Beraubt!

radioher by proserpina

Als Jugendlicher war ich ein Ausländer und schüchtern. Ich ging ungern in Läden hinein, um zu stöbern, weil mich mit Sicherheit irgendwann eine Verkäuferin ansprach. Aber der Buchladen, das war ein Ort, den ich immer gerne aufsuchte. Meine Aufregung war dann ganz anderer Natur.

An jenem hellen Sommertag freute ich mich wieder auf den Buchladen. Ich hatte wieder ein Buch zu Ende gelesen und wollte mir jetzt ein Neues aussuchen. Mein Herz schlug bei der bevorstehenden Entdeckungsreise höher. Im Gegensatz zu allen anderen Einkäufen, die sehr zielgerichtet waren, ließ ich mir hierbei immer Zeit. Nahm jedes Buch einzeln in die Hand, wog es genussvoll, wendete es ein paar Mal hin und her. Ich atmete den Duft aus frischem Papier ein, blätterte gewollt ziellos darin und schlug dann irgendeine Seite auf. Nur diesmal kam alles anders.

Ich betrat den Laden. Im ersten Augenblick konnte ich nichts erkennen und hielt einen Moment inne, atmete andächtig die Luft ein. Bücher sind heilig, sagten meine Eltern in einem ehrfurchtsvollen und feierlichen Ton. Heilig, weil sich darin Wissen und Bildung fand, die wichtig für einen scharfen Verstand waren. Lesen war der Weg dorthin. Damit lösten sie bei mir eine anhaltende Faszination aus. Ich kaufte mir so viele Bücher, wie es mein Taschengeld zuließ und verschlang sie förmlich. Meine Eltern gaben mir gerne zusätzlich Geld dafür. Ich nutze das aber nie aus. Die Comics oder Bücher zum Knacken von Software auf meinem geliebten C=64er kaufte ich mit meinem gesparten Taschengeld.

Nach der Hitze draußen war es hier drinnen erfrischend und belebend. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an das Licht. Zu beiden Seiten des Raums stapelten sich Bücher turmhoch wie Säulen in einem Tempel. Gleich vor mir befand sich der Altar mit bunt gemischtem Spielzeug, Tassen und anderem Kram, die den Leser zum Konsum verführen sollten. Mich aber nicht. Ich blickte direkt nach links zu meinen Büchern. Dort lagen sie in weißen Regalen, die so absurd hoch waren, dass einige von ihnen nur über eine Leiter erreicht werden konnten. Ich schmunzelte und machte einen Schritt als mich plötzlich zwei Augen trafen.

Zwei Augen aus dem Nichts. Sie starrten mich an. Anklagend. Ich weiß, was du vorhast, schienen sie zu sagen, also geh wieder! Ich wich ihnen nicht aus, aber ich wurde langsamer und schwankte, als hätte mich etwas getroffen. Ein Mann. Ich konnte ihm nicht weichen und ging direkt auf ihn zu. Er blinzelte nicht. Schweiß schoss durch all meine Poren. Ich fühlte mich wie jemand, der ein Verbrechen begangen hatte und dabei ertappt wurde, obwohl er unschuldig war. Absurd! Er aber stand einfach nur da, bewegungslos. Mitten zwischen den Büchern ragte er unheilvoll heraus. Er war wie ein Türsteher, der aufpasste, dass ja die richtigen Menschen hineinkamen. Heute nur für Stammgäste!, schien er mir zuzurufen. Ich bin auf einem Gymnasium und kann den Faust auswendig, verteidigte ich mich. Ich konnte ihn nicht richtig erkennen. Er trug einen dunklen Anzug, der zugeknöpft schien. Darin wirkte er schlank. Keine Krawatte. Einen streng gekämmten Scheitel konnte ich erkennen. Dem ist das alles egal, maulte ich in mich hinein als mir ein Licht auffing: das ist ein Detektiv! Ich merkte, wie ich immer noch in seine Richtung ging, aber nun schwankte ich nicht mehr. Ich warf ihm einen „Du kannst mich mal!“ Blick zu und ging nach links zu meinen Büchern. Meine Knie fühlten sich noch weich an. Jetzt allerdings wusste er, dass ich ihn auch gesehen hatte.

Die Aufstellung der Bücher verstand ich nicht. So fand ich meine hochwertige Literatur direkt rechts neben der Science-Fiction. Perry Rhodan grüßt Thomas Mann! Noch mehr irritierte mich die alte Dame davor. Sie stand links neben mir. Müssten wir beide nicht die Plätze tauschen, amüsierte ich mich. Oder hatte sie sich verlaufen? Vielleicht suchte sie ein Geschenk für ihre Enkel? Sie wirkte etwas verloren auf mich und von ganz alleine stehen konnte sie scheinbar auch nicht. Sie hielt sich leicht gekrümmt am Griff ihrer rollbaren Einkaufstasche fest. Ich wand mich endlich meinen Büchern zu.

Doch sie störe mich. Aus meinem Augenwinkel konnte ich sehen, dass sie sich krümmte und krümmte. Ihre Bewegung schien nicht aufhören zu wollen. Sackt sie gerade in sich zusammen oder ist sie eingeschlafen? Ich drehte mich ein wenig zu ihr. Nein, es war ein stetiges Sich-Nach-Unten-Beugen, hinunter zu den Büchern im untersten Regal. Dabei kräuselte sich ihre mattgrüne Strickjacke unter ihrem Bauch und warf starke Falten auf, die Schlaufen bildeten und sich aneinander reihten. Darunter trug sie eine helle Bluse. Beides langärmelig und für meinen Geschmack zu warm. Sie nährte sich gefährlich den Regalbrettern mit ihren gepflegten dauerwellengelockten Haaren. Soll ich ihr helfen? Und hoffentlich kommt sie wieder hoch, seufzte ich in mich hinein als mehrere Haarnadeln in ihren Locken verstohlen aufblitzten.

Sie hatte etwas im Blick. Griff danach und zog das Buch schwungvoll heraus. Es war ein richtig dicker Wälzer mit bunt bemaltem Cover. Puh, rief ich innerlich aus und hatte mich jetzt komplett ihr zugewandt. Das Buch muss doch viel zu schwer für sie sein! Damit kommt sie bestimmt nicht hoch, dachte ich. Hatte sie auch nicht vor!

Sie blieb einfach in dieser gebückten Haltung, für die ihr Rücken ideal geschaffen zu sein schien. Drehte sich zu ihrer Tasche in abgestimmten Grün, öffnete gemütlich den Reißverschluss an der unteren Seite und ließ das Buch hineingleiten. Verstaute es unter allem möglichen Kram. Dann zog sie ruhig den Reißverschluss wieder zu. Ihre Körpersprache drückte aus: dieses Buch gehört bereits mir! Sie schuf diese perfekte Illusion wie ein Magier, als sei es etwas völlig Normales und Natürliches. Hat sie eben das Buch wirklich – ich zögerte – geklaut? Ja, sie hatte das Buch eben gestohlen. Direkt vor meinen Augen!

Was sollte ich jetzt machen! Sollte ich sie ansprechen oder zu einer Verkäuferin gehen? Ich kann doch keine alte Dame verpetzen! Nein, eine Dame war sie gewiss nicht! Mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Ich hatte selbst nie den Mut aufgebracht, zu klauen. Jetzt schaffte ich es nicht einmal, anständig bei einem Diebstahl anwesend zu sein! Sie hingegen muss das häufiger gemacht haben, so routiniert wie sie war. Ich wäre bestimmt in ihrem Alter an Herzinfarkt draufgegangen!

Ich rang nach Luft und blicke mit offenem Mund, offenen Augen und alles was sich noch im Gesicht öffnen ließ in dem Laden umher, in der Hoffnung, jemanden oder etwas zu entdecken, das mir hier weiterhelfen konnte. Dann sah ich ihn! Genau in diesem Moment, in dem ich bestimmt wie ein Kleinkrimineller wirkte, der gerade sein Terrain sondierte!

Natürlich schaute er mich noch immer an. Der gleiche Blick. Du kannst mich mal!, rufe ich innerlich aus. Wieder, aber diesmal richtig! Diese alte Frau klaut direkt neben mir ein fettes Buch und du – du schaust nur mich an! Am liebsten würde ich mich zu der Frau hinunterbeugen und alle Bücher aus dem Regal in ihre Tasche stopfen! Sie hatte sich bereits aufgerichtet und ging zum Ausgang.

Jetzt gehe ich auch! Und zwar ohne ein Buch zu kaufen! Ich fühlte mich betrogen und um mein bescheidenes Vergnügen beraubt. Ich hatte nichts Verbotenes getan und wurde trotzdem aus dem Bücherparadies vertrieben! Ich eilte stampfend zur Tür und beinahe hätte ich die alte Frau eingeholt als mich jemand am Arm packte und abrupt zurückzog.

„Moment!“
„Hey, was soll das!“ Ich drehte mich um. Er war es! Jetzt verstand ich den Spruch „Herz rutscht in die Hose“. Er hielt mich immer noch fest.
„Lassen Sie mich los!“, warf ich ihm entgegen. „Ich habe nichts geklaut“, setzte ich nach und drehte mich zur Tür. „Die alte Frau da“, rief ich aus und zeigte dorthin, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Sie war verschwunden!
„Gib mir sofort deinen Rucksack!“
„Welchen Rucksack?“ Ich hatte völlig vergessen, dass ich meinen Rucksack lässig über meiner linken Schulter herunterhängen ließ. Jetzt ließ ich meine Schultern entmutigt heruntersacken. Der Rucksack glitt ohne mein Zutun ins seine Hand. Er öffnete es schnell und griff hinein. Rührte wie wild darin herum.
„Nichts!“ Er schaute mich zuerst fassungslos und dann vorwurfsvoll an.
„Aber du hast dich doch auffällig benommen!“

Leise sagte ich: „Entschuldigung“ und verließ geknickt mit offenem Rucksack den entweihten Büchertempel.

photo credit: radioher via photopin cc

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