. Ich konnte direkt in der Schule mein neues Vorhaben umsetzen. Wenn dann auch noch durch ein wenig Mehr irgendwann die Aussicht bestand, Spaß am Unterricht zu haben, dann sollte mir das Recht sein. Zumindest würde ich den Einfluss des Unterrichts auf meine freie Zeit reduzieren.

So begann ich, den Unterricht in meinen schwachen Fächern vor- und nachzubereiten. Im Unterricht hörte ich gespannt zu und wann immer der Unterricht zu langweilen zu werden drohte – was sehr häufig der Fall war, nahm ich das zuletzt Gesagte des Lehrers auf und formulierte es in eine Frage um oder fragte mich selbst, was sie oder er denn als nächstes sagen würde. Erstaunlich, der Unterricht wurde tatsächlich spannender! Durch meine aktive Teilnahme, begann der Unterricht, mehr Spaß zu machen. Ich wurde notenmäßig nicht nur besser, lernte auch die Wirkung von guten Fragen kennen. Nicht nur das – mich verblüffte, wie ich plötzlich mein Wissen aus einzelnen Fächern in anderen Fächern nutzen und anwenden konnte.

Ich wurde zwar kein Überflieger oder ein viel besserer Schüler auf dem Gymnasium, aber ich lernte, dass ich aktiv gestalten konnte. Wissen und Können waren nur eine Frage der Zeit! Bei einigen Fächern benötigte ich dank guter Vorarbeit oder Begabung weniger Zeit und bei anderen hingegen mehr Zeit. Das war der Schlüssel zur Meisterschaft. Ich war überzeugt, mit diesem Ansatz konnte ich alles schaffen. Mir fehlte nur eine konkrete Zeitangabe bzw. Dauer. Ich wusste nicht, wie viele Stunden und Jahre ich mich mit etwas beschäftigen müsste, um hier tatsächlich „Herausragendes“ zu leisten. 20 Jahre später wird mir ein anderes Buch diese Frage beantworten*.

In der Zwischenzeit begann ich, immer mehr Bücher zu lesen und entdeckte die Literatur. Weitere Werke sollten mein Denken und Leben verändern. Natürlich wirkte sich das positiv auf meine Noten aus, zwar nicht wirklich auf meine Abitursnote, aber auf mein Diplom. Ich führte das Lesen während meines Informatikstudiums fort und entdeckte eine Literaturvorlesung, die mich so umhaute, dass ich mich ernsthaft mit Literatur zu beschäftigen begann**. Die Literatur verbesserte mein Deutsch. Das wiederum führte zu einem besseren Abschneiden bei meinen mündlichen Informatikprüfungen, die ich nahezu alle mit 1,0 abschnitt. Am Ende schloss ich mein Informatikstudium mit sehr gut ab und verfehlte knapp das „summa cum laude“.

Ich begann als schlechtester Schüler im Deutschunterricht. Meine Lehrerin meinte damals, ich hätte eine 4 mit einem Minus, das das ganze Klassenzimmer ausfüllen würde. Ein Jahr später schrieb ich die beste Arbeit in der Klasse. Das gelang mir aber nur einmal. Später schaffte ich dank meiner verbesserten Sprachfähigkeiten ein tolles Diplom. Irgendwann reichte mir das Lesen nicht mehr aus, und ich fing an zu schreiben. Heute, fast 20 Jahre später, betreibe ich diesen Blog. Hätte mir vor Jahren jemand gesagt, ich würde freiwillig Bücher lesen und dann noch freiwillig selbst etwas schreiben, dann hätte ich ihr oder ihm den berühmten Vogel gezeigt!

Was ein einzelnes Buch doch alles bewirken kann…

Quellen & Links

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Erich Fromm – Die Kunst des Liebens

* Ich plane, auch über das angedeutete Buch zu schreiben.
** Über meine Entdeckung der Literaturvorlesung und damit meiner Leidenschaft für Literatur möchte in einem neuen Artikel ausführlicher schreiben.


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