Spiel mit verdeckter Herzdame

„Schreib mir, wenn du zu Hause angekommen bist!“ Sie schaute ihn freundlich dabei an.
„Nein warte!“, korrigierte sie sich. „Ich werde dann ja schlafen. Ich schreibe dir eine Nachricht, wenn ich oben bin!“ Jetzt lachte sie. Sie fand wohl ihre plötzliche Eingebung amüsant, denn sie standen beide vor ihrer Haustür. Sie musste nur die paar Treppen nach oben gehen. Dann machte sie die Haustür zu.

In diesem Moment wusste er genau – es war vorbei. In diesem Moment hatte in ihr etwas Klick gemacht und einen Schalter zu seinen Ungunsten umgelegt. Genau in diesem Moment hatte sie ihn aus ihrem Leben ausgeschlossen. Ab jetzt würde er nicht mehr an sie herankommen.

Wie konnte es plötzlich dazu kommen?

Keine Ahnung, woher er es wusste. Nur hatte er diese bescheuerte Begabung, genau das zu wissen. Er hatte niemand darum gebeten oder es gewollt. Jetzt, wo die Wahrheit an sein Bewusstsein klopfte, wollte er sie noch nicht herein lassen. Er wusste, alles, was jetzt passieren würde, sind nur noch Nachwehen, ein allmähliches „sich voneinander Verabschieden“. Jeder brauchte diese Zeit. Manchmal begann der eine ohne dass der andere das wahrnahm und wurde plötzlich überrascht.

Er musste jetzt genau darauf achten, was er sagte und tat. Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen, sich selbst ins Gesicht schauen können. Es so abschließen, dass er nicht mehr im Rückblick etwas bedauern musste. Sie sollte nicht wegen eines unbedachten Wortes in einem emotional beladenen Moment auf ihn sauer werden. Damit würde sie sich an ihm abarbeiten, ihm die ganze Schuld geben. Er wollte ihr nicht im Weg stehen. Sie sollte sich losgelöst von ihm über sie und sich selbst Gedanken machen können. Ob er das schaffen würde?

Er stand immer noch vor ihrer Haustür als ihm all diese Gedanken unkontrolliert durch den Kopf schossen. Sein Magen rebellierte und holte ihn ins Hier und Jetzt. Es fühlte sich so an, als hätte er hier eine kleine Ewigkeit gestanden. Er schaute auf seine Uhr. Eine Minute nach Mitternacht. Nur wenige Minuten hatte alles gedauert. Sein gescheiterer Annäherungsversuch eben und dann der ganze Abend mit ihr.

Eigentlich war sie gar nicht sein Typ. Zu Anfang war er selbst skeptisch, war gegenüber ihr gewissermaßen reserviert und nahm alles sehr locker. Sie hatte aber dieses Funkeln in den Augen und eine Herzlichkeit, die tief aus ihrem innersten kam. Damit hatte sie sich unmerklich in seinen Gedanken eingenistet und sein Herz erobert. Spielte ihm sein Unterbewusstsein einen Streich und gaukelte ihm vor, nur weil er ständig an sie dachte, müsse er auch viel für sie empfinden? Der Verlust kam unerwartet und riss ihn aus seiner angeblich überlegenen Position heraus, gab seinem beständigen Leben eine neue Dynamik und Dramatik.

Vor nicht einmal einer Woche war er noch der coole Typ. Hatte den Umgang mit den Damen voll im Griff. Dann kam sie. Alles lief so locker, so einfach und überraschend gut, dass er vielleicht unvorsichtig wurde, dass er sich hinreißen ließ, dass er einfach diese Spielchen beiseiteließ, die ihn so nervten.

Als er zu Hause ankam, sah er bereits ihre Nachricht. Wie erwartet, hatte sie es die Treppen hochgeschafft und war – Überraschung – unversehrt in ihrer Wohnung angekommen. Seine Antwort hatte sie also nicht abgewartet. Er antwortete ihr ebenso belanglos und sah, dass sie diese Nachricht nicht erhielt. Sie hatte also ihr Handy ausgeschaltet. Wie erwartet.

Schwermütig ging er ins Bett. Er wollte den ganzen Abend im Geiste Revue passieren lassen. Dazu war er aber nicht imstande. Er fühlte sich unendlich müde. Jeder weitere Gedanke kam ihm so schwer und unerträglich vor. War es ein Wort oder eine Geste gewesen? Was hatte er falsch gemacht? Nein, er konnte das nicht lösen, egal wie oft er darüber nachdenken würde. Das war ihm klar. Darüber nachdenken werde er die nächsten Tage genug. Das gehörte zu einer gesunden Aufarbeitung. Heute Nacht nahm er sich nur eins vor: sie zukünftig in Ruhe zu lassen, nichts mehr zu machen.

Am nächsten Tag schielte er immer wieder auf sein Handy. Der Drang, ihr zu schreiben, war schwerer als auf Schokolade zu verzichten. Dennoch schaffte er es irgendwie. Bei dem Gedanken an sie wurde er sofort traurig und verlor so jeden Antrieb.

Als er gar nicht mehr daran glaubte, traf eine Nachricht gegen Mittag ein. Mittag! Gefühlt waren für ihn Tage vergangen!

Er atmete tief durch die Nase ein. Seine Brust füllte sich mit Luft. Dann atmete er ganz langsam die Luft wieder aus. Er traute sich nicht, ihre Nachricht zu lesen. Er ahnte, ihn erwarte nichts Gutes. Dann griff er zum Handy.

„Hey, wie geht es dir? Bin wach. Gehe jetzt noch ein paar Dinge erledigen.“

Das klang doch nett! Hatte er sich etwas vorgemacht? Bestimmt. Vielleicht hat sie jetzt ja auch bessere Laune und sieht den gestrigen Abend etwas lockerer. Er seufzte und schrieb ihr gleich.

„Guten Morgen:-) Mir geht gut! Wie geht es dir denn?“

Jetzt konnte er sich in Ruhe seiner Arbeit widmen. Dann wurde es abends. Noch keine Reaktion von ihr. Die Nachricht hatte sie aber sofort nach seinem Absenden gelesen. Acht Uhr abends war es. An die acht Stunden sind seitdem vergangen!

Er schrieb ihr wieder, ganz höflich, freundlich, nicht vorwurfsvoll. Dann reagierte sie. Ihr ginge es gut, und sie fühle sich super. Sein Gefühl sagte ihm, hier stimme etwas nicht. Diese Nachrichten sind distanzierter, nicht mehr so herzlich. Er las sie sich nochmals durch. Jetzt fiel ihm auf, sie schrieb nicht über ihre Gefühle zu ihm. Sie fragte auch nach gar nichts, was ihr Interesse an ihm zeigen könnte. Nicht mal mehr, wie es ihm ginge. Daraufhin wurde er konkret. Keine Antwort.

Das ging die ganzen nächsten Tage so. Er wollte doch nur wissen, woran er war! Er traute sich nicht, hier konkret nachzufragen. Die Furcht, auch die kleinste Chance zunichte zu machen, lähmte ihn. Die Tage wurden zu Wochen. Er merkte, wie sie zwar freundlich antwortete, aber ihm immer mehr auswich. Ihm ganz spät antwortete. Sich dann entschuldigte. Nach der Antwort sofort offline ging, um jedes Gespräch zu vermeiden. Allmählich wurde ER zu einer nervigen Angelegenheit. Er bemerkte das selbst. Das verunsicherte ihn umso mehr. Daher war er nicht in der Lage, locker zu bleiben, sondern klammerte sich an jedes ihrer Worte. Das spürte sie und dann schrieb sie die für ihn befreiende Nachricht. Die Nachricht, die bei allen gleich klingt.

Sie wolle ihn nicht verletzen. Sie wolle ihm nichts vormachen. Sie sähe keine Zukunft für sie beide. Er solle dies nicht falsch verstehen. Sie wolle ihn wirklich nicht verletzten.

Einen Moment lang drückte etwas schwer gegen seine Brust. Doch dann spürte er eine Erleichterung, und eine fast euphorische Stimmung stellte sich ein. Endlich konnte er abschließen! Er schrieb ihr eine sehr freundliche Nachricht, in dem er sich für ihre Offenheit und Ehrlichkeit bedankte. Wünschte ihr alles Gute für die Zukunft. Als er die Senden-Taste drückt, lächelte er.

Mit einer Antwort rechnete er nicht mehr. Vielleicht fühlte sie sich auch erleichtert. Sie hätte sich natürlich bedanken und ihm auch alles Gute wünschen können, aber wer per Handy einem Menschen eine Absage erteilt, der legt keinen großen Wert auf diesen Menschen. In ihrer Nachricht kam kein Wort des Bedauerns oder etwas in Richtung, er sei ein besonderer Mensch, vor. Sie hatte ihn einfach aus ihrem Leben gekickt ohne ihm den Grund zu nennen. Hatte ihn Stunden, Tage, Wochen lang unnötig leiden lassen. Mittendrin ihm wieder Hoffnung gemacht. Er hatte nichts Schlimmes getan. Er wollte einfach nur ihr nahe sein. Aber jetzt war es vorbei. Endlich.

Er schüttelte nur den Kopf über diese merkwürdige Episode in seinem Leben. Er war wieder mit sich im Reinen. Wieder er selbst. Er strahlte das aus. Das spürten auch die anderen Frauen im Umgang mit ihm wieder. Sie begannen wieder mit ihm zu flirten. Das Spiel begann wieder von vorne. Jedoch war er jetzt einen Schritt weiter…

photo credit: Edwin_Mitchell via photopin cc


9 Gedanken zu “Spiel mit verdeckter Herzdame

  1. hallo kiira,

    vielen dank für deinen sehr wohlwollenden kommentar!
    die erleichterung ist eine befreiung und die freude auf das neue, denn es gibt immer die nächste begegnung mit einem anderen menschen:-) und diesem menschen sollte man dann so frei wie möglich begegnen…

  2. Lieber fxhakan,
    Interessante Darstellung. Wochenlanges Warten, sich Unschlüssigsein, ist natürlich nie schön. Aber interessant, dass man dann bei einer Absage auch erleichtert reagieren kann. Das ist im Zusammenhang durchaus verständlich, aber von alleine wäre ich nicht auf die Idee gekommen. 🙂

    Ein Satz ist mir in Erinnerung geblieben:
    Am nächsten Tag schielte er immer wieder auf sein Handy. Der Drang, ihr zu schreiben, war schwerer als auf Schokolade zu verzichten. Dennoch schaffte er es irgendwie. Bei dem Gedanken an sie wurde er sofort traurig und verlor so jeden Antrieb.
    Das ist ein wiiiiirklich guter Vergleich! 😀 Dem kann ich mit vollem Herzen zustimmen.

    Liebe Grüße,
    Kiira

  3. …ich lese auf jeden Fall deinen Blog gern und freue mich auf weitere lebensnahe Betrachtungen und neue Beiträge von dir!

  4. hallo tatjana,

    danke für deinen kommentar!
    auch wenn ich ab und an in der “ich”-form schreibe, stecke nicht ich dahinter, sondern ein von mir fingiert eingesetzter “ich”-erzähler;-) wie du richtig schreibst hat vieles autobiographische züge. es sind fragmente eines oder mehrer leben, die ich zusammenwürfle, um der realität doch noch einen sinn aufzudrücken…

  5. …als Neu-Blogleserin und Fan der Geschichte “Beraubt!” hatte ich schon sehnsuchtsvoll eine Kolumne aus der Sicht eines Mannes zum Thema “Spielen mit Gefühlen” erwartet. Und nun das. ;-)) Ich hätte schwören können, die Geschichte hat autobiographische Züge. Aber scheinbar beliebst du einfach nur bekannte Dinge aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten, um daraus etwas gänzlich Neues zu “stricken”. Dennoch: Danke, auch für den Song (ich stehe auf Jan Delay…länger nicht gehört). Was nehmen wir mit? Gefühle (hin- oder her): Spielen (mit Gefühlen) das lasse sein!

  6. Nun kam ich endlich auch dazu den Gegenpart zu lesen! Erstaundlich wie auch eine Absage die Erleichterung bringen kann.

    Ich denke das liegt daran das ein gewisser Teil der Hoffnung nie frei ist, wenn sich noch ein kleiner Funken davon bietet. Zumindest lese ich das hier heraus das er kein Mensch ist der aufgibt. Und so konnte er erst nach dem Endgültigen aufgeben an sie zu denken, sie haben zu wollen.

    Und so soll man sich merken – das Spielen mit Gefühlen ist eine verletzende Sache. Auch wenn noch keine allzu starken Gefühle im Spiel sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.